Yasujiro Ozu. Von vielen Filmkritikern, hauptsächlich denjenigen aus dem Westen, immer wieder als der „japanischste“ aller japanischen Filmregisseure bezeichnet. Aber stimmt das denn wirklich? Sind denn nicht gerade die Filme von Ozu, die sich, schon von den frühen 30er Jahren an bis in die 60er, zumeist mit familiären Problemen beschäftigen, nicht gerade die universellsten Filme, also welche, die weltweit verstanden werden können? Beschäftigten sich Regisseure wie Kenji Mizoguchi, Akira Kurosawa, Kaneto Shindo, Masaki Kobayashi alle öfters mal mit spezifisch japanischen Themen, und wendeten dafür eine zum größten Teil westliche Filmsprache an, so ist Ozu meiner Meinung nach nicht der „japanischste“ der japanischen Regisseure des vergangenen Jahrhunderts. Natürlich, ist man Japaner oder kennt sich mit der japanischen Kultur, Geschichte und Traditionen aus, so lässt sich einiges bei Ozu entdecken und in Japan spezifischer Hinsicht diskutieren, aber im Vordergrund stehen hier allgemein menschliche Gefühle, Probleme, Lebensweisen.
Noriko (gespielt von Setsuko Hara) ist bald Ende 20 und lebt noch bei ihrem verwitweten Vater Shukichi (gespielt von Chishu Ryu, der in unzähligen von Ozus Filmen eine Hauptrolle spielt). Sie soll endlich heiraten, dass versucht jeder ihr zu vermitteln. Irgendwann wird sie diese Chance nicht mehr haben, also muss sie nun endlich zu einer Entscheidung kommen. Ihrem Vater ist das zwar innerlich sehr schmerzhaft, da damit für ihn ein großer Verlust einhergeht, aber die Tradition und Sitte will es so, und letztendlich, so meint man, trägt dies ja auch zu Norikos Glück bei. So wird sich also von nun an bemüht, einen passenden Partner für Noriko zu finden. Erst sträubt sie sich noch vehement dagegen, doch mit der Zeit sieht sie ein, dass es wohl so sein muss.
Der Vater von Noriko sieht ganz klar ein, dass sein Leben bald ein Ende nehmen wird.
Sollte Noriko aber weiter bei ihm bleiben, wird es bald zu spät sein für sie einen Mann zu finden, und wenn er dann tot wäre, wäre sie alleine und einsam. Darum soll sie nun verheiratet werden, damit ihr Leben in Zukunft gesichert ist.
So schmerzhaft dieser Umstand auch ist, seine Tochter zu verlieren, der Verstand siegt über die Gefühle.
So konventionell die Geschichte auch klingen mag (und dies ist eine Geschichte, die, immer wieder in verschiedenen Variationen, bei Ozu oft auftaucht), so brillant, einfühlsam und beruhigend wurde sie hier verfilmt. Und die Geschichte, was zählt diese eigentlich schon groß bei Ozu? Sie ähnelt sich ständig bei Ozu, man könnte bei einigen Filmen schon ganz klar von Neuverfilmungen sprechen, aber sie ist halt auch nicht das Wichtigste. Das Wichtigste in Ozu Filmen sind die kleinen Gesten, die beruhigende Stimmung, in denen Ozu Filme einen zurücklassen. Man fühlt sich in die Charaktere ein, weil diese einem so wunderbar vertraut vorkommen. Das Wichtigste in seinen Filmen überhaupt - sind die Charaktere. Die Handlung und die Orte sind Nebensache. Ozu erklärte, dass wenn er an einem Drehbuch arbeitete, er nur die Charaktere entwickelte und nicht an die Drehorte wie zum Beipiel ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer oder auch Plätze wie Strände, Flüsse etc. dachte, sondern nur Dialog ausarbeitete. Man fühlt sich beinahe zu Hause – obwohl wir uns doch im „exotischen“ Japan befinden.
„Late Spring“ kann besonders als Vorzeigefilm von Ozu dienen, um die beruhigende, meditative Kraft von seinen Filmen anderen verständlich zu erklären und mit Beispielen zu belegen. So enthält dieser Film eine mehrminütige, klassische„Noh-Theater“-Szene, wo die Kamera die meiste Zeit über still auf der Bühne verharrt, den Schauspieler beobachtet wie er die bedachten, ritualisierten Bewegungen ausführt und nur in wenigen Augenblicken wegschneidet, um die Handlung an einer bestimmten Stelle weiterzuführen. Unterlegt ist die Szenen natürlich mit dem wunderbaren, mystischen Sprechgesang und der Musik, die das Noh-Theater begleitet.
Dann lässt Ozu immer wieder in seinen Filmen (in manchen stärker ausgeprägt als in anderen) so genannte „pillow-shots“ einfließen. Die so genannten „pillow shots“ in Ozu Filmen dienen oft der Entspannung. Man wird für einen Moment aus der Handlung genommen und kann sicht beruhigen – die Anspannung der Handlung wird genommen. So wird zum Beispiel in einer unbeweglichen Kameraeinstellung ein bestimmtes Objekt, eine Landschaft, ein Haus oder ähnliches gezeigt. Wird heute in Hollywood Filmen hauptsächlich versucht die Spannung immer mehr zu steigern, wird in Ozu Filmen versucht die Spannung durch solche Einstellungen absichtlich zu nehmen – einen entspannter zu machen. Kommt man aus einem Ozu Film raus, fühlt man sich entspannt, ausgeruht und zufrieden. Wogegen man nach einem aktuellen Hollywood Film sich aufgeregt, durcheinander und wie nach einer Achterbahnfahrt oder ähnliches sich fühlt. Diese shots wurden auch „curtain shots“ genannt – als ob sich ein Vorhang über eine Szene gelegt hat und nun die nächste folgt.
Was in „Late Spring“ auch zum Ausdruck kommt (wie ebenfalls in vielen Ozu-Filmen), ist der japanische Begriff des „mono no aware“. Mit diesem Begriff wird der Unterton einer gewissen Traurigkeit bei einer schönen Sache hervorgehoben, des Bewusstseins, dass man einen schönen Moment erlebt – dieser aber auch wieder vergänglich ist. Es ist ein schöner Moment – die Tochter wird heiraten. Doch gleichzeitig wissen beide, Noriko und Ihr Vater, ob der Traurigkeit des Moments. Und das der Moment der Schönheit nur flüchtig ist. Danach wird sich Einsamkeit für den Vater einstellen, und die Tochter geht in eine unbekannte Zukunft.
Was Ozu auch subtil in seinen Film einarbeitete, war die Zeit nach dem II. Weltkrieg und die Umbrüche, in der sich die (japanische) Gesellschaft nun befand. Bis 1948 war es fast unmöglich für japanische Frauen, sich scheiden zu lassen. In Ozus Film „Late Spring“ taucht eine geschiedene Frau auf. Durch solche kleinen Details werden wir uns bewusst, dass wir uns in einem neuen Japan befinden, dem Japan nach dem Krieg.
Ozus Filme handeln von der Struktur des Lebens. Über unsere Versöhnung mit dem Leben. Man kann sie sich immer wieder ansehen, weil sie wie gute Musik sind. Es ist nicht wichtig was als nächstes in einer Szene passiert, es ist wichtig was gerade passiert, wie in der Musik. Man kann die Filme immer wieder ansehen weil sie einen immer wieder gefallen, einen beruhigen, einen zu bewegen und außerdem zur selben Zeit einem Gelegenheit dazu geben, über seine eigenen Gefühle ins Reine zu kommen. Während Ozus Filmen hat man genug Zeit, auch über sich selbst und die eigenen Gedanken zu reflektieren.