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Nur ein Jahr nach „The Day After" kam aus England ein weiterer Beitrag zum Thema Atomkrieg und seine Folgen namens „Threads". Mit einem minimalistisch anmutenden Cast und einem streng wissenschaftlichen Hintergrund sind hier die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation eher fließend zu nennen. Es ist bis heute völlig unerklärlich, warum es für eine deutsche Veröffentlichung nie gereicht hat. Und auch in UK ist der Film seit seiner Premiere ein seltener Gast geblieben. Ist die Radikalität, die Kompromisslosigkeit, die diesem Film innewohnt, dafür verantwortlich?

Der Anfang des Filmes ist ungewöhnlich. Wir sehen eine Spinne in Großaufnahme, sie ist gerade dabei einen Faden zu spinnen. So auch der Titel des Filmes „Threads" - Fäden: Die zivilisierte Welt wird von vielen Fäden zusammengehalten, sind miteinander verwoben. Eine funktionierende Volkswirtschaft, gewachsene Infrastrukturen, eine umfängliche Gesetzgebung. Was passiert, wenn alle diese Fäden auseinander gerissen werden, können wir Menschen außerhalb dieser Strukturen unser Leben gestalten?

Sheffield - eine Industriestadt im Herzen Großbritanniens. Hier schlägt das Herz der britischen Stahlindustrie. Überall rußige Industrieanlagen, qualmende Schlote, verstopfte Straßen zur Rush Hour, eine halbe Million Menschen leben und arbeiten auf engstem Raum, auch das Paar Ruth und Jimmy ist hier zu Hause. Ruth ist schwanger, die beiden schmieden Hochzeitspläne.

Die Normalität des Lebens wird erschüttert durch Meldungen von Scharmützeln im Persischen Golf zwischen Amerikanern und Sowjets. Neben einigen wenigen Fernsehberichten beschränkt man sich zumeist darauf, die sich in den nächsten Wochen verschärfenden Lage mittels eingeblendeten Tickermeldungen, wie eine Art Fernschreiber, in das Bewusstsein der Zuschauer förmlich zu hämmern. Mit minutiöser Genauigkeit läuft das Szenario vor den Augen der Zuschauer ab und dramatisiert bereits in dieser Phase den weiteren Verlauf. Als über der Nordsee die ersten atomaren Explosionen erfolgen, heulten bereits die Sirenen in Sheffield. Eine Stadt gerät in Panik, der Bürgermeisterstab agiert in einem Keller hilflos. Ein großer Atompilz steht am Himmel...

Bis hierher orientiert sich „Threads" erstaunlich eng an seinem Vorläufer „The Day After". Der einsetzende Feuersturm und die Vernichtungswut ist hier sogar minimalistischer ausgefallen als in seinem Hollywood-Pendant, doch die Auswirkungen sind genauso verheerend. Am Tag danach ist alles zerstört, Leichen überall und die Menschen, in Kellern Schutz suchend, werden später Opfer der Strahlung...

„Threads" ist in jeder Sekunde deprimierend, oder einfach nur hoffnungslos. Ein Atomkrieg macht keine Gefangenen. Die, die jetzt noch leben, wären vielleicht besser gleich tot. Dort, wo „The Day After" aufhört, fängt „Threads" an, die gruslige Fiktion weiterzuerzählen. Ruth ist die einzige bekannte Figur, die überlebt hat, ihre Eltern sind tot, das Schicksal ihres Freundes bleibt ungeklärt. Eine Story hat der Film somit kaum noch zu erzählen und der Film gerät immer mehr zu einer Dokumentation. Der bereits genannte Stil einer Protokollierung der Ereignisse mittels Fernschreiberoptik wird auch in der Endphase des Filmes beibehalten und zeigt, dass Zahlen und Fakten ein ganz eigenes Bild des Grauens schaffen können: Der nukleare Winter tritt ein, drei Wochen nach dem Angriff gibt es zwischen 10 und 20 Mio. Tote, einige Monate später steigt die Zahl bis auf 38 Mio. Toten allein in Großbritannien. Das fehlende Sonnenlicht sorgt für kümmerlichen Pflanzenwuchs, nachdem die Industrie zum Erliegen gekommen ist, kann auch die Landwirtschaft keine Nahrungsmittel mehr produzieren.

Ein Faden nach dem anderen reißt: Kein Strom und kein Wasser heißt keine Volkswirtschaft, mangelnde Versorgung in den wenigen Krankenhäusern. Keine Landwirtschaft heißt Hunger in der noch lebenden Bevölkerung. Hungernde Bevölkerung heißt Unruhen, Unruhen können nur durch einen rudimentär vorhandenen Polizeistaat bekämpft werden. Doch die Bevölkerung schrumpft immer weiter, die letzten Fäden der Zivilisation verschwinden, die Gesellschaft ist in der Auflösung begriffen. „Threads" dreht das Rad der menschlichen Evolution gnadenlos rückwärts, bald sind wir in einer Art Steinzeit angekommen, es leben nur noch wenige Millionen Menschen. Die Sonne kommt wieder, doch es fehlt die schützende Ozonschicht. Das Krebsrisiko steigt. Es wird noch Jahre dauern, bis die Bevölkerung wieder anwächst, und die Neugeborenen werden an den Spätfolgen der Strahlungen leiden.

Dabei sollte trotzdem bemerkt werden, dass auch jede noch so wissenschaftliche Forschung nicht nachstellen kann, wie ein Szenario nach einem Atomkrieg aussieht. Weit weg von der Realität wird es dennoch nicht sein. „Threads" wirkt trotz seiner Düsternis trotzdem nie sensationslüstern, bei vielen Szenen spielt sich das Grauen im Kopf des Zuschauers ab, wie beim Schlussbild als die Tochter von Ruth - die mittlerweile an Leukämie gestorben ist - in einem verwahrlosten Krankenhaus ihr Kind tot und missgebildet zur Welt bringt, der Zuschauer sieht aber nur die fassungslose Mutter im Bild.

Fazit: „Threads" ist für jeden Zuschauer ein Schlag in die Magengrube. Ich möchte den englischen Beitrag allerdings nicht zum alleinigen Pflichtstoff erheben, wenn man sich mit dem atomaren Holocaust beschäftigen will. In Ergänzung zu „The Day After" ist der Film mit seiner Mischung aus dokumentarisch-wissenschaftlicher Abgeklärtheit und deprimierenden Bildern eine leider nur zu gelungene Fortsetzung zu einer Thematik, mit der man sich gewiss nicht jeden Abend befassen will.

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