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„Ich kann hellsehen!“

Für den fünften „Tatort“-Fall des Kieler Kriminalhauptkommissars Finke (Klaus Schwarzkopf) setzte man weiterhin aufs bewährte Team aus Herbert Lichtenfeld (Drehbuch) und Wolfgang Petersen (Drehbuch, Regie). „Kurzschluß“ wurde im Frühjahr 1975 gedreht und am 7. Dezember desselben Jahres erstausgestrahlt.

„Nein… das heißt… Ja.“

Die Kleinstadt Linden in Ostholstein im April 1975: Pit Kallweit (Dieter Laser, Die letzten Ferien“) zieht sich eine Strumpfmaske über und überfällt eine Filiale der Nordbank. Die Angestellten betäubt er mit Chloroform. Bei der anschließenden Flucht bleibt er jedoch mit seinem VW Käfer wegen eines Benzinleitungsdefekts liegen. Kurzentschlossen kapert er ein anderes Auto samt Fahrer: Mit vorgehaltener Waffe zwingt er den Handelsvertreter Karl Höllbrock (Georg Lehn, „Die Brücke“) zu waghalsigen Manövern, was der Polizei nicht entgeht: Holger Freidahl (Günter Lamprecht, „Tatort: Taxi nach Leipzig“) ist mit seinem Polizeikäfer eigentlich auf dem nach Kiel, da seine Funkanlage einen Kurzschluss erlitten hat, nimmt nun aber die Verfolgung auf. Diese geht schließlich zu Fuß weiter. Es kommt zu einem Schusswechsel. Kallweit kann sich auf einen vorbeifahrenden Güterzug retten, ist aber verwundet. Höllbrock sucht derweil das Weite – u.a., weil er wegen Trunkenheit am Steuer über gar keine Fahrerlaubnis mehr verfügt. Die Beute hat Kallweit abgeworfen, Freidahl findet sie. Würde er sie an sich nehmen, ohne darüber Bericht zu erstatten, könnte er seine Geldprobleme lösen, die ihn und seine Familie plagen, seit er sein Haus hat ausbauen lassen…

„Scheiß dir in die Hosen, wenn Zeit dafür ist!“

Der Ort Linden ist fiktional, gedreht wurde, wie bereits die Finke-Episode „Blechschaden“, in Barmstedt. Die Kleinstadtidylle wird zum Schauplatz eines folgenschweren Verbrechens, wenn Dieter Laser als Pit Kallweit mit fieser Gangstervisage in seinem Käfer angerollt kommt. Erneut fand Petersen offenbar Gefallen daran, einen „Tatort“ mit Stilelementen des Italo-Westerns zu inszenieren. Längere Zeit fällt kein Wort, bedeutungsschwangere Blicke auf eine Uhr deuten auf ein bevorstehendes Ereignis hin: den Überfall. Nils Sustrates Filmmusik mit ihren gepfiffenen Melodien erinnert an Morricone und Konsorten. Einen Kontrast bildet Familie Freidahl am vermeintlich harmonischen Frühstückstisch, wo bereits die Geldprobleme angedeutet werden. Die anschließende Verfolgungsjagd zwischen Freidahl und Kallweit ist hervorragend inszeniert.

„Es macht wirklich keinen Spaß, Leichen zu besichtigen!“

Erst nach diesen Ereignissen tritt Finke auf den Plan, indem er die überfallene Bankfiliale aufsucht. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lernen Kallweit nun auch ein Stück weit privat kennen; zumindest zeigt man uns seine tiefdekolletierte Freundin (Johanna Liebeneiner, „Mit der Liebe spielt man nicht“), die in einer Bar arbeitet. Eine größere Rolle wird sie im weiteren Verlauf jedoch nicht spielen. Einen besonderen Reiz dieses „Tatorts“ macht der Wissensvorsprung des Publikums gegenüber der Polizei aus, die die ehemalige Geisel Höllbrock für einen Komplizen hält und nach ihm fahndet – was sich wiederum schwierig gestaltet, da Freidahl nicht mit dem Kennzeichen herausrückt. Statt von der Polizei bekommt Höllbrock Besuch von Kallwitt.

„Ich war fleißig und möchte gelobt werden!“ – „Der Fleiß eines Polizeibeamten versteht sich von selbst.“

Die Sequenz, in der sowohl Freidahl als auch Kallwitt die Beute holen wollen, hat Petersen musikalisch wie optisch im Stile eines westernartigen Showdowns inszeniert. Es bleibt jedoch bei einer Antäuschung, da die Männer sich verpassen. Ein schönes Spiel mit der Erwartungshaltung der Zuschauerinnen und Zuschauer. Für Kallwitt ist es nicht schwer zu erraten, wer das Geld jetzt hat, und so kommt es zum Sündenfall: Zeitweilig agieren Kallwitt und Freidahl als Komplizen. Das allein hätte schon ausreichend Stoff für einen spannenden „Tatort“ geboten, doch Lichtenfeld und Petersen geben sich damit nicht zufrieden und präsentieren nach ungefähr einer Stunde überraschend einen Toten. Ausgerechnet dieser Mord bringt Finkes Assi Franke (Wolf Roth) auf eine richtige Spur, nachdem Finke zuvor zwar bereits mit viel Misstrauen Freidahl begegnet war, aber stets im Dunkeln tappte. Eine weitere Besonderheit dieses „Tatorts“ ist es, dass Finke den zwischenzeitlichen Fahndungserfolgen zum Trotz nichts mehr ausrichten kann und ein weiterer Toter jegliches Happy End unmöglich macht.

Mit seinem erschütternden, fatalistischen Ausgang und seiner Handlung um zwei tragische Gestalten – einen verschuldeten Kleinstadtbullen und einen erfolglosen Vertreter – passte der düstere, böse „Kurzschluß“ gut in die dunkle, kalte Jahreszeit des Erstsendedatums. Petersen würzte seine Inszenierung zusätzlich mit ein paar Schreckmomenten und versammelte ein Ensemble, das diesen Fall durch die Bank weg großartig geschauspielert hat. Am eindrucksvollsten bleibt Dieter Laser im Gedächtnis, der den fiesen Gangster mit durchdringendem Blick auf eine derart beunruhigende Weise mimt, dass sich Teile des Publikums 1975 die Fernsehdecke etwas höhergezogen haben dürften. Für ein wenig Erheiterung sorgt lediglich, dass Kommissar Finke regelmäßig alle unangenehmen Tätigkeiten auf Franke abschiebt. Nach dem enttäuschenden „Nachtfrost“ ein echter Qualitätssprung, neben dem hierauf gefolgten „Reifezeugnis“ Petersens bester „Tatort“!

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