Review

SPOILERWARNUNG!


EINLEITUNG:

Es gibt nur wenige Filme, die sagenumwoben sind und zu ihrer Zeit mit einer brodelnden Gerüchteküche einhergingen. Von den Fans aufgrund ihrer Faszinationskraft verehrt, spieh die öffentliche Kritik diesen Werken nicht selten Ablehnung entgegen. Hin und wieder trägt es sich zu, dass eine kleine Anzahl Filme eine persönliche Legende oder bedeutsame Geschichte für den Betrachter haben. Auch meine Wenigkeit hat in Jugendjahren einschlägige Erlebnisse erfahren dürfen. Eines davon bezieht sich auf Aristide Massaccesis SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF.

Ich glaube, im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren erzählte mir ein Schulfreund in einem üblichen Gespräch angeberischer Art von einem Horror-Streifen, der das Heftigste war, was er bisher gesehen hatte. Dort gäbe es eine Szene, in der sich ein Mann mit einer Frau im Bett wälzt und ihr vor sexueller Erregung in den Hals beißt, sodass sie verblutet. Aber wie das so ist, konnte er mir den Titel dieses Schockers nicht nennen. Hinsichtlich meiner nahezu jungfräulichen Unerfahrenheit hinsichtlich deftiger Horror-Kost, schenkte ich diesem Geschwafel keinen Glauben. Aber dieser Bericht verankerte sich in den Tiefen meiner Hirnwindungen. Als ich viele Jahre später auf meinem Erkundungszug durch den italienischen Horrorfilm zum ersten Mal SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF nichtsahnend sichtete, musste ich feststellen, dass ich dem besagten Schulfreund Unrecht getan hatte. Ich hatte das mir bis dato unbekannte Werk gefunden, welches sich in mir zum Mythos aufgebaut hatte. Eine ähnliche Erfahrung widerfuhr mir mit Massaccesis MAN-EATER, nur dass in jenem Fall nicht die Mundpropaganda meine Phantasie beschäftigte, sondern das, was ich in verreißenden Kritiken über den Film gelesen hatte.


HANDLUNG:

In SADO wird vom tragischen Liebesleben des jungen und gutaussehenden Großgrundbesitzers Frank Willer (Francesco in der Originalfassung) erzählt. Anfangs ist er noch voller Enthusiasmus, vertreibt sich seine sorgenfreie Zeit mit Sport und einem unkonventionellen Hobby, der Präparation toter Tiere. Obendrein ist er mit der hübschen Anna Völkl verlobt. Doch dem perfekten Glück steht die weibliche Eifersucht in Gestalt der Haushälterin Iris gegenüber. Nach dem Tod von Franks Mutter hatte sie am Totenbett versprochen, sich um den nun steinreichen Sohnemann zu kümmern. Da sie ein Auge auf ihn geworfen hat, ist ihr seine Liebschaft ein Dorn im selbigen. Sie heuert eine Voodoo-Priesterin an und nach Fluch sprechendem Hokuspokus liegt Anna dem Tode geweiht im Krankenhaus. Als Frank erfährt, wie schlecht es seiner Geliebten geht, eilt er umgehend zu ihr. Doch es ist zu spät. Er kann Anna nur noch in die Arme schließen und ihren letzten Atemzug mit einem Kuss einfangen. 

Nun sieht Iris ihre Chance, den zutiefst Betrübten um ihre Finger zu wickeln und kümmert sich nicht nur mit mütterlicher Fürsorge um ihn, sondern auch mit sexuellen Anzüglichkeiten. Frank lässt das alles über sich ergehen, aber er kann seine Anna nicht vergessen. Am Tag der Beerdigung fährt Frank im Schutz der Nacht zum Friedhof und exhumiert Annas Leichnam; er beabsichtigt, den Körper in seiner noch vorhandenen Schönheit für immer zu bewahren. Auf dem Rückweg nimmt er eine ausländische Anhalterin mit, die nach dem Genuss eines Joints ins Reich der Träume fällt. Als sie erwacht, befindet sie sich in Franks Werkstatt und wird unfreiwillig Zeugin, wie dieser seine verblichene Freundin mit geübter Hand ausstopft. Dieser Umstand zwingt den Leichenschänder zu konsequenten Maßnahmen. Zusammen mit Iris, die ihm in jedweder Form Rückendeckung gibt, um an ihr Ziel zu kommen, beseitigen sie die Leiche der Touristin in einem Säurebad. Danach richten die beiden Annas Leiche her und betten sie in das Schlafzimmer von Franks Mutter. 

Ein paar Tage später macht Frank beim Jogging Bekanntschaft mit einer attraktiven, jungen Frau und nimmt sie mit in sein schlossartiges Domizil, wo er mit zarter Hand ihren verstauchten Knöchel verbindet. Umgehend landen die beiden Turteltauben im Bett, um sich ihrer angestauten Gelüste zu entledigen. Doch das Vergnügen wird jäh unterbrochen, als die Gespielin neben sich die Leiche entdeckt. Nach einem kurzen Handgemenge bringt Frank sie mit einem Biss in die Kehle für immer zum Schweigen und die Tote wird kurzerhand im Verbrennungsofen beseitigt. Iris bezieht von Frank dadurch die Genugtuung, dass er sie aus Dank sogar heiraten würde. Doch ihre Hoffnungen erfüllen sich nicht, denn mittlerweile ist nicht nur die Polizei auf die Vorkommnisse aufmerksam geworden, sondern auch der ansässige Bestatter schnüffelt ihnen hinterher. Als wenig später auch noch Annas Zwillingsschwester Elena (Theodora Elena in der Originalfassung) auftaucht, endet das Beziehungsdrama im Handumdrehen in einem Ausbruch mörderischer Emotionen…


KRITIK:

SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF ist nach dem surrealen DIE MÖRDERBESTIEN Massaccesis zweiter Horrorfilm, der den gotischen Geist seines Vorgängers weiterführt, wenngleich die vorliegende Geschichte in der Gegenwart angesiedelt ist. Allerdings wurde auf klassische Stilmittel wie Nebelschwaden, meterlange Spinnweben und finstere Verliese verzichtet. Oberflächlich betrachtet passt der Film eher in die Kategorie des Gore-Films, doch jenseits der Magen aufwühlenden Ferkeleien macht sich eine stetig intensivierende Atmosphäre des Verfalls bemerkbar, die sich sogar auf das Umfeld (das Haus) auswirkt, aber in erster Linie auf die zum Teil kammerspielartig inszenierte Beziehung der beiden „Protagonisten“ Frank und Iris bezieht. Nach und nach geht bei den Zweien eine morbide Wesensänderung vor, die alles andere als dem puritanischen Lebensgeist entspricht.

Hinter den stechenden und zugleich unschuldig wirkenden Augen des jungadeligen Frank (gespielt vom gebürtigen Iren Kieran Canter, der später in ein paar Pornofilmen zu sehen war und danach von der Bildfläche verschwand), in denen die Wehmut über seine verlorene Geliebte zu lesen ist, schlummern ödipale wie paraphile Neigungen, welche durch das traumatische Erlebnis unheilvoll zu Tage treten. Wäre es nicht schon verabscheuungswürdig genug, in seiner Freizeit Tiere auszustopfen (seit Hitchcocks PSYCHO wissen wir, dass in solchen Menschen Arges brodelt), so verübt er es schließlich mit dem toten Körper seiner Verlobten. Im Schlafzimmer seiner seligen Mutter bettet er die präparierte Leiche und wähnt sich somit in seinen zwei Nativen Liebe (= seine Braut) und Geborgenheit (= das bislang tabuisierte Schlafzimmer als Schutz spendender Mutterschoß). Mit diesem zelebrierten Totenkult wächst der keimende Drang, Liebe in sich aufzunehmen, der schließlich und zuweilen kannibalistische Auswüchse annimmt. Das zeigt zum einen die Sezierungsszene, in der Frank das herausgetrennte Herz küsst und anschließend hineinbeißt, und zum anderen isst er nach dem (oben beschriebenen) Kehlenbiss den zwischen seinen Zähnen steckenden Hautfetzen.

Die seltsam anmutende und ebenfalls sexuell desorientierte Haushälterin Iris (Franca Stoppi, die neben ein paar Komödien für vier Filme aus der Bruno Mattei-Schmiede vor der Kamera stand) dagegen sehnt sich neben dem Wohlstand auch nach der Zuneigung ihres jungen Schützlings. Das Verhältnis schwankt zwischen Bedürfnisbefriedigung und mütterliche Fürsorge, wodurch inzestuöse Tendenzen entstehen. So streichelt sie den Kopf ihres „Sohnes“, um ihm Beileid zu spenden, und führt ihn gleichzeitig an ihre Brust, deren Nippel der junge Mann liebkost, oder sie stimuliert ihn an anderer Stelle mit ihren Händen. Sie will für Frank all das sein, was das hergerichtete Schlafgemach symbolisiert – Mutter und Geliebte zugleich. Allerdings zeugt ihr verschmitztes Grinsen, selbst in der Situation konsequenter Leichenbeseitigung, von ungemeiner Kaltschnäuzigkeit und Selbstsucht. (Ihr Styling sowie ihre Gestik im Finale sind ebenfalls unübersehbar PSYCHO nachempfunden.) Mehr und mehr verlieren sich die beiden in einer Dissexualität, die in einem Mordkomplott mündet und letzten Endes in einem dramatischen Ausbruch des Hasses gipfelt, bei dem alle Anwesenden die Zeche für ihre Entmenschlichung bezahlen. Selbst die unschuldige Elena (Cinzia Monreale, die insgesamt dreimal mit Lucio Fulci arbeitete), die Zwillingsschwester der verstorbenen Anna, kommt nicht ungeschoren davon. Sie verliert in einem klassischen Schlussakt schreiend den Verstand, als sie im Zustand der Bewusstlosigkeit irrtümlicherweise für die Tote gehalten und in einen Sarg gelegt wird.

Massaccesi, der den Film unter seinem bekanntesten Pseudonym, Joe D’Amato, im südtiroler Brixen inszenierte (dort entstanden nicht nur der Großteil der Außenaufnahmen, sondern auch die Settings im Schloss Ratzötz in Milland), erzeugt in seiner Tragödie den Niedergang der Aristokratie dermaßen schwermütig und widerwärtig, dass es einem schwer fällt, einen wohlwollenden Unterhaltungswert auszumachen. 

Durchzogen von den tabuisierten Themata Inzest, Nekrophilie und in Ansätzen Kannibalismus legt dieser Abgesang auf den gotischen Horrorfilm augenscheinlich viel Wert auf ausgiebige Zurschaustellungen von Grausamkeiten, die den Film mit Leichtigkeit zum abscheulichsten Beitrag dieses Genres machen. (Allerdings präsentierten die Autoren Giacomo Guerrini und Ottavio Fabbri mit dem Nekrophilie-Thema kein Neuland im Gothic-Horror, denn Riccardo Freda hatte sich bereits 1962 mit seinem erschütternden L’ORRIBLE SEGRETO DEL DR. HICHCOCK dieser sexuellen Abart gewidmet. Zudem basiert die Geschichte von SADO auf der Story des überdrehten Thriller DAS DRITTE AUGE von Giacomos Vater, Mino Guerrini, aus dem Jahre 1966, in dem ein überchargierender Franco Nero seine Geliebte ausstopft.)

Es sei jedoch zu beachten, dass weder eine Verherrlichung von Gewalt stattfindet, noch dient sie hier der Lösung von Problemen – im Gegenteil! Die Morbidität des Films mutet sogar dermaßen bizarr an, dass eine Identifikation mit den Figuren erst gar nicht stattfindet. Diese Entwicklung geht sogar so weit, dass eine normale Handlung wie der Verzehr eines Eintopfes eher für eine mittelschwere Übelkeit sorgt, als es die expliziten Gewaltdarstellungen tun können. (Die überzeugte Vegetarierin Franca Stoppi hatte das Glück, dass der Eintopf mit Soja fleischlos zubereitet worden war.)

Von dieser Wirkungsweise waren die deutschen Behörden offenbar nicht überzeugt und kamen nicht drum herum, über die herausgerissenen Fingernägel, Ausweidungen und Zerstückelungen ein Verbot auszusprechen. Dieser Umstand war sicherlich fördernd für den hiesigen Kultstatus und den hohen Sammlerwert der alten Videophon-Kassette. Dennoch spreche ich mich an dieser Stelle wiederholt gegen solcherlei Rudimentär-Mentalitäten aus, auch wenn es nicht hilft. Abseits dieser zensorischen Anmaßung erfuhr der Film anderweitigen Presserummel von höherer Qualität. So bewarb der Verleih den Film seinerzeit mit aufgeklebten „Verboten"-Schildern auf den Aushangfotos und der schlagkräftigen Werbezeile „Der schrecklichste Film dieser Zeit“ sowie einer Altersempfehlung ab 21 Jahren. 

Darüber hinaus behauptete sich über mehrere Jahre das Gerücht, die Sezierungsszene sei an einer echten Leiche veranstaltet worden, was natürlich kompletter Unsinn ist. Das einzige, was hier echt war, sind die Tierinnereien, die man sich vom benachbarten Schlachter besorgte. Die Spezialeffekte, die Massaccesi – geschäftstüchtig wie er war – selber kreierte, sind als solche immer zu entlarven und rechtfertigen keinesfalls eine derartige Gerüchteküche. Ich könnte mir vorstellen, dass sie im Dunstkreis verschrobener Gehirnakrobaten weiterhin angeheizt wird, obwohl der Regisseur darüber immer wieder beherzt lachen konnte.

Eine kleine Anekdote anderer Art weiß der geschätzte Hartmut Neugebauer, seines Zeichens Regisseur der deutschen Synchronfassung, zu erzählen: Ursprünglich sollte der Film unter dem Titel "Astaron – Stoß das Tor zur Hölle" in den deutschen Kinos anlaufen, aber ein anderer Verleiher, Residenz Film, war schneller und schnappte der cfc-Contact Film GmbH das „Astaron" für die deutsche Titelvergabe von Luigi Cozzis CONTAMINATION vor der Nase weg, der dann ASTARON – BRUT DES SCHRECKENS hieß. So musste ein neuer Titel her und man fand mit „Sado" einen passenden Ersatz. 

Neben leichten Einflüssen vom spanischen Horrorfilm der frühen Siebziger und der überspitzten Interpretation von Hitchcocks PSYCHO wird Massaccesis vielleicht bester Film durch die Verpflichtung der progressiven Musiker von Goblin (= Maurizio Guarini, Agostino Marangolo, Carlo Pennisi und Fabio Pignatelli) abgerundet. Das Quintett komponierte einen exzellenten Soundtrack zwischen klassischen Noten und schmissigen Synthie-Rock-Nummern, dessen CD-Veröffentlichung ich wärmstens empfehlen kann. Übrigens wurde die Piano-Melodie für den Abspann von Bruno Matteis DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN wiederverwertet. 

Das alles macht SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF meiner Ansicht nach zu einem der besten Horrorfilme italienischer Prägung. Wie es der Originaltitel schon treffend benennt, ein dunkler Abschluss einer abgelaufenen Epoche, die vor den folgenden Dekaden identitätsloser und massenkompatibler Fließbandproduktionen ihre letzten Früchte trug. Die Legende lebt jedoch weiter und ich werde den Film weiterhin in meinem Herzen tragen.

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