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Roy Ward Baker, übernehmen Sie!
Nachdem Freddie Francis drei der ersten vier Amicus-Horroranthologien mit seinem Stil geprägt hatte, kam noch im gleichen Jahr von "Tales from the Crypt" Roy Ward Baker ins Spiel, der in den späten Jahren des britischen Horrors noch so einige Genrefilme inszenieren sollte. Baker hatte die letzten Jahre eher im TV-Bereich verbracht, hatte dort aber eine ausgeprägte Handschrift erarbeitet. Jedoch war der Spielfilm eigentlich sein Ausgangspunkt gewesen und sein bekanntester Film der fünf Jahre zuvor gedrehte dritte Quatermass-Film "Das grüne Blut der Dämonen" gewesen.

Während Francis mit "Crypt" also einen comichaften, fast amerikanisierten Stil mit comichaften Bezügen darbot, kehrte Baker zur typisch britischen Ernsthaftigkeit zurück, nicht jedoch ohne sardonische Untertöne.
"Asylum", wieder auf Geschichten Robert Blochs basierend, hat von allen Anthologien wohl die am intensivsten eingearbeitete Rahmenhandlung, wenn es auch die Bizarrste ist. Im Zentrum steht ein junger Arzt, der in einer vernebelten, ländlichen Irrenanstalt einen Job übernehmen soll. Angeblich jedoch ist der Chef der Klinik verrückt geworden und nun muß er, quasi als Einstellungstest, diesen Klinikleiter anhand von vier Fällen identifizieren. In der Folge führt man ihm die vier Patienten zu, die ihm jeweils ihre Geschichten und damit die Episoden des Films erzählen. Wobei die letzte Geschichte allerdings die Rahmenhandlung selber darstellt...

Baker setzt mit seiner Inszenierung weniger auf den groben bösen Spaß, sondern mehr auf atmosphärisches Understatement. Düstere, trübe Töne, rasante Musik (zu den Vortiteln erklingst Mussorgsky "Nacht auf dem Kahlen Berge"), dazu den zeittypischen Weichzeichner und leisen Grusel, der sich ins Abgründige entwickelt. Wobei in diesem Fall nie ganz klar wird, ob es wirklich etwas Übernatürliches zu verzeichnen gibt bzw. gab oder ob die Patienten eben nur einfach verrückt sind.

Thematisch bietet sich ein Stilmischmasch aus den bisherigen Filmen an: in der ersten Episode etwa entwickeln die ordentlich verpackten Überreste einer ermordeten Ehefrau ein munteres Eigenleben, um sich an ihrem Mörder (dem Ehemann) und seiner Geliebten zu rächen. Animation von Gliedmaßen war 1972 natürlich noch ein schwieriges Unterfangen, insofern gerät diese Episode relativ gelungen und obwohl die Arme, Beine, der Rumpf und der Kopf recht langsam sind und die Bedrohung durch einen verpackten Kopf nicht sonderlich gut zu erklären ist, ist das Finale in einem Keller doch klaustrophisch fies. Natürlich arbeitete man mit Schnüren, leichten Mechaniken und echten Händen, die man mittelprächtig getarnt hat, die Idee allein aber ist gutes, altes "EC-Comic"-Territorium.
Zurück in die britische Gruselkiste geht es dann mit dem unvermeidlichen Auftritt von Peter Cushing, der als astrologiebegeisterter Kunde einen vor der Pleite stehenden Schneider beauftragt, bei Nacht einen Anzug aus einem bestimmten Material zu schneidern. Das kriegt das tapfere Schneiderlein auch hin, doch als die Beweggründe klar werden und die Entlohnung ausfällt, dreht sich die Story in eine unerwartete Pointe.
Gehalten in nächtlichen Szenen, in denen die Kamera durch schiefe Perspektive und nahes Herangleiten an die Figuren Beklemmung verursacht, ist die Episode eher ruhig und dialoglastig, aber stimmig bis ins kleinste Detail, was die düstere Stimmung und die allgegenwärtige Verzweiflung angeht.
Bewährtes Psychothrillergebiet betritt dann Episode 3, in der sich eine junge Frau sehr, ihre Umgebung wenig über ihre gute Freundin freut (Britt Ekland in einer hübsch unberechenbaren Rolle), die mit ihr gern aus dem starren britischen Korsett medizinischer Überwachung ausbrechen möchte. Die Pointe wird zwar hier von der Reeling gebrüllt, hat aber auch 25 Jahre später noch so manchen Film veredelt und gerät außerordentlich drastisch für einen sonst eher gewaltarmen Film.

Mit der vierten Runde ist man dann zurück in der Klinik, wo sich der Kleinauftritt von Schauspielgröße Herbert Lom wie immer ungemein lohnt, der Kraft seines schieren Willens kleine Puppenroboter auf seine Widersacher losschicken will. Was ihm zum Schrecken von Jungarzt Dr.Powell auch gelingt. Dazu leistet sich das Skript dann noch den finalen fiesen Dreh, der mehr als abstrus daherkommt, je länger man über ihn nachdenkt, der aber dennoch rückblickend ein feiner Spaß ist.

Mit dieser Mischung vermeidet "Asylum" die leicht steril Angestaubtheit von "Totentanz der Vampire" und findet seinen eigenen Stil in trüber, drückender Abgeschiedenheit einer makabren Umgebung, die nach akuter Ausweglosigkeit nur so schreit. In der deutschen Fassung übrigens um ein paar Handlungsteile (aber nicht in Bezug auf den Horrorpart) geschnitten, ist "Asylum" alles in allem gelungen und wirkt trotz erzählerischer Differenzen überraschend geschlossen. (7/10)

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