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Nach zahlreichen Erotikbeiträgen entdeckte der berüchtigte Italo-Regisseur Joe D’Amato 1979 das Horrorgenre für sich wieder und schockierte mit „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“ sein Publikum. Als Inspirationsquelle diente ihm der 1966 von Mino Guerrini gedrehte Psycho-Thriller/Früh-Giallo „Das dritte Auge“, wobei „Buio Omega“, so der Originaltitel D’Amatos Films, als sehr eigenständige und -willige Neuverfilmung durchgeht.

Frank Wyler (Kieran Canter, „Liebes Lager“) ist ein gutaussehender junger Mann und Erbe eines Adelsvermögens, der zusammen mit seiner Haushälterin Iris (Franca Stoppi, „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“) auf einem Südtiroler Schloss lebt und sich leidenschaftlich als Tierpräparator verdingt. Da Iris ihn jedoch für sich allein haben möchte, beraumt sie einen Voodoo-Zauber an, um Franks Verlobte dauerhaft unter die Erde zu bringen. Dies weiß Frank jedoch insofern zu verhindern, als er ihrer Leiche habhaft wird und sie ebenso ausstopft, wie er es zuvor bereits mit unzähligen Tieren getan hat. Den leblosen Körper legt er zu sich ins Bett und kann seiner großen Liebe so weiterhin nah sein. Doch damit hat Frank sich angreif- und erpressbar gemacht: Eine junge Tramperin, die er freundlicherweise mitgenommen hatte, muss grausam sterben, nachdem sie zu viel gesehen hat, ein Bestatter droht, ihm auf die Schliche zu kommen und Iris, die über alles Bescheid weiß, fordert als „Schweigegeld“ nicht weniger als die Eheschließung mit Frank. Doch dieser verfällt immer mehr dem Wahnsinn…

Frank, der in ländlicher Idylle auf einem ausladenden Anwesen mit seiner Haushälterin allein lebt, ist ein zwar reicher, jedoch furchtbar einsamer junger Mann. Iris dient ihm nicht nur als Angestellte, sondern auch als Mutterersatz und gibt sich ihm sexuell hin. Als sie ihn schließlich ganz für sich allein haben will, verkraftet Frank den Verlust seiner Verlobten nicht. Dieser Verlust ist keine Option, also konserviert er sie und glaubt, sie dadurch weiterhin besitzen zu können. Bis hierhin erinnert „Sado – Stoß das Tor zur Hölle“ mit seinem Voodoo-Prolog, seinen Friedhofszenen und seinem Drehort noch stark an klassischen (Gothic-)Horror, tendiert anschließend jedoch immer stärker zu einer Mischung aus Psycho-Thriller und Splatter-/Gore-Horror, wie sie die Welt bis dahin noch nicht zu sehen bekommen hatte. In D’Amatos atmosphärisch unbehaglichen, auch viel von seiner morbiden Stimmung lebenden Film mischen sich Ausweidung, Extremmaniküre, Säurebad, Einäscherung und Gulaschverzehr, naturalistisch bis realistisch inszeniert, von der ruhigen Hand an der Kamera ausführlich und ausgiebig eingefangen. Und so übertrieben und die Figuren überzeichnend diese Szenen auch sind, so sorgfältig wurden sie tricktechnisch aufbereitet, sodass sie keineswegs so unauthentisch und schluderig wirken wie in manch anderem Genrewerk und dadurch ihre Wirkung auf Ethikzentrum und/oder Magengegend des Zuschauers nicht verfehlen.

Diese Momente stehen jedoch gleichberechtigt neben tiefen Einblicken in psychische Abgründe, die das auf Ed Gein & Co. beruhende und seit „Psycho“ cineastisch etablierte Motiv des derangierten Serienmörders mit Ödipuskomplex aufgreifen und variieren – und in eine spannende Handlung eingewoben wurden, die trotz allem mit Frank bisweilen mitfühlen, ja, regelrecht mitleiden lassen. Entscheidenden Anteil daran hat Kieran Canter, hinter dessen Engelsgesicht sich das kalte Grauen verbirgt. Er schafft es, seiner Figur die nötige Ambivalenz zu verleihen. Franca Stoppi mit ihren strengen Gesichtszügen brilliert in ihrer Rolle als im Gegensatz zu Frank gewissermaßen permanent emotionslose, gefühlskalte Haushälterin und Verschwörerin, in der jedoch Verschlagenheit, Habgier und Eifersucht brodeln, nicht minder, zwischen beiden entwickelt sich eine fatale, für den Film ideale Chemie. Cinzia Monreale („Silbersattel“) in einer Doppelrolle spielt dann tatsächlich so etwas wie ein Final Girl, was den Film ein weiteres Stück in Richtung klassischen Genrehorrors rückt. Goblins Prog-/Synthie-Rock-Soundtrack verleiht dem Film zusätzliche Dynamik, aber auch Entrücktheit, vor allem aber Charakter und zählt zu den Euro-Horror-Stücken mit dem höchsten Wiedererkennungswert.

„Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“ wurde in einem gialloesken Umfeld angesiedelt, dessen Protagonisten sich vornehmlich über Besitz definieren und einen hohen Grad innerer Verkommenheit aufweisen, dadurch zur Gefahr für normale Mitmenschen werden. D’Amato nährt zudem die Angst vor einem Typ Mensch, dessen Sensibilität in Bezug auf die eigene Gefühlswelt dazu führt, diese nicht adäquat verarbeiten zu können und gegenüber anderen in mit kalter Präzision durchgeführte, brutale Gewalt umschlägt. Er hätte auch ohne Gore-Anteil und die Ausflüge in die Phantastik zu Beginn und am Ende funktioniert, doch gerade diese krude Melange trägt zum Status dieses Films, der als D’Amatos gelungenster gilt, bei, zur von ihm ausgehenden Faszination und natürlich zur Kontroverse um ihn – ohne würde er wohl kaum im bekannten Ausmaße provozieren und polarisieren.

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