Review

"Years have passed, my life was one of searching, through dreams and fantasies, which had no end, only... lost waves that kissed the shore of a clean virgin sea that I could never be within."

Ray Dennis Stecklers Sinthia: The Devil's Doll erzählt die Geschichte der nunmehr zwanzigjährigen Cynthia Kyle (Shula Roan in ihrem ersten und gleichzeitig auch einzigen Auftritt in einem Spielfilm), die im Alter von zwölf Jahren ihre Eltern während sexueller Aktivitäten ermordet und anschließend das Haus in Brand gesteckt hat. Wobei... die Bezeichnung "Geschichte" greift hier blindlings ins Leere. Man stelle sich Folgendes vor. Nach klassischem Erzählmuster verläuft eine Story von A nach E, vom Anfangs- bis zum Endpunkt. Der Erzählstrang kann eine übersichtliche Gerade bilden, er kann jede Menge halsbrecherische, verwirrende Kurven einlegen, aber üblicherweise beginnt er am Start und endet im Ziel. Bei Sinthia hingegen hat man den Eindruck, als würde die Geschichte irgendwo mittendrin beginnen und als wäre sie zwischen den Punkten A und E gefangen, als würde sie orientierungslos durch die Gegend taumeln, ohne Chance, jemals ihr Ziel zu erreichen. Eine halbwegs lineare, nachvollziehbare Handlung gibt es hier nicht. Steckler serviert lediglich ein Potpourri aus wirren Szenen, in die man - so man denn Bock darauf hat - so etwas wie eine Geschichte hineininterpretieren kann.

Aufgrund ihres Alters und des emotionalen Ausnahmezustandes, in dem sie sich zum Tatzeitpunkt befunden hatte, kam Sinthia (vor dem Doppelmord noch als Cynthia bekannt) nie ins Gefängnis. Sie stand unter ärztlicher Beobachtung, acht Jahre lang. Jetzt ist Sinthia erwachsen, sie will heiraten, ihr Leben selbst bestimmen. Dazu muß sie jedoch mit der Vergangenheit abschließen. Ihr Therapeut schlägt vor, Selbstmord zu begehen. Nicht im realen Leben, sondern in der Alptraumwelt, in der sie gefangen ist ("If you were to live in reality, you must first die in your nightmares."), in der sie den Mord immer wieder durchlebt, in der sie seltsame Menschen trifft (die aussehen wie ihre Eltern) und in der man nicht viel von Bekleidung hält. Man kann Sinthia: The Devil's Doll als Blick in den geisteskranken, gequälten Verstand einer jungen Frau deuten, welcher zwischen Schuld und Wahn, Abhängigkeit und Verzweiflung, Mordlust und Besessenheit pendelt. Andererseits wird angedeutet, daß sich gar der Teufel ("The devil is in my brain") ihrer bemächtigt haben könnte. Möglicherweise ist das alles aber auch nur eine sinnlose Aneinanderreihung von Szenen, von einem Regisseur, der die falschen Drogen konsumiert und sich eingebildet hat, er müsse dem konventionellen Genrekino beherzt den Mittelfinger zeigen.

Sinthia: The Devil's Doll ist nicht per se schlecht. Man spürt, daß sich Steckler und Drehbuchautor Herb Robins bemüht haben, ihre Vision auf Zelluloid zu bannen. Daß diese Vision auf dem Weg zum Publikum verloren gegangen ist, ist darauf zurückzuführen, daß Steckler kein guter Regisseur ist, daß die Schauspieler nicht überzeugen können und daß den Zuschauern Sinthias Schicksal egal ist. Was bleibt, ist ein eher langweiliger Trip durch eine bizarre Phantasiewelt, durchsetzt mit diversen psychedelischen Momenten, so bedeutungsschwangeren wie kryptischen Dialogen, und viel, viel nackter Haut. Eine merkwürdige Mischung aus Sexploitation und Kunstkino, die sich eher tollpatschig zwischen alle Stühle setzt. Hin und wieder gelingt es Steckler fast, dem Geschehen eine poetische Note zu verleihen (bei den Strandszenen zum Beispiel), aber dann gehen mit ihm wieder die Pferde durch und er läßt mittels Bildüberlagerungen gleich mehrere weibliche Brustpaare gleichzeitig über den Bildschirm tanzen. Hinzu kommt, daß trotz aller Bemühungen eine gewisse Monotonie einkehrt. Aufgrund des Fehlens eines Spannungsbogens und einer dramaturgischen Struktur plätschert das Geschehen recht behäbig dahin.

Regisseur Ray Dennis Steckler (1938 – 2009) genießt dank schrägen und sehr speziellen Filmen wie The Incredibly Strange Creatures Who Stopped Living and Became Mixed-Up Zombies (Cabaret der Zombies, 1963), The Thrill Killers (1964), The Mad Love Life of a Hot Vampire (1971), The Sexorcist (1974) und The Hollywood Strangler Meets the Skid Row Slasher (1979) bei Bad-Movie-Aficionados einen gewissen Kultstatus. Sinthias Drehbuchautor Herb Robins steht dem jedoch in Nichts nach; mit seinem schier unglaublichen Werk The Worm Eaters (Die Wurmfresser, 1977), bei dem er nicht nur für Regie und Skript verantwortlich zeichnete, sondern darüber hinaus auch noch als Hauptdarsteller in Erscheinung trat, ist er in die Annalen der Trash-Filmgeschichte eingegangen. Und um die Vergabe der Hauptrolle rankt sich folgende schöne Legende. Als sich Peter Balakoff (Sinthias Vater im Film) mit Steckler treffen sollte, streikte sein Auto. Eine junge Lehrerin an einer Sonntagsschule nahm ihn mit und begleitete ihn zum Filmemacher. Als Steckler die Frau sah, meinte er, daß er seine Sinthia endlich gefunden habe. So kann es gehen. Eben noch in der Sonntagsschule, kurz darauf schon Star in einem Steckler-Streifen! Leider ändert diese Anekdote nichts daran, daß Sinthia: The Devil's Doll am Seifenblasensyndrom leidet. Die Oberfläche ist schillernd und faszinierend, das Darunter allerdings hohl und uninteressant.

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