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Im Rahmen des „American Pie“-Erfolgs wurde „Election“ anno 1999 vor allem als Teeniekomödie vermarktet, in der Rückschau stellt der Film allerdings bereits die Weichen für Alexander Paynes späteres Werk.
Denn obwohl Musterschülerin und Oberstreberin Tracy Flick (Reese Witherspoon) die Plakat- und Covergestaltung beherrscht, so ist die Hauptfigur dann doch der Geschichtslehrer Jim McAllister (Matthew Broderick), ein absoluter Durchschnittstyp, der im Kleinwagen zur Arbeit fährt, im kleinen Eigenheim mit Ehefrau Diane (Molly Hagan) lebt und gern mit seinem Lehrerkumpel Dave Novotny (Mark Harelik) einen draufmacht. Letzterer musste allerdings umziehen und wurde von seiner Frau Linda (Delaney Driscoll) verlassen, weil er eine Affäre mit Tracy hatte. Tracy musste keine Konsequenzen spüren, was den Grundstein für die schwelende Animosität zwischen den beiden Hauptfiguren legt.
Es ist Dave schon fast nicht zu verdenken, dass bei ihm die Alarmglocken schrillen, als Tracy ankündigt für das Amt der Schülersprecherin zu kandidieren – vor allem des Lebenslaufs wegen natürlich. Schlimmer noch: Es ist kein Gegenkandidat in Sicht. Also bequatscht Dave den etwas einfach gestrickten Footballstar Paul Metzler (Chris Klein), der wegen einer Verletzung nicht mehr spielen kann, sich doch anstelle des Sportes in der Schulpolitik zu versuchen. Dave, Tracy, Paul und Pauls Schwester Tammy (Jessica Campbell) sind gleichzeitig die vier wechselnden Off-Erzähler des Films, deren Kommentare das Figurenverhalten erleuchten und nachvollziehbarer machen.

Tracy ist natürlich erbost über das pure Vorhandensein von Konkurrenz, hängt sich jedoch immer mehr in ihren Wahlkampf gegen die beiden Kinder reicher Eltern. Währenddessen wird Dave immer mehr besessen von dem Gedanken, dass Tracy auf gar keinen Fall gewinnen darf…
Eine Politsatire, verlegt in den Kosmos des Highschoolfilms, aber eine sanfte. Tatsächlich lassen gestelzte Wahlversprechungen, ein politikmüdes Schülervolk, das vor allem bei einfachen populistischen Parolen jubelt, unsaubere Wahlkampfmethoden und dergleichen Parallelen zur Politik im Großen erkennen, doch tatsächlich widmet der Film seine Zeit nur teilweise dem Wahlkampf und treibt das Geschehen nur selten auf die Spitze. Allzu unwahrscheinlich ist der dargestellte Zirkus der Eitelkeiten nur selten, bis auf gelegentliche Übertreibungen durchaus denkbar an einer normalen Highschool, was auch an der sauberen Charakterzeichnung liegt: Jeder Figur kauft der Zuschauer ab warum sie so handelt.
Doch neben den Wahlkampf geht es – so wie in diversen späteren Filmen Paynes – um das Leben des unzufriedenen Durchschnittsmannes. Dave ist insgeheim mit seinem Leben unzufrieden, gefangen zwischen der gesunden Einstellung der arroganten Streberin Tracy auch mal Bescheidenheit beizubringen und einem ungesunden Neid auf die junge Aufsteigerin, der noch alle Türen offenstehen. Dabei ist Dave weder besonders sympathisch noch unsympathisch, er ist menschlich. Und dann, wenn sich das Schicksal im letzten Filmdrittel gegen ihn zu verschwören scheint, dann ist er teilweise selbst dran schuld, teilweise lassen ihn andere aber auch eiskalt ins Messer laufen. Am Ende ist jeder vier Off-Erzähler irgendwo angekommen und der Zuschauer muss selbst entscheiden, wie glücklich oder unglücklich sie sind, egal was ihre Voice-Over-Kommentare erzählen. Denn ist beruflicher Erfolg eine Kompensation für emotionale Leere? Aber ist man andrerseits als gebeutelter Angestellter wirklich so frei und unabhängig, wie es sich eine der Figuren am Ende einredet?

Das alles erzählt Payne sehr einfühlsam, nimmt jede seiner Figuren ernst, auch den etwas simplen Paul und zeigt großen Respekt für deren Gefühlswelt. Gerade die Darstellung lesbischen Tammy, die ihre Freundin auch noch an den Bruder verliert, beschreibt durchaus sensibel wie es für eine homosexuelle Person in der Kleinstadt anfühlen mag. Das ist Payne manchmal wichtiger als der Mainplot und wird unterkühlt erzählt, teilweise schon eine Spur zu nüchtern, was für die eine oder andere Länge sorgt. Gleichzeitig ist die aber auch ein klarer Indikator, dass „Election“ weniger mit „American Pie“ und Co. und dafür mehr mit den späteren Payne-Werken zu tun hat.
Für den Brückenschlag zwischen Teeniefilm und Lebensbetrachung des Durchschnittsmannes sorgt dabei Matthew Broderick: Der ehemalige Ferris-Blaumacher tritt hier als mit dem Leben unzufriedene Wurst auf und spielt den Everyman nuancenreich. Reese Witherspoon dreht dagegen in der schrilleren Rolle der Oberstreberin auf, Chris Klein macht sich ganz gut als simpler Sportstar und Jessica Campbell kann als kleine Schwester Akzente setzen.

Der ganz große Wurf mag „Election“ nicht sein, denn die Balance zwischen Wahlkampfsatire, Teeniekomödie und Männerportrait stimmt nicht ganz in Paynes Werk, das einfühlsam und nüchtern daherkommt, dank seiner sauberen Figurenzeichnung aber überzeugt. Ein paar Gags und etwas mehr Tempo hätten „Election“ aber trotzdem gut getan.

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