"Eine wirklich gute Geschichte muss dich in eine andere Welt mitnehmen."
Regisseur Jean-Jacques Annaud bringt seine Verfilmung des
Bestsellers "Der Name der Rose" von Umberto Eco mit diesem Satz so
ziemlich auf den Punkt. Der Film soll den Zuschauer in die längst vergangene Welt des Mittelalters entführen und ihn mit einer spannenden Geschichte unterhalten. Und dies schafft der Film ungemein gut.
Die Story: Im Jahre 1327 kommen der Franziskanermönch William von Baskerville (Sean Connery) und sein Novize Adson (Christian Slater) in eine entlegene Abtei, in der ein Streitgespräch zwischen Vertretern von Mönchsorden und päpstlichen Gesandten stattfinden sollen. Doch eine Mordserie erschüttert die alten Gemäuer der Abtei und so machen sich die beiden Mönche daran, dem Sterben eine Ende zu setzen...
Das Idee (und häufig auch das Problem) vieler Literaturverfilmungen ist es ja, aus dem mannigfaltigen Stoff, der als Vorlage dient, das heraus zu ziehen, was für die Verfilmung am wichtigsten und geeignetesten ist: Die Grundidee, die wichtigsten Figuren, das Ende und damit die Pointe der Geschichte. Die Adapation von Ecos 600 Seiten Werk ist eine der gelungensten Verfilmungen von Literaturvorlagen, denn der Film versucht, etwas eigenes aus der Geschichte zu ziehen. Regisseur Annaud konzentriert sich in seinem Werk ganz auf die Figuren und das Leben zu der damaligen Zeit. Viele Komponenten des Eco'schen Werkes werden so über Bord geworfen. Von der Kultur- und Sprachgeschichte ist nicht mehr viel übrig geblieben, auch theologische und kirchengeschichtliche Aspekte wurden stark zurückgefahren. Das ganze ist aber nicht weiter schlimm, denn ein so komplexes Buch genau verfilmen zu wollen, ist natürlich ausgeschlossen. Es kommt eben darauf an, was man herausziehen kann. Schließlich soll der Zuschauer nicht mit Fakten gelangweilt, sondern in erster Linie unterhalten werden. Und das gelingt dem Film ausgezeichnet.
Annaud zeichnet ein sehr fesselndes Bild des Mittelalters, das bis in die kleinsten Details brilliant ausgestattet und gefilmt ist. Gedreht an teils originalen, teils nachgebauten Schauplätzen gelingt es der Verfilmung wie kaum eine andere den Eindruck, den man beim Lesen des Romans von der damaligen Zeit erlangt, kongenial auf die Leinwand zu bringen. Die Mittelalter-Atmosphäre in "Der Name der Rose" ist so dicht wie der Nebel, der die ganze Zeit die Abtei umgibt. Das Bild des 14. Jahrhunderts ist bei Annaud dunkel, dreckig, regenverhangen und nur wenig einladend. Die Macht und Arroganz der Kirche wird sehr eindrucksvoll dargestellt und lässt Parallelen in die heutige Zeit immer noch zu.
Einer der wenigen Lichtblicke ist da der von Sean Connery toll gespielte William von Baskerville, der in seinem Verstand und seiner Aufgeklärtheit der damaligen Zeit einige Jahrhunderte voraus ist. Baskerville ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung und so eine Art Sherlock Holmes, der mit Ruhe und Intelligenz versucht, die Probleme zu lösen. Er steht damit für den Fortschritt, das Denken und Reflektieren und ist damit ein Mann der Wissenschaft. Ihm gegenübergestellt ist der von F. Murray Abraham ebenfalls sehr überzeugend gespielte Bernardo Gui, ein Großinquisitor, der ebenfalls die Mordserie aufklären will, allerdings mit der Folter und dem Scheiterhaufen andere Methoden wählt. Er steht für das Alte, die dogmatische Kirche und den Stillstand und ist daher ein Mann des Glaubens. Das Duell beider ungleicher Männer macht den zweiten Teil des Films aus, in dem William von Baskerville auch mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.
Ansonsten ist die Geschichte wie eine typische Kriminalgeschichte aufgezogen, die mit immer neuen, teil bizarren Morden vorangetrieben wird, und bei der es darum geht, den Mörder zu stellen. Das Finale in der Bücherei ist packend inszeniert, generell verfügt der Film über einen ausgezeichneten Spannungsbogen. Langweilig wird die Geschichte trotz teils ruhiger Inszenierung nie, aber das liegt wie bereits erwähnt an der formidablen Atmosphäre, bei der man sich als Zuschauer fast wie im Mittelalter fühlt und den Dreck und Gestank fast spüren kann.
Das Ende der Verfilmung ist ein wenig problematisch geraten. Annauds Version nimmt sich recht viel Zeit für die Gefühle des vom jungen Christian Slater verkörperte Adson und dem unbekannten Mädchen (inklusive einer recht ausführlichen Sex-Szene). Dementsprechend fällt dann auch der Schluss aus, der zwar zur eigentlichen Inszenierung gut passt, aber eben auch sehr im Sinne von Hollywoodfilmen inszeniert ist. Im Roman ist das Ende deutlich trostloser und regt den Leser dadurch auch zum Nachdenken an.
Fazit: "Der Name der Rose" ist eine der dichtesten Romanverfilmungen, die es gibt. Das gilt nicht unbedingt für die Geschichte, sondern für die Mittelalter-Stimmung, der sich beim Schauen niemand wirklich entziehen kann. Der kommerziell überaus erfolgreiche Film will in erster Linie unterhalten. Für weitere, tiefergehende Informationen und Eindrücke kann man ja dann auf das tolle Buch von Umberto Eco zurückgreifen. Trotz des etwas seichten Endes ist der Film meiner Meinung nach auch das beste Werk von Produzent Bernd Eichinger.