Review

Wo fangen wir an, diesen Film auseinader zu pflücken?
Denn das verdient er allemal.
Selten hat es eine Literaturverfilmung gewagt, sich so stark von der Vorlage zu entfernen und dennoch so gefeiert zu werden!!!
Ist der ganze Lob gerechtfertigt?

Fangen wir mit den Diskrepanzen an:

1. Fehlbesetzung des Hauptdarstellers:
Wenn es einen James Bond Darsteller gibt, der von Ecos Beschreibung her den Protagonisten hätte spielen dürfen, dann wäre es ein Rothaariger, sommersprossiger Typ sein müssen: Roger Moore.
Warum es trotzdem funktioniert: Sean Connery ist einfach eine Instanz, der mit seinem Spiel und seinem Charisma, das Publikum schnell auf seine Seite zieht. Und wie der Kerl ausschaut ist absolute Nebensache.

2. Der Protagonist und seine Umsetzung:
In der Vorlage leicht Drogensüchtig, nicht mehr ganz gläubig und am Ende der Pest anheim fallend und sterbend, gibt es das im Film nicht.
Warum es trotzdem funktioniert: Der Film ist schon düster genug, ohne dass auch noch eine deprimierende Schlußandektode hinzugefügt werden müßte. Der Film funktioniert auf dieser simplifizierten Ebene als historischer Krimi einwandfrei und wirkt als geradeliniger Film auch nicht unnötig überfrachtet.

3. Der Inquisitor:
Kommt im Buch davon
Warum es trotzdem funktioniert: Siehe 2. Künstlerische Freiheiten sind nun mal nötig, um historisch verbürgte Charaktere der gerechten Strafe zuzuführen, denen sie nie wirklich zugeführt wurden. Also muß er im Film sterben. Das Publikum würde nicht nur nicht verstehen, warum er davon kommt, es würde auch seinen so abrupten Weggang nicht würdigen.

4. Die Frau:
Stirbt im Buch
Warum es trotzdem funktioniert: Damit der Film als ganzes Rundes funktionieren kann, muß sie im Film Christian Slater vor die Wahl stellen und er muß sich einer finalen Entscheidung stellen.

5. Der Schluß:
Der Ich-Erzähler bereut seine Entscheidung im Film nicht.
Im Buch hat er gar keine Wahl, und hätte er eine gehabt, wäre seine Entscheidung ganz anders ausgefallen.
Warum es trotzdem funktioniert: Da der Film das ganze ketzerische Gedankengut, was im Buch mehr oder weniger schon die Quintessenz ist, als Randthema benutzt, um seine Detektivgeschichte voranzutreiben, kann man am Ende nicht plötzlich den Schwenk machen und es doch zur Quintessenz umfunktionieren, also wird es einfach vernachlässigt und der Zuschauer merkt keinerlei Defizit.
Sehr schlau umgesetzt, ansonsten wäre das Werk locker eine Stunde länger, weitaus zäher und würde ggf. aufgebläht und überfrachtet wirken.
Man muß, will man 700 Seiten in zwei Stunden packen, gewisse Abstriche in Kauf nehmen.

6. Der Name der Rose:
Weiß einer der Zuschauer auf dem ersten Blick, warum der Film so heißt?
Nein?
Der Leser des Buches schon!
Warum es trotzdem funktioniert: Der Film nimmt einen derart mit und ist so spannend umgesetzt, dass es ehrlich gesagt nicht wirklich interessiert.

7. Die Abrechnung mit der Kirche:
Erfolgt im Buch weitaus drastischer und konsequenter.
Warum es trotzdem funktioniert: Hier wird eine historische Kriminalgeschichte erzählt, die zufällig in einer Abtei spielt, nicht mehr nicht weniger.

Trotz der vielen Kritikpunkte wird also eine runde stringente spannend erzählte Geschichte erzählt, die für Literaturverfilmungen veränderter Art als Maßstab angesetzt werden kann: Ein bißchen künstlerische Freiheiten für den richtigen Erzählfluß sind nicht nur erlaubt, sie sind sogar erwünscht, wenn sie funktionieren.
Ein Film ist niemals ein Buch und es gelten immer andere Maßstäbe.

Als Literaturverfilmung, die adäquat umgesetzt wurde, absolut mißraten. Als Film absolut gelungen.

Um die Eingangs aufgestellte Frage zu beantworten: Jein, der ganze Lob ist nicht vollends gerechtfertigt, dennoch irgendwie schon angebracht, denn mutig genug inszeniert, sich von der Vorlage weit genug zu entfernen, dass die Quintessenz flöten geht, aber die Story an sich aufrecht erhaltend.

8 Punkte als Film, Abzüge wegen der zu starken Abweichung muß es trotzdem geben, auch wenn es dem Film nicht schadet (vielleicht sogar gut tut), eine Verfremdung gegenüber dem wirklich sehr guten Buch ist dennoch vorhanden und das sollte schon geahndet werden: 7 Punkte.

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