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In dem koreanischen Department Store "Dreampia", in dem vor einem Jahr mehrere Menschen bei einem großen Brand ums Leben kamen, geschehen eine Woche vor der Wiedereröffnung grauenhafte Morde am Personal. Eine Frau schneidet sich die Kehle durch, ein Mann rammt sich einen Stift durch den Kopf... Was zunächst nach Selbstmord aussieht, scheint das Werk des Übersinnlichen zu sein. Die Polizei tappt im Dunkeln, nur Dreampia-Wachmann Young-min hat eine haarsträubende Theorie: Jemand hat die Opfer aus Spiegeln, die überall im Haus montiert sind, ermordet.
Wer nun denkt, dass es sich bei "Into the Mirror" um einen 08-15-Horrorstreifen handelt, hat weit gefehlt, denn hinter dem koreanischen Film steckt vielmehr. Hier verbindet sich ein Horrorflick mit einer prima Copstory und tiefgründigen Charakteren. So hat der Wachmann Young-min eine erschreckende Hintergrundgeschichte. Noch vor vier Jahren verdiente er sich sein Geld als Polizist, bis durch seinen Fehler ein Kollege erschossen wird. Seitdem leidet Young-min unter Albträumen und Visionen und tut sich schwer, sein Leben in den Griff zu bekommen. An den Job als Wachmann kam er nur, weil sein Onkel das Geschäft leitet, und seit dem Zwischenfall nimmt Young-min weder eine Waffe in die Hand, noch kann er sich im Spiegel ansehen. Als nach den Morden die Polizei im Department Store ermittelt, trifft er auf alte Bekannte und wird gezwungenermaßen mit der Vergangenheit konfrontiert. Auch die Geschichte des Ladens und die Zwischenfälle, die sich dort abspielten, tragen eine große Rolle. So entsteht eine frische, gute und vorallem komplexe Story, die selbst Kenner und Freunde des Genres am Bildschirm verweilen läßt.
Der Film ist klug aufgebaut und stellt dem Zuseher ein Rätsel nach dem anderen auf, baut mit seinen großzügigen Kamerafahrten ordentlich Spannung auf und erschafft eine gelungene Atmosphäre. Nur vereinzelt verrät der Plot zu schnell wichtige Zusammenhänge, was die Spannung an einigen Stellen minimal sinken läßt. Dies ist aber wenig gravierend, und so bleibt der Film insgesamt gesehen bis zu seiner Auflösung am Schluss ordentlich schaurig. Der Regisseur erschuff Szenen, bei denen der Zuschauer zunächst denkt, genau zu ahnen, was als nächstes passiert - aber genau das trifft dann nicht ein. Der Film trickst sein Publikum an vielen Stellen also gekonnt aus. Manchmal mag etwas die Plausiblität verloren gehen, wenn der Film sich Tatsachen und Zusammenhänge so hinbiegt, wie er sie gerade braucht. Auch manche Dialoge dienen nur als Mittel zum Zweck und kommen etwas fadenscheinig rüber. All das ist aber nichts, vorüber man sich Sorgen machen müßte.
Schön gelöst ist die Kombination der übernatürlichen und reelen Elemente. Der Film versucht nicht alle Fragen und Motive durch das bewußt Wahrnehmbare zu erklären. Zwar versteckt sich hinter der Story ein ganz normaler krimineller Zusammenhang, aber dennoch fließen gespenstische und unerklärliche Phänomene ein, die Sci-Fi- und Horrorfans kennen und begrüßen dürften. Vergleichbar ist die Mixtur aus Cop- und Horrorstory vielleicht mit Akte X, übersteigt aber spielend das Niveau der Suspense-TV-Serie. Das Übernatürliche wirkt in "Into The Mirror" auch als Metapher, die sich auf das Irdische projizieren läßt. Dank all dieser Elemente wirkt das Werk des Regieneulings Kim Sung-ho nie langatmig, selbst bei vielen Einstellungen, die nichts weiter zeigen als blanke Wände oder unseren Protagonisten beim Zähneputzen. Hier scheint vielmehr die gewohnte asiatische Ästhetik durch...und die weiß wie immer zu überzeugen.
Unterstützt wird dies durch eine Reihe beeindruckender und perfekt inszenierter Effekte, wie ausgereifte Spiegelreflektionen aus dem Computer. Diese wirken niemals übertrieben oder unwirklich und sind sehr schön gemacht. Auch die Gore-Effekte lassen keinen Platz für negative Kritik. Vorallem der ziemlich harte Showdown hat es in sich und dürfte jeden Horrorfan spielend begeistern.
Das Regiewerk ist einfach unglaublich. Wie vom asiatischen Kino gewöhnt, werden einem wunderschöne und technisch brilliante Bilder gezeigt, die zum Teil atemberaubend wirken. Die Kameraführung und Einstellungen sind mehr als gelungen und erschaffen eine perfekte und bedrückende Atmosphäre.
Die Charaktere des Films sind keine Marionetten, wie in so vielen anderen Horrorfilmen. In "Into The Mirror" hat jede Figur ein tieferes Eigenleben und der Zuschauer wird auch mit ihren Ängsten und Gefühlen konfrontiert. Die Schauspieler stellen sich dabei recht gut an, nur vereinzelt wirken ein paar Szenen etwas gekünstelt. Dennoch: das Gesamtbild ist vorzeigbar und ohne Zweifel weit über dem Durchschnitt.
"Into The Mirror" ist perfektioniertes modernes Kino made in Asien, welches kaum Raum für Kritik läßt. Freunde von Filmen wie "Ringu" können blind zugreifen und sich über zwei Stunden gut inszenierten Nervenkitzel freuen. Schwache Stellen überspielt der Film mit seinen dutzenden von Pluspunkten locker und so hat man es mit einem virtuosen und atmosphärisch perfekten Schocker zu tun, der in Erinnerung bleibt.

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