Polizisten lesen ein apathisches Mädchen von der Straße auf. In der Nähe wird ein zerstörter Wohnwagen gefunden. Es liegt Zucker verstreut. Ein seltsamer Abdruck am Tatort sorgt für Aufsehen. Ein Zirpen verwirrt aus dem Hintergrund. Auch der Laden vom alten Johnsson ist verwüstet. Seine Leiche ist übel zugerichtet. Wieder spielt Zucker eine Rolle. Wieder wurde nichts gestohlen. Als Ed Blackburn (Chris Drake) allein zurückbleibt, um das Gebäude zu bewachen, hören wir erneut das charakteristische Zirpen. Wir sehen nichts, doch Ed schießt und schreit. Kurz darauf erfahren wir von seinem Tod. Es muß ein wahnsinniger Mörder umgehen, doch es gibt keinen Anhaltspunkt. Keine Spur ergibt einen Sinn. Der Doktor erklärt: "Johnsson kann auf fünf verschiedene Arten gestorben sein: Genick und Rückgrat gebrochen, die Brust zerquetscht, Schädel gespalten und noch etwas für Sherlock Holmes, er hatte genug Ameisensäure in sich, um 20 Menschen zu töten!"
So beginnt ein echter Klassiker, doch Warner war sich seiner Zeit gar nicht bewußt, welchen Grundstein für das Big-Bug-Genre sie kurz nach Dinosaurier in New York und quasi zeitgleich mit Godzilla ins Rennen schickten. Just zu Drehbeginn kürzten sie das Budget drastisch und so wurde Formicula auf die letzte Minute nicht in Farbe gedreht und auch nicht in 3-D. Sehr schade. Der inszenatorischen Qualität tat dieser Rückschritt zum Glück keinen Abbruch.
Robert Graham (James Arness aus Das Ding aus einer anderen Welt) empfängt den Wissenschaftler Dr. Harold Medford (Edmund Gwenn) und seine Tochter Dr. Patricia Medford (Joan Weldon), die direkt aus Washington geschickt wurden. Medford sammelt sofort mysteriöse Indizien, darunter den ersten Atombombentest im nahe gelegenen White Sands. Mit dem Geruch von Ameisensäure entlockt Medford das Mädchen aus ihrem Schockzustand. "Them! Them! Them!" kreischt sie im Original und so erklärt sich dann auch der Originaltitel, der sich phonetisch nicht an Tarantula orientieren konnte, wie die deutsche Erstaufführung 1960. Erst in der Wüste aber bestätigen mutierte Tiere selbst die Theorie des geheimniskrämerischen Doktoren. Riesige Ameisen!
Diese in Staaten lebenden und damit perfekt in die paranoide Welt der McCarthy-Ära passenden Insekten, die mit starken Frauen gleichzeitig Emanzipationsängsten begegnen, haben sich heimlich still und leise in der Wüste entwickelt. Jetzt bedrohen sie die Nation, die sie durch unbedarften Umgang mit der Umwelt erst selbst geschaffen hat. Dies wird allerdings vergleichsweise wenig schulmeisterisch-aufsässig behandelt, vielleicht aus Vorsicht der größeren Firma Warner, zumal das Militär als Retter später wenig in Frage gestellt wird. Zum Vorwurf machen kann man dies Formicula jedoch absolut nicht, zeichnet sich der Film doch gerade durch seine Ausgewogenheit und sein perfektes Timing aus.
So spielt es auch keine große Rolle, daß die Ameisen hier nicht in Stop-Motion animiert, oder vergrößert ins Bild projeziert wurden. Bei diesen Monstern handelt es sich tatsächlich um bewegliche 1:1 Bauten, denen man ihre Künstlichkeit natürlich sofort ansieht. Dabei braucht man sich nicht in Ausreden zu verrennen, früher hätte diese naive Technik bestimmt gewirkt. Das ist Quatsch. Damals wie auch heute noch ist Formicula ein spannender Monsterfilm, der von einer gut gemachten Geschichte und von gutem Schauspiel lebt. Die Umsetzung funktioniert dann von ganz allein.
Bei genauer Analyse sticht dann auch der dosierte Einsatz der Puppen hervor. Nachdem der Bau erfolgreich ausgebrannt und mit Flammenwerfern nachgesäubert wurde (was zu einem Standard derart ausgerichteter Science-Fiction geworden ist), stellen die Protagonisten fest, daß die Mutation auch ein Überspringen des Larven- und Verpuppungsstadiums zu beinhalten scheint. Das spart Geld. Ferner bekommen wir nicht zu Gesicht, wie die entflohenen Königinnen ausziehen, um ihrerseits Nester zu errichten und auch nicht, wie ein Schiff befallen wird. Erst als die Spur nach Los Angeles führt, setzt sich die Hatz in der Kanalisation wieder actionreich fort.
Die Lorbeeren für das erste Atommonster muß Formicula bekanntlich an Dinosaurier in New York abgeben. Dafür haben wir es aber mit dem ersten echten Film der 50er zu tun, der mutierte Insekten bietet. Formicula setzt dabei Maßstäbe. Insbesondere, wer bisher der Meinung war, bei der Monstermania dieser Dekade handele es sich ausschließlich um Trash, darf sich spätestens hier umstimmen lassen. Deshalb muß man in diesem Film auch unbedingt mehr sehen, als ein Highlight seines Genres. Repräsentativ für seine Zeit vervollständigt Formicula auch Sammlungen, die genreunabhängig um hochwertige Abwechslung bemüht sind.