Zwar wirken gegen den 1962 in Portland, Oregon geborenen Regisseur David DeCoteau selbst Albert Pyun und Uwe Boll gelegentlich wie Eastwood, Minghella oder Scorsese, doch dem fleißigen Filmemacher, der in den letzten 20 Jahren mehr als 50 B-Movies mit klangvollen Titeln wie „Test Tube Teens from the Year 2000“ oder „Sorority Babes in the Slimeball Bowl-O-Rama“ (zum Teil unter einer Vielzahl Pseudonyme) inszenierte, ist es im Laufe der Zeit gelungen, eine loyale Fanbasis aufzubauen, die jeder neuen Veröffentlichung erwartungsvoll entgegenfiebert. Seinen Einstieg ins Business gelang ihm 1980, als Roger Corman ihn bei „New Word Pictures“ als Produktionsassistent einstellte, ein Jahr später arbeitet er gar in dieser Funktion an Carpenter´s Klassiker „Escape from New York“. Eine weitere Branchen-Legende, Charles Band höchstpersönlich, ermöglichte es ihm schließlich, selbst Regie zu führen – primär bei Trash-Streifen á la „Creepozoids“ oder „I was a Teenage Sex Maniac“. Irgendwann entschied sich DeCoteau, seines Zeichens ein bekennender Homosexueller, einen eigenen Stil zu kreieren, in welchen er zugleich seine persönlichen Vorlieben einbinden kann: Seit „Voodoo Academy“ (2000) dreht er dementsprechend (erstaunlich erfolgreich) vorwiegend Low-Budget-Horror-Flicks mit homoerotischem Einschlag – streng nach den eigenen Regeln „no Nudity, no gay Kissing, no overtly gay Characters“. Zu seinem Markenzeichen avancierte das Zeigen durchtrainierter, gut aussehender Männer in Boxer Briefs. Gelegentlich gelingt es ihm auch, bekanntere Akteure als die sonst üblichen „No-Names“ zu verpflichten, wie etwa Jaime Pressly, Richard Grieco, Mario Lopez, Joanna Cassidy, Adrienne Barbeau oder Eric Roberts – letzterer spielt in dieser vorliegenden Produktion, nämlich „Wolves of Wall Street“ (2002), einen zentralen Part…
Sein ganzes Leben lang hat Jeff Allen (William Gregory Lee) davon geträumt, ein Börsenmakler an der Wall Street zu werden – mit diesem Ziel im Gepäck, reist er von seiner ländlichen Heimat aus nach New York, wo er relativ zügig etwas außerhalb Manhattans eine bezahlbare Wohnung findet, so dass er seine besorgte Mutter am Telefon wenigstens in dieser Hinsicht beruhigen kann. Das Problem ist nur der ewige Teufelskreis: Kein Job ohne Berufserfahrung, welche er sich jedoch nicht ohne passende Tätigkeit aneignen kann. Enttäuscht und niedergeschlagen genehmigt er sich am Ende eines langen Tages voller unergiebiger Vorstellungsgespräche einen Drink in einer Bar, welche zugleich ein beliebter Broker-Treff ist. Er und die nette junge Dame hinterm Tresen, Annabella Morris (Elisa Donovan), sind sich auf Anhieb sympathisch – als sie erkennt, wie ernst ihm sein Wunsch ist, in dieses Geschäft einzusteigen, vermittelt sie ihm einen Termin bei der renommierten Firma „Wolfe Brothers“, bei der ihr Ex tätig war, bevor jener unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Es gelingt ihm, den örtlichen Managing Partner Dyson Keller (Eric Roberts), welcher immer nach neuen Talenten Ausschau hält, bei einem Gespräch davon zu überzeugen, dass er Potential in sich trägt sowie gewillt ist, sich vollkommen in den Job einzubringen – Lohn der Mühe ist eine vierzehntägige Trainee-Phase, in der er sich beweisen muss. Vince (Michael Bergin), Dyson´s rechte Hand, weist ihn daraufhin in die äußerst ernst genommenen Regeln und Abläufe ein, wobei viel Wert auf die klare Firmenideologie gelegt wird, welche man ihm fortwährend in Gestalt illustrativer Gleichnisse ins Bewusstsein drängt: Das Team betrachtet sich als ein Wolfsrudel in dieser „Dog eat Dog“-Welt da draußen, die Treue zum Unternehmen steht an erster Stelle, dicht gefolgt vom zu erzielenden finanziellen Profit – alles andere ist unwichtig, was es der aufblühenden Beziehung zwischen Jeff und Annabella umso schwerer macht.
Am Ende der knappen Probephase gehört die ersehnte Position ihm allein – er hat es geschafft, und zielstrebig stürzt er sich ins Geschäft wie ein Raubtier auf seine Beute. Nach einer feucht-fröhlichen Firmenfeier erwacht er eines Morgens mit einer Bisswunde am Hals – fortan wirken seine Sinne geschärft, er ist leichter reizbar, findet plötzlich ungewöhnliches Gefallen an Steak Tartar und fühlt sich stark vom Mond angezogen. Irgendetwas passiert mit ihm – er ist sich bloß keineswegs sicher, ob diese Wandlung eine gute oder schlechte darstellt. Annabella beunruhigt das jedenfalls sehr, zumal Dyson ein Keil zwischen sie zu treiben versucht: Jeff hält er an, sich noch nachhaltiger in die Gemeinschaft zu integrieren, doch jener glaubt inzwischen, dass sein Boss selbst ein Auge auf die hübsche Rothaarige geworfen hat, was natürlich zu Eifersucht und Reibereien führt. Er sucht Rat bei Vince, der ihm einen Vortrag darüber hält, dass er sich seinen neuen animalischen Instinkten besser hingeben sollte, da Monogamie nun nicht mehr in seiner Natur liegen würde – auf einer privaten After-Work-Party veranschaulicht er Jeff die Wirkung bestimmter Pheromone, welche er inzwischen wittern kann, am Beispiel einer attraktiven Frau…ein Seitensprung ist die Folge. Seiner Freundin verheimlicht er das, wie auch die Albträume oder das (vielleicht eingebildete, eventuell aber tatsächliche) Reißen eines Joggers am frühen Morgen. An dem Punkt erkennt er, dass er rechtzeitig den Ausstieg schaffen muss – erwartungsgemäß kann bzw will Dyson das nicht zulassen, und von Annabella erfährt er schließlich, nachdem er sie ebenfalls im Rahmen eines Wutausbruchs angegriffen hat, dass ihr Ex unter den gleichen Symptomen und Gedanken litt, bevor man ihn bestialisch ermordet aufgefunden hat. Jeff´s einzige Chance scheint darin zu bestehen, den Leitwolf zu töten, um auf diese Weise den „Bann“ zu brechen…
„Wolves of Wall Street“ besitzt ein starkes Ausgangskonzept: Ziel war es nicht, ein Creature-Feature zu erschaffen, sondern vielmehr eine inhaltliche Parabel bzw Allegorie, bei der das im Vordergrund stehende Geschehen auf der Bildebene klar einer (mehr oder minder verborgenen) Intention auf der Sachebene untergeordnet ist. Die Lykanthropie steht in diesem Fall, wie schon des Öfteren in der Vergangenheit, für Veränderung (siehe u.a. die Genre-Referenz „Ginger Snaps“). Barry L.Levy´s („the Brotherhood“) Skript zeigt auf, wie der Reiz von Macht und Geld eine eigentlich gutmütige Person in Versuchung führen, vereinnahmen und schließlich verändern kann – charakterlich sowie äußerlich, zum Beispiel in Form von Kleidung und Auftreten. Broker benötigen geschärfte Instinkte, auf die sie sich verlassen können, die Jagd (etwa eine Kaufverhandlung) erregt sie, das Erlegen der Beute (ein Abschluss) stellt den befriedigenden Höhepunkt dar, nach welchem gleich das nächste „Opfer“ angegangen werden muss, denn dieses Vorgehen ist förmlich zu einer rauschhaften Sucht, dem Zentrum ihrer Existenz geworden. Wie in Mike Nichol´s „Wolf“, steht der Werwolf als Metapher für Gier innerhalb der Geschäftswelt. DeCoteau verzichtet allerdings auf jegliche Verwandlungssequenzen und folgerichtig gar Aufnahmen pelziger Kreaturen, was angesichts des spärlichen Budgets wohl auch besser so war – vermutlich sehr zum Leidwesen der Horror-Fans, die sich genau das versprochen haben. Stattdessen erhält man diverse Andeutungen präsentiert, wie knurrende Laute oder einen beinahe weißen Haut-Ton, auf dem sich hervortretende dunkle Venen auffällig abzeichnen. Zugegeben, optisch wären sie ebenso als Vampire durchgegangen, zumal sie in unterschiedlichen Situationen gerne einen kräftigen Biss in den Hals einsetzen, nur hätte die Gleichnis-Komponente dann ja nicht mehr gepasst. Diese Entscheidung gefiel mir persönlich recht gut, da sie die angestrebte Intention, die animalische Seite des menschlichen Wesens in diesem gefühlskalten „Survival of the Fittest“-Umfeld zu verdeutlichen, meistert, ohne den Weg eines klassischen Monster-Movies einzuschlagen. Der Begriff „Werwolf“ findet übrigens im Verlauf kein einziges Mal Verwendung.
Die Charaktere sind allesamt hauchdünn konzipiert worden – ohne jegliche Tiefe erfüllen sie rein ihren angedachten Zweck, was sie in dieser Hinsicht genauso auf eine Stufe mit den „GQ“-Typen in teuren Anzügen sowie „Calvin Klein“-Unterwäschemodels stellt, an welche sie permanent (optisch) erinnern. William Gregory Lee („U-Boat“/„Cruel Intentions 3“) müht sich redlich, nur misst er leider das letzte Quäntchen Talent, übers Mittelmaß hinauszuwachsen und die ihm abverlangte expressive Bandbreite vollends zu meistern – er wirkt zu bemüht, was seiner Darbietung die nötige Authentizität verwehrt. Michael Bergin („Baywatch: Hawaiian Wedding“/„Autopsy Room Four“) spielt eine annähernd emotionslose Persönlichkeit, weshalb seine hölzerne Mimik nicht weiter negativ auffällt – dafür repräsentiert er geradezu das Idealbild eines Börsenmaklers, dessen Aussehen allein buchstäblich „Erfolg“ symbolisiert. Die aus der Serie „Clueless“ bekannte Elisa Donovan („Kiss Me again“/„Liars Club“) kämpft einigermaßen siegreich gegen die ihrem Part (seitens des Drehbuchs) auferlegten Limitierungen an, indem sie ihrer Figur eine angenehme Wärme verleiht, die sich von der Kälte der Umgebung und Umstände deutlich abhebt. Einen regelrechten Glücksfall markiert (erneut) die Verpflichtung von Eric Roberts („Runaway Train“/„It´s my Party“) als Alphamännchen Dyson: Er ist nicht nur das Aushängeschild dieser Produktion, sondern reißt seine Szenen sichtlich engagiert an sich – vermutlich dank der Gelegenheit, in eine solch unterhaltsame Rolle schlüpfen zu können. Eric hat´s einfach drauf, was er im Laufe seiner Karriere mehrfach bewiesen hat – nur ist es ihm nie gelungen, sich genügend aus dem Schatten seiner Schwester Julia sowie dem B-Film-Sumpf zu befreien, Auftritte in vergleichsweise größeren Projekten á la „the Specialist“ oder „Dead or Alive“ zum Trotz. Die restlichen Cast-Mitglieder irgendwie zu erwähnen, wäre angesichts ihrer belanglosen Leistungen pure Zeitverschwendung.
Für „Wolves of Wall Street“ hat DeCoteau die homoerotischen Elemente auf ein Minimum beschränkt – bis auf in einer speziellen Einstellung sind die betreffenden Untertöne nur zu entdecken, wenn man gezielt darauf achtet. Jeff besitzt eine Freundin, ihre Gefühle zueinander sind echt, die Broker veranstalten erotische Partys, auf denen sie reihum Frauen verführen – auf der anderen Seite ist die Firma eine strikte Männerdomäne, zu welcher man quasi erst völligen Zutritt erhält, wenn einer den anderen in den Hals beißt (ein Vorgehen, das ja schon bei „Interview with the Vampire“ für Gesprächsstoff sorgte). Der eine erwähnte Moment, welcher unverkennbar „gay“ anmutet, ist als sich einige gut gebaute Typen nebeneinander aufstellen, sich die Klamotten vom Leib reißen (bis auf die Unterhosen, versteht sich), dann auf allen Vieren durch den Raum zu zwei hübschen, auf Thron-ähnlichen Stühlen sitzenden Ladies hinüberkrabbeln und diese von Kopf bis Fuß abschlecken – unfreiwillige Komik at it´s best! Ich bin mir nicht sicher, welchem Geschlecht oder gar welcher sexuellen Gesinnung ein solcher Augenblick tatsächlich ausnehmend gefallen soll – vermutlich allen ein wenig, aber keinem tadellos. Diese Inkonsequenz im Ton durchzieht den gesamten Film: Obwohl eine Menge über das Geschäft geredet wird, verhindert die Oberflächlichkeit der Materie, dass das Gefühl einer seriösen Auseinandersetzung mit dieser Berufsgruppe aufkommt – die Abwesenheit blutiger Details (die meiste Gewalt geschieht „off Screen“), echter Spannung oder Atmosphäre, lässt den Horror-Ansatz frühzeitig regelrecht verpuffen. Das Ergebnis ist weder Fleisch noch Fisch, allerdings auch nie wirklich langweilig – halt eine seichte, nachlässig zusammengestückelte Motiv-Kombination aus artverwandten Veröffentlichungen wie „Wall Street“, „the Skulls“, „Wolf“, „Boiler Room“ und „the Firm“ (etc).
Auf der positiven Seite lassen sich folgende Merkmale anführen: Das Tempo ist anständig, die Ereignisse entfalten sich kompakt und ohne Längen, die Rockmusik-Untermalung fügt sich passabel den eingefangenen Bildern an, das Setting weiß zu gefallen, denn gedreht wurde „on Location“ in Downtown Manhattan, das Produktionsdesign erscheint solide und die Umsetzung weist einen eigenen Stil auf, bei dem bloß die sich wiederholenden, aus Flashbacks sowie ausgewählten Aufnahmen bestehenden Montagen auf Dauer einen leichten Abnutzungseffekt seitens der Betrachter-Akzeptanz hervorrufen. Das Skript borgt bekannte Versatzstücke großer Vorbilder, wodurch selbst köstliche Sequenzen an Wirkung verlieren (z.B. die, in der Dyson Jeff im wahrsten Sinne des Wortes inmitten des Konferenzsaals „ans Bein pinkelt“, um sein Revier abzustecken bzw Besitz zu kennzeichnen), und schafft es nicht, eine fesselnde oder gar originelle Story daraus zu spinnen. Man nehme zusätzlich etliche vorhersehbare Gegebenheiten (wozu könnte der silberne Kugelschreiber wohl noch nützlich sein?), Logikpatzer (die Vollmond-Phase zieht sich scheinbar über Wochen hin), flache Dialoge, die gern „tierische“ Anspielungen verwenden, und ein unsäglich banales Finale, welches in allen Belangen enttäuscht – fertig ist ein weiteres unterdurchschnittliches Filmchen, dass zweifellos vorhandenes Potential einfach nicht ersprießlich umzusetzen wusste.
Fazit: „Wolves of Wall Street“ besitzt eine vielversprechende, einige der üblichen Klischees umgehende Ausgangsidee, aus der man leider kaum etwas Nachhaltiges oder zumindest Interessantes zu generieren vermochte – schade, denn darüber hinaus handelt es sich hierbei um David DeCoteau´s wahrscheinlich kompetenteste Regiearbeit … „3 von 10“