Lorenz Lubota, kleiner Schreiber am Rathaus, wird vo einer Kutsche angefahren. Als er aus der Ohnmacht erwacht, blickt seine Traumfrau aus besseren Kreisen auf ihn hinab. Sie verschwindet, doch er folgt ihr, versucht, um sie werben zu dürfen und tut viel, um seine Armut und damit den Standesunterschied zu überwinden. Doch jede seiner Entscheidungen treibt ihn und seine Familie weiter auf den Abgrund zu.
Der mit nur 42 Jahren bei einem Verkehrsunfall viel zu früh verstorbene Friedrich Wilhelm Murnau war einer der ganz großen Regisseure der Stummfilmzeit. Er zeichnet unter anderem für Nosferatu, wohl einer der berühmtesten Stummfilme überhaupt, verantwortlich. Nicht umsonst git es in seinem Namen eine Stiftung, die seine Filme aufwändig rekonstruiert und restauriert. Phantom wurde von zwei Negativen rekonstruiert und in einem späteren Schritt anhand einer in Chile entdeckten viragierten Filmkopie farblich angepasst. Und das Ergebnis kann sich mal wahrhaftig sehen lassen.
Phantom ist ein Drama über Liebe und daraus resultierende Fehlentscheidungen, die eine ganze Familie in den Abgrund reißen können. Und unser Protagonist, der eigentlich ein grundehrlicher Mensch und als solcher auch überall bekannt ist, ist ein wahrer Meister der dummen und naiven Entscheidungen. Jede Entscheidung ist dümmer als die zuvor und macht seine Situation nur schlimmer, doch er macht letztlich sehenden Auges weiter.
Im Prinzip ist das auch das einzige nennenswerte Problem dieses Dramas, denn irgendwann schüttelt man bei allen Dingen, die Lorenz tut oder geschehen lässt, nur noch mit dem Kopf. Das ist ein bisschen viel, wodurch der Film auch vielleicht 20 Minuten zu lang geraten ist, denn der Mittelteil ist schon mal ein bisschen zäh.
Davon ab ist das toll gespielt. Das Schauspiel ist natürlich anders als heute, die Bedingungen waren ja auch gänzlich andere. Aber die Darstellenden sind allesamt in der Lage, mit wenigen Mitteln die Gefühlslage ihrer Figuren zu vermitteln. Besonders Frida Richard als Lubotas Mutter ist stark, die in ihrer Verzweiflung bisweilen wie lebendiger Tod wirkt.
Sie ist es auch, die im letzte Drittel berührt und zu Herzen geht, wenn sie trotz all seiner Dummheiten zu ihrem Sohn hält, ihn liebt. Mütter tun das. Das tut aber auch eine wahre Freundin in Gestalt von Lil Dagover als Marie Starke, die ebenfalls unerschütterlich zu Lubota hält, weil sie ihn von Herzen liebt und er das nichtmal wahrnimmt. Wenn auch unbewusst, so ist dies doch die dümmste seiner Taten.
Technisch ist Phantom ganz gewiss herausragend. Damals musste alles per Hand realisiert werden, entweder als Bauten, mit Kameraspielereien oder Einzeichnung ins Filmmaterial. Das war gleichzeitig Handwerk und hohe Kunst. Umso bemerkenswerter finde ich da einen kurzen Trickeffekt, bei dem sich eine Häuserfassade auf Lubota zuzuneigen scheint, ganz wie es 88 Jahre später ein gewisser Christopher Nolan in seinem Film Inception auch getan hat, nur freilich auf einem ganz anderen Level.
Auf hohem Niveau arbeiten auch Kamera und Beleuchtung, denn selbst Nachtszenen sind so treffend ausgeleuchtet, dass alles Wichtige erkennbar ist, was viele Filme Jahrzehnte später nicht hinbekommen haben.
Überaus gelungen ist auch die den Film in der restaurierten Fassung begleitende Musik, wobei ich nicht weiß, ob es sich um die originale Filmmusik oder eine Neukomposition handelt. So oder so, sie ist äußerst treffend und angenehm zu hören.
Sehenswert ist der Film aber auch deshalb, weil man durchaus einiges über die Anfänge der Zwanziger Jahre mitnehmen kann, wie gelebt und gefeiert wurde, wie freizügig diese Zeiten waren und wie auch gearbeitet wurde. Das Zeitkolorit ist schon spannend.
Etwas zu lang geratener, aber ansonsten äußerst sehenswertes Stummfilmdrama von einem Meister seines Fachs. Vielleicht kein Meisterwerk, aber doch großes Kino.