„Umso besoffener, umso besser!“ (Die Dialoge geben eine Rezeptionsempfehlung…)
Nach „Woodoo Baby – Insel der Leidenschaft“, aber noch vor „Porno Esotic Love“, „In der Gewalt der Zombies“ und „Porno Holocaust“ im Jahre 1980 veröffentlicht, jedoch vermutlich im gleichen Zuge wie alle genannten Filme von Joe D’Amato in der Karibik gedreht, gilt „Sesso Nero“ als erster Hardcore-Porno Italiens. Wie so oft versuchte sich der berüchtigte italienische Filmemacher auch hierfür an einer kruden Mischung aus Sex und Horror, wobei das Pendel diesmal eindeutig in Richtung Sex ausschlägt.
„Es nervt mich, dass man ohne Grund lacht und tanzt.“
Mark (Mark Shannon, „Hard Sensation”) bekommt von seinem Urologen (Lanfranco Spinola, „Die weiße Göttin der Kannibalen“) eröffnet, dass er an einer Geschlechtskrankheit leide, bei der nur noch die Amputation helfe, wolle er nicht nach gut zwei Wochen das Zeitliche segnen. Daraufhin reist unser Schnauzbartproll mit Prostatadefekt auf eben jene geheimnisvolle Karibikinsel, auf der mystische Voodoo-Rituale stattfinden und wo seine Freundin Marja (Annj Goren, „Papaya - Die Liebesgöttin der Cannibalen“) vor zwölf Jahren spurlos verschwand. Und da er nur noch 15 Tage zu leben bzw. zu ficken hat, dockt er an alles an, was ihm vor die Stoßstange kommt. Dafür nimmt er auch die krampfartigen Schmerzen in Kauf, die ihn nach jedem Samenerguss übermannen. Doch als noch wesentlich beängstigender stellen sich seine Halluzinationen heraus: Immer wieder scheint er Marja zu sehen. Handelt es sich tatsächlich um Trugbilder? Oder hat der alte Voodoo-Priester recht, wenn er behauptet, Marjas Körper sei tot, ihre Seele aber werde in einer alten Flasche verwahrt und Mark sei verflucht…?
Kaum dass Mark in seiner Unterkunft angekommen ist und nackt eine Mütze Schlaf nimmt, setzt sich das Zimmermädchen (Chantal Kubel, „The Pleasure Shop on 7th Avenue“) zu ihm ans Bett und masturbiert. D’Amato hielt es für eine gute Idee, abwechselnd auf ihre Muschi und Marks schlaffen Schwanz zu zoomen. Als er erwacht, treiben sie’s miteinander. Marks Landmann Jacques hat eine Schule auf der Insel eröffnet und ist mit der einheimischen Lucia (Lucia Ramirez, „Woodoo Baby – Insel der Leidenschaft“) liiert, die Zyniker Mark in Jacques‘ Abwesenheit mit Geld fürs Schulprojekt gefügig macht und sich von ihr einen blasen lässt. Doch bald begegnet er nicht nur seinem griechischen Kumpel und Strip-Lokalbetreiber Voyakis (George Eastman, „Man-Eater“), sondern auch Marja als Geist. Eine Striptease-Einlage mit einem supertuntigen Tänzer (Fernando Arcangeli, „Black Emanuelle – Stunden wilder Lust“) ist verdammt abtörnend, doch dessen Tanzpartnerin (Ornella Picozzi, „Bettgeknister – Sexgeflüster“) verwandelt sich Plötzlich in Marja. Sämtliche „Geisterszenen“ kommen übrigens ohne jegliche Spezialeffekte aus – ohne viel Zinnober taucht Marja unvermittelt auf und sieht vollkommen normal und menschlich aus.
Als unnormal und unmenschlich dürfte es Mark jedoch empfinden, dass Marjas Geist ihn verfolgt – und, schlimmer noch: seine Ehefrau Liza (Lola Burdan, „The Pleasure Shop on 7th Avenue“) ihm nachreist. Diese zieht sich aus und… diskutiert mit ihm. Mark verspürt aber keine Lust auf Gespräche, schlägt sie nieder und begattet sie von hinten. Ob D’Amato diese Szene deshalb so mies filmte, um sie jeglicher möglicher luststeigernder Wirkung zu berauben, ist nicht überliefert, würde aber Sinn ergeben. Nach einer Rückblende, die Mark beim Sex mit Marja am Strand zeigt, sieht er sie am Meer stehen und beginnt, mit ihr zu sprechen. Sie schimpft ihn aus und verabreicht ihm eine Wunderpille, die ihn lähmt, aber tief verborgene Erinnerungen hochholt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erfahren, dass Mark auch während seiner Zeit mit Marja bereits ein echtes Ekelpaket war – potzblitz, wer hätte das gedacht…?
Marja präsentiert Mark ihren neuen Freund, einen schwarzen Inselbewohner – offenbar haben auch Geister noch gewisse Bedürfnisse. Der Film greift nun ein Motiv aus D’Amatos „Foltergarten der Sinnlichkeit“ auf: Mark muss den beiden beim Sex zusehen (es handelt sich allerdings lediglich um Fellatio). Seine Frau will derweil nach New York zurückfliegen, wird jedoch von einem geheimnisvollen Einheimischen gebeten, noch etwas zu bleiben. Marja wiederum sieht einer dicken Schwarzen dabei zu, wie sie bei zwei Schwarzen gleichzeitig Hand anlegt, und gesellt sich schließlich dazu, um aktiv miteinzusteigen – im Rahmen des Films eine recht sexy Szene, unterlegt mit verfremdeten Gestöhne. Liza besucht Jacques, um nach ihren Mann zu suchen, wird jedoch von Jacques erpresst und muss ihm einen blasen. Lucia schaut masturbierend zu. Die Szene endet abrupt, den Samenerguss spart D’Amato aus. Mark hingegen träumt von seiner Geschlechtsorgan-OP sowie von Sex mit Lucia am Strand und sinniert über seine Erinnerungen und seine Krankheit aus dem Off. Die Inszenierung des Sextraums hätte ein Höhepunkt des Films werden können, immerhin beginnt sie sehr sinnlich und in Bezug auf Lucia ästhetisch und erotisch (über Shannons Äußeres hüllen wir besser den Mantel des Schweigens). Seltsamerweise jedoch wurde ausgerechnet diese Szene als sehr züchtiger Softcore gedreht, die Kamera fängt nicht einmal Lucias Oberweite ein. Vor dem Hintergrund, dass für „Porno Holocaust“ Hardcore-Szenen mit Shannon und Ramirez gedreht worden sind (wahrscheinlich gar im selben Take), mutet es umso unverständlicher an, dass sich D’Amato hier derart zurückhielt.
Im Anschluss scheint Mark endgültig den Verstand zu verlieren: Er erwürgt seine Zimmerwirtin. Interessanterweise können auch Liza und Jacques Marja sehen, sie scheint also kein Hirngespinst Marks zu sein – ein Aspekt, der den Film möglicherweise um ein Psychodrama-Motiv erweitert hätte. Stattdessen nimmt die Handlung eine hanebüchene Wendung hin zu einem abgekarteten Spiel, erfindet eine jüngere Schwester Marjas und einen Racheplan, um Mark um die Ecke zu bringen – welch beknackte Story! Dafür hat D’Amato gegen Ende ein Einsehen und liefert seinem Publikum, worauf es den gesamten Film über gewartet haben dürfte: Eine schöne Sexszene am malerischen Strand. Diese fällt jedoch reichlich kurz aus und lässt jeden Stellungswechsel vermissen. Die Schlusspointe „entwaffnet“ Mark, was jedoch nicht bedeutet, dass man Shannon nicht bereits in „Porno Holocaust“ wiedergesehen hätte…
Puh… Pionier-Charakter des Films hin oder her; was zu befürchten war, ist eingetreten: Mit steigendem Hardcore-Anteil sinkt die Qualität der Filme D’Amatos. Für einen reinen Porno verfügt „Sesso Nero” noch über viel zu viel Handlung, doch diese ist langweilig und lieblos inszeniert worden. „Sesso Nero“ gibt anhand seines kruden Drehbuchs vor, ein Film über Verlustschmerz und Sehnsucht sowie über krankhaften Machismo und Respektlosigkeit zugleich zu sein und bringt Marks Verhalten mit seinem Sexualtrieb in Verbindung. Dumm nur, dass beides nicht so recht zusammenpassen will, denn damit man empathisch mit ihm mitfühlen könnte, dürfte er nicht ein solches Arschloch sein. Und um genießen zu können, wie sich die Schlinge um ihn zuzieht und er die Quittung für sein Verhalten bekommt, passiert ihm viel zu lange entweder nichts oder zu viel für ihn Angenehmes, sodass immer wieder der Eindruck entsteht, er sei eigentlich dann doch der nominelle Held der Geschichte, der ein gutes Stück weit nachvollziehbar die letzten Tage seiner Sexualität auskosten will.
In Kombination mit etwas vielen Wackelkamera-Szenen und einer gegenüber manch vorausgegangenem D’Amato-Werk deutlich abfallenden musikalischen Untermalung durch Nico Fidenco vermengen Regie und Schnitt die verschiedenen Versatzstücke zu einer uninspirierten, unterdurchschnittlichen, schwer genießbaren Mischung, deren Inszenierung dem grundsätzlich bitter-sarkastischen Ton des Drehbuchs zuwiderläuft und aus dem Sexualität-als-Machtinstrument-Ansatz beschämend wenig und wenn, dann lediglich Alibihaftes, macht. Immerhin punktet er neben seinem exotischen Ambiente mit einigen hübschen, extrem freizügigen Damen, der einen oder anderen rüden Idee und viel J&B. Filmhistorisch interessant? In jedem Fall. Ein guter Film? Leider nein.