Review

Ich wusste ja schon vor Sichtung des Films, dass „Schrei, wenn du kannst“ nicht gerade einer Großen des Business sein würde. Aber diese verflucht biedere Mittelmäßigkeit hätte ich dann doch nicht erwartet.

Scream“ hatte ja den Schlitzerfilm aus der Senke des Vergessens gezerrt – erfolgreich und zu Recht. Was dann mit „Ich weiß was du letzten Sommer getan hast“ oder „Düstere Legenden“ in dessen Fahrwasser entstand war gerade noch so goutierbar, aber bei Weitem nicht mehr der große Wurf. Keiner der Filme konnte etwas bieten, was die zahlreichen Slasher der 80er nicht schon abgedeckt hatten. Ich meine, was sollte denn noch groß kommen? Wir hatten den blutigen Abschlussball („Prom Night“), den durchgeknallten Grubenarbeiter („Blutiger Valentinstag“), das schizophrene Muttersöhnchen („Psycho“), den rachelüsternen Wiedergänger („Freitag der 13.“) oder den skrupellosen Stiefvater („Stepfather“). Von wilden Experimenten mit besessenen Puppen („Chucky die Mörderpuppe“) oder hässlichen Trollen („Troll“) mal ganz abgesehen.

Wie das Zombiegenre oder der Katastrophenfilm – vom Heimatfilm ganz abgesehen – ist die Schublade des Schlitzerfilms nun mal eine sehr kleine, enge mit wenig Spielraum für neue Ideen. Doch, seien wir uns ehrlich, wenn die Inszenierung passt, die Morde ausgefallen und blutig genug sind und die Protagonisten wenigstens ein Mindestmaß an Empathie hervorrufen, ist man geneigt all das zu vergessen und sich entspannt dem kleinen Nervenkitzel zwischendrin hin zu geben.

Wenn aber auch noch diese drei Grundzutaten eines ordentlichen Schnetzlers fehlen – nun, dann bleibt „Schrei, wenn du kannst“ übrig.

Schon die Exposition der Geschichte ist so dämlich klischeebeladen wie altbekannt. Ein nur durchschnittlich hässlicher Junge wird von allen geschnitten, und selbst am Abschlussball will keine der It-Girls, von deren schnippischer Art selbst eine Paris Hilton lernen könnte, mit ihm tanzen. Warum ihm das erst am Ball auffällt, wo doch jeder RomCom-Fan längst weiß, dass die Dame des Herzens VOR dem Ballabend gefragt wird, das steht in den Sternen (oder der glitzernden Diskokugel). Nichtsdestotrotz: Im Gegensatz zum Groß der hässlichen Verlierer des Planeten gibt unser kleiner Mann nicht auf und angelt sich die mittelschlanke, ebenso vereinsamte Mitschülerin und kriegt prompt die erste Zunge seines jungen Lebens in den Rachen gesteckt. Aber wie es das Leben ob seiner Grausamkeiten so will, natürlich tauchen die Reichen und Schönen der Party auf und lachen die Beiden so gekonnt aus, das Pummelchen natürlich sofort entschieden auf Vergewaltigung plädiert und der so aufs schmerzlichste verschmähte Jüngling sich alsbald in einer Besserungsanstalt für jugendliche Schwerenöter wiederfindet. So weit so unrealistisch, könnte man meinen, würde sich die Handlung nicht in einem Land zutragen, dass (je nach Staat) am liebsten schon 8-jährige auf den elektrischen Stuhl setzen würde.

10 Jahre in der Handlung (20 Jahre bei näherer Betrachtung des Alters der Darsteller) später: Unsere Mädels sind erwachsen und natürlich oberflächliche Schlampen wie eh und je (naja, vergessen wir nicht die reizende blonde Ausnahme, wie brauchen ja was zum identifizieren). Doch - Ei der Daus! – ein gar gruseliger Mörder geht um und bringt eine nach der anderen zur Strecke. Da liegt doch die Vermutung nah, es könne der kleine Junge (jetzt natürlich größer, älter und Serienstar) von damals sein… .

Sein wir uns ein weiteres Mal ehrlich. Die Handlung ist so doof, wie altbacken, wie vorhersehbar. Die Grundlage der Geschichte ist eine Art „Carrie“ für ganz Arme (inklusive Schweineblut-Reminiszenz), das Ganze wird dann mit unheilverkündenden Valentinsgrußkarten fortgesponnen (dreister geht’s kaum, siehe „Blutiger Valentinstag“) und endet dann in einer Art „The 4th Floor“-Schlussgag. Dabei ist das Schlimmste nicht mal, dass die Handlung von vorne bis hinten (schlecht) zusammengeklaut wurde. Nein, das größte Problem ist die unglaublich vorhersehbare Storyentwicklung. Meine Hoffnungen bezüglich Handlung, die dem Ganzen zwar nicht gerade die Genrekrone aufgesetzt hätten, die aber wenigstens annehmbar gewesen wären, wurden durch die simpelste und erwartbarste aller Auflösungen zutiefst enttäuscht.

Ebenso 08/15 fällt im Übrigen auch die Inszenierung aus, die keinerlei memorable Bilder vorzuweisen hat. Nichts, aber auch gar nichts ist hier auch nur ansatzweise vom TV-Mittelmaß entfernt. Da hatte der Tatort letzte Woche wirklich mehr Qualität vorweisen können. Einzig der – für 90-Jahre Verhältnisse – recht prominent gewählte Soundtrack weiß ansatzweise zu gefallen, was aber auch nur der schönen Jugenderinnerungen geschuldet sein mag.

Wenn´s auf Seiten von Regisseur, Kameramann und Drehbuchautor (dieser Schmu basiert tatsächlich auf einem Roman, herrlich!) schon nicht passt, wie sollte es da auf Seiten von Effekte, Maske und Schauspieler anders sein. Denise Richards gefällt mir zumindest optisch zum ersten Mal recht gut (konnte ich mit ihrem aufgestyleten american Püppchengesicht doch weder in „Starship Troopers“ noch „Wild Things“ etwas anfangen) und ob nun Absicht oder einfach nur Naturtalent, sie spielt die unsympathische Schlampe so überzeugend, dass selbst Charlie Sheen weiche Knie bekommen haben dürfte. Katherine Heigl, deren momentane künstlerische Hochphase ich einfach nicht nachvollziehen kann, ist mir gar nicht erst aufgefallen und „Angel“-Darsteller David Boreanaz mochte ich auch noch nie, spielt hier aber immerhin mit unerschütterlicher Hingabe den schlechtesten Vollrausch seit den seligen „Die Lümmel von der ersten Bank“-Tagen. Einzig mal wieder richtig süß – und auch die einzige Sympathieträgerin – ist unsere allseits beliebte Sp(r)itzenträgerin aus „Planet Terror“: Marley Shelton.

Die Schauspieler also allesamt hassenswerte Nullnummer – ja ich weiß, bis auf Dr. Block! Doch wenn ich die Leute schon hasse, dann will ich sie doch wenigstens an ihrem eigenen Blut ersticken sehen, oder?  Hier überrascht Regisseur Jamie Blanks durch konsequentes Wegschauen. Der Blutgehalt wird tatsächlich in Millilitern gemessen, was ja dann doch wieder eine überraschende Abkehr vom Genre-Einerlei bedeutet. Doch ist DAS dann als positiv zu bewerten?

Auch wenn ich prinzipiell der Meinung bin, ein Film könne auch ohne Schmodder auskommen, so muss ich dem hier vorliegenden Werk dennoch attestieren: Mitnichten.

Was bleibt ist ein in allen Bereichen blutleerer Film von einem Regisseur, der sein Handwerk eigentlich beherrschen sollte, hat er doch kurz zuvor den absolute okayen, wenn auch nicht guten „Düstere Legenden“ und einige Jahre später den ordentlich suppenden „Storm Warning“ gedreht. Selbst sein inkonsequenter „Long Weekend“ (siehe Review) ist dabei noch um Längen besser als dieser müde Schnarcher, den selbst der zur selben Zeit in deutschen Landen entstandene Rotz „Flashback“ locker hinter sich lässt.

Wie der katholische Filmdienst so oft unpassend kommentiert: Wir raten ab.

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