Review

kurz angerissen*

Wenn uns der Prolog durch ein Dimensionstor auf eine andere Bewusstseinsebene führt, wissen wir normalerweise, wir haben es mit reinstem Eskapismus in Form von Fantasy oder Science Fiction zu tun. Das Bild teilt sich für die Eröffnung von "The Visitor" horizontal in grelles Orange und Azurblau; eine Kugel, augenscheinlich eine Sonne (nicht zwangsläufig unsere), taucht auf und zerteilt die Linie in der Mitte. Der Kamera den Rücken zugewandt steht die Silhouette eines Kuttenträgers im Bild, der beinahe ein Jedi sein könnte. Ein zweites Wesen nähert sich ihm, das Gesicht ebenfalls von einer Kutte verdeckt, bis diese vom Wind weggeweht wird und eine bröckelige Fratze mit funkelnden Augen entblößt. Ein heftiger Schneesturm zieht auf, die Gestalt verschwindet wieder.

Man würde nun Weltraumkitsch der Marke "Flash Gordon" erwarten oder auch Fantasy-Barbarentrash nach Luigi-Cozzi-Machart, doch Giulio Paradisi hat seine ganz eigenen, für Außenstehende wahrlich unlesbaren Pläne. Was folgt, ist nämlich eine krude Mischung aus "Der Exorzist II", "Omen II" und "Teufelskreis Alpha", die sich, man ahnt es anhand der Zusammenstellung der Referenzen, um das kindliche Erwachen dunkler Mächte dreht.

Man möchte "The Visitor" aufgrund seiner Anlage am ehesten ins Fahrwasser der Exorzismus-Welle verweisen, zumal die junge Hauptdarstellerin mit ihren glasig funkelnden Augen und ihrem unschuldigen Lächeln der diabolischen Ausstrahlung von Linda Blair in "Der Exorzist" und dessen Fortsetzung recht nahe kommt. Eher ungewöhnlich ist es für ein Rip-Off allerdings, beim Kopiervorgang derart unfokussiert zu Werke zu gehen. Immer wieder wird von der Vorlage abgelassen und anderen Inspirationen nachgejagt, so als sei ein Exorzist alleine eben nicht genug. Überambitioniert zeigt sich der Horrorthriller vor allem in Sachen Set- und Sounddesign: Mit Vorliebe arrangiert Paradisi aufwändige Katastrophensequenzen, die sich auch gerne am hellichten Tag in der Öffentlichkeit ereignen. So explodiert schon nach wenigen Filmminuten in einer prall gefüllten Basketballarena ein Korb und ein Ermittler wird von einem Raubvogel im Auto von der Straße gedrängt und in einer ferngesteuerten Kausalabfolge von Unglücken zum Tode durch Feuer verurteilt. Der harte Schnitt leiht sich so manches bei Hitchcock, anderes wiederum beim Giallo, während Komponist Franco Micalizzi das Treiben intoniert wie einen Weltuntergang, begleitet vom ohrenbetäubenden Zirpen der Vögel, die der Regisseur wiederum wie fliegende Symbole immer wieder in seine furios dirigierten Ereignisketten einbaut. Selbst die Ruhephasen sind nicht minder absurd, von Lance Henriksen als Teil einer dunklen Verschwörung bis Franco Nero als Jesus tragen sie entschieden zur Verwirrung bei.

Die Unfähigkeit, sich auf eine rote Linie einzulassen und auf eine Vision zu beschränken, lässt "The Visitor" letztlich auch nach B-Movie-Maßstäben scheitern. Sie sorgt für energisches Kopfschütteln bei jedem, der Spuren einer konsistenten Geschichte sucht. Gerade dadurch entsteht allerdings auch für ein einmaliger Zusammenschnitt von Szenen, die man in dieser Form normalerweise niemals in einem einzelnen Film sehen würde. Auch wenn die Stilmittel in Sachen Montage und Soundtrack manches Mal zu schrill ausfallen, so manch spektakuläre Sequenz kann man "The Visitor" nicht in Abrede stellen.

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