„Die Leute sind masochistisch und sadistisch. Ein Mädchen, das ein Gewehr in Anschlag bringt, erregt ihren Masochismus. Dasselbe Mädchen, hilflos und unbewaffnet, ihren Sadismus. Nicht gute oder schlechte Filme gibt es, sondern nur solche mit oder ohne diesen Nervenkitzel. Und durch diesen Reiz vergessen sie all den Blödsinn in den restlichen 2000 Metern eines Films.“
Italo-Regisseur Paolo Cavaras Drama „Das wilde Auge“ aus dem Jahre 1967 war ganz offensichtlich als Abrechnung mit seinem Kollegen Gualtiero Jacopetti gedacht, mit dem zusammen er sog. Mondofilme drehte, sensationslüsterne Dokumentarfilme von zweifelhaftem inhaltlichen Wert und Wahrheitsgehalt sowie moralisch fragwürdig – quasi die Vorläufer des heutigen Privatfernsehens, wie böse Zungen bzw. Kritiker des Genres behaupten mögen.
Paolo (Philippe Leroy, „Milano Kaliber 9“, „Nikita“) ist ein ebensolcher Filmemacher und zudem ein zynisches, kaltschnäuziges, sexistisches Zerrbild eines Journalisten. Es beginnt noch relativ harmlos mit gestellten Szenen („Die Wirklichkeit ist langweilig. Lügen wollen die Leute sehen.“), doch für seine sensationellen Realaufnahmen geht er über Leichen, aber auch bis an seine eigenen Grenzen – es scheint, als bewerte er einen gelungenen Film höher als sein eigenes Leben. So wird einem buddhistischen Mönch nahegelegt, sich vor laufender Kamera aus Protest zu verbrennen, wird Einfluss auf ein Erschießungskommando genommen, um möglichst kameragerechte Bilder zu bekommen und begibt er sich in die unmittelbare Nähe einen geplanten Bombenanschlags, um „live dabei“ sein und entsprechendes Filmmaterial einfangen zu können. Während einer Safari lernt er Barbara (Delia Boccardo, „Bratpfanne Kaliber 38“) kennen, die ihm bald verfällt. Paolo übt eine eigenartige Faszination auf die erlebnishungrige, reiche Frau aus und die Beziehung zwischen beiden bietet viel Raum für einen tieferen Einblick in die Gedankenwelt eines desillusionierten Zynikers.
Trotz seiner Thematik ist „Das wilde Auge“ ein ruhig erzählter Film (und kein „Action-Thriller“, wie ein deutsches VHS-Cover glauben machen wollte), der viel Wert auf durchdachte Dialoge legt. Einige davon erscheinen eher mit der groben Brechstange getreu dem Motto „Übertreibung veranschaulicht“ denn mit dem feinen Federkiel geschrieben worden zu sein und sind – zumindest aus heutiger Sicht - dementsprechend plakativ und vorhersehbar, andere ausformulierte Thesen sind aber überraschend interessant und verhelfen Paolos Charakter zu mehr Tiefgang sowie im Optimalfall der Reanimation der grauen Zellen des Zuschauers, will sagen: regen zum Nachdenken an. Fast gänzlich der Abstraktionsfähigkeit des Zuschauers überlassen bleibt hingegen, was genau es ist, das Barbara so sehr zu Paolo hinzieht. Seine Waghalsigkeit und Verwegenheit, die Abwechslung und Action in ihrem langweiligen Luxusleben verspricht? Die Faszination „des Bösen“? Eine masochistische Ader? Oder glaubt sie, unter der rauen Oberfläche einen tief verletzten, vom Leben enttäuschten, sensiblen Mann zu finden, wenn sie nur lange genug danach gräbt? All das steht höchstens irgendwo zwischen den Zeilen geschrieben und eröffnet sich mir vielleicht während einer Zweitsichtung.
Die Gratwanderung, in einem Film, der das kommerzielle Ausschlachten realen Leids kritisiert, nicht selbst (wenn auch nachgestelltes) Leid als unterhaltsame Schauwerte zu präsentieren, gelingt Cavara, indem er die exotischen Drehorte bzw. Kulissen gerade weit genug in den Hintergrund rückt, dass sie ihre atmosphärische Wirkung nicht verlieren und sich in erster Linie seinen Protagonisten widmet. Interessant ist dabei nämlich auch das (Abhängigkeit-)Verhältnis zwischen Paolo und seinem Kameramann bzw. Assistenten. Letzterer hegt immer mehr Zweifel an der Richtigkeit Paolos Handelns, bis es in Vietnam zu einem offenen Konflikt kommt.
In Vietnam wurde das Finale des Films angesiedelt, wo sich Paolos Zynismus mit dem des verbrecherischen Kriegs vermengt bzw. prima ergänzt und ich meine, einen vietnamkriegskritischen Subtext ausgemacht zu haben. Die Pointe ist tragisch, symbolträchtig und kaum vorhersehbar, wird hier aber natürlich nicht verraten.
Cavara gelingt es, Philippe Leroy häufig mit der eigenwilligen Mischung aus Nachdenklichkeit und Leere im Blick in Szene zu setzen, wie sie bei Menschen zu beobachten ist, die wissen, dass sie ihr Handeln eigentlich in Frage stellen sollten, dieses aber nicht wollen oder können. All das geschieht vor einem sehr realen Hintergrund und ist vermutlich auch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Cavaras, hat aber auch heutzutage kaum an Aktualität eingebüßt – auch, wenn keine klassischen Mondofilme mehr gedreht werden. Insgesamt entsteht ein düsteres Bild einer zynischen Welt gepaart mit einer seltsamen, fast schon Endzeit-Romantik, Paolo zieht einen in seine eigenen Abgründe mit hinein. Definitiv ein Film, der einen höheren Bekanntheitsgrad verdient und dessen erneute Sichtung hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lassen wird.