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In einer kleinen, aber feinen Hamburger Einkaufspassage führt Fritz Roeder (Heinz Rühmann) einen erlesenen Antiquitätenhandel. Direkt gegenüber betreibt der Schotte Billy (Sir Peter Ustinov) seinen anglophilen Kunst-Shop. Mit der Kunst nimmt dieser es - im Gegensatz zum Ladeninhaber vis-à-vis - nicht so genau: Statt wirklich feiner Antiquitäten verkauft er überwiegend dekorativen Edelnippes - made in Hongkong (bis 1997 britische Kronkolonie) - oder Vintage-Artikel, die nur den Anschein haben, als stammten sie aus der guten, alten Zeit. Seiner Schwägerin Doris, die mit seinem schottischen Bruder verheiratet ist, sagt er am Telefon den Besuch zu Heiligabend ab - er ist kein Freund formeller Familienzusammenkünfte mit Pünktlichkeitszwang.

Der feinkörnige Roeder mag Billy nicht; er hält ihn für einen Geschäftemacher, der an Kunstgeschichte und den menschlichen Schicksalen, die mit den Handelsobjekten verbunden sind, nicht interessiert ist. Sein Berufsethos hingegen gründet auf einem unerschütterlichen Glauben an die Authentizität der ihn umgebenden Dinge - selbst sein Weihnachtsbaum hat echte Kerzen.

Wie jedes Jahr zu Heiligabend trinkt Roeder mit seiner Angestellten Mathilde (Ilsemarie Schnering) ein Glas Portwein und erwartet einen Kinderchor, den er mit Gugelhupf und Kakao bewirtet und beschert, um ihnen die Wartezeit bis zur eigentlichen Bescherung im Elternhaus zu verkürzen. Roeder sammelt seit Langem Schachfiguren des berühmten Meißener Hofbildhauers und Porzellanmodelleurs Johann Joachim Kändler, die einst für August den Starken gefertigt wurden - aber nicht jene im 18. Jahrhundert nach der Mode des Exotismus bemalten Mohren- und Türkenfigürchen, wie man sie im Bayerischen Nationalmuseum findet, sondern monochrom gefasste Spielfiguren aus rotbraunem Steinzeug und weiß entwickeltem Porzellan. Lediglich von den 8 Bauern des rotbraunen Figurensatzes fehlt ihm noch ein einziger.

Eine aufgetakelte, augenscheinlich neureiche Kundin (Eva Maria Bauer) sucht für ihren Schwager einen Intarsientisch mit einer Spieluhr, die "Stille Nacht" spielt. Obwohl er genau eine solche Spieluhr im Laden hat, verweist Roeder sie an den Laden gegenüber mit der Empfehlung, dies sei ein Spezialgeschäft für Kunstkenner, wo sie sicher fündig würde. Billy freut sich derweil über den Besuch schottischer Dudelsackspieler, die er mit Whisky bewirtet. Von der in Kunstdingen etwas unbedarften Frau mit ihrem ungewöhnlichen Wunsch ist er genervt und fertigt sie mit einem Kunststoffbausatz aus Hongkong mit aufgeklebten Intarsien ab. Die Spieluhr spielt allerdings nur den "River-Kwai-Marsch". Die Kundin kauft sie trotzdem. Draußen bedankt sich Billy bei Roeder für die Kundenempfehlung. Roeder bietet ihm leicht hochnäsig an, ihm mit den zwischenzeitig eingetroffenen Kindern in seinen Laden zu folgen.

Die 17jährige Lisa (Sabine Hennemann), Älteste der Kinderchorgruppe, teilt Roeder mit, dass sie - trotz ihres Berufswunsches Tierärztin - von der Schule abgehen werde, da das Elternhaus eine längere Schulzeit bis zum Abitur nicht mittragen könne. Der Philanthrop Roeder kann ihr jedoch die freudige Mitteilung machen, dass er ihren Eltern ein Privatstipendium zugesichert hat, damit sie ihren Wunschberuf ansteuern kann. Zwischenzeitig hat Billy Roeders Laden betreten. Die beiden Männer finden schnell Gemeinsamkeiten heraus: Beide sind Katzenliebhaber und Zigarilloraucher. Billy spricht ihn auf das im Laden stehende Schachspiel an; er weiß, dass das Spiel aus Nordböhmen stammt und die Rokoko-Figuren von J. J. Kändler modelliert wurden. Roeder ist überrascht. Billy ist immerhin Absolvent der Royal Academy of Arts - Roeder lässt die Kinder ihm zu Ehren das englische Weihnachtslied "The First Noel" singen.

Roeder liest den Kindern sodann die französische Weihnachtsgeschichte "Die drei stillen Messen" von Alphonse Daudet vor, die den Kindern die Verwerflichkeit der Völlerei, einer der sieben Todsünden, vor Augen führen soll: Der Geistliche einer Schlosskapelle, der Kaplan Balaguère, lässt sich von seinem Ministranten Garrigou - der jedoch nur noch als äußere Hülle für den darin befindlichen Dämon der Unmäßigkeit fungiert - berichten, welche üppigen Speisen und edlen Weine im unmittelbar angrenzenden Schloss zum Weihnachtsfest für die alljährliche Speisung aller Stände vorbereitet werden. Dieses Festmahl soll nach der Christmette aufgetischt werden. Balaguère, der hintereinander drei Messen lesen muss, ist von den verführerischen Gerüchen aus der Schlossküche und Trugbildern von Goldkarpfen auf dem Altar derart abgelenkt, dass er die zweite und dritte Messe nur noch abgekürzt liest, um sich nach dem seelenlosen Abhandeln hohl gewordener Glaubensformalitäten umso schneller gemeinsam mit dem Volk zu Tische begeben zu können. Die Völlerei fordert jedoch ihren Tribut: Den Kaplan ereilt in der Weihnachtsnacht der Tod. Im Jenseits wird er von seinem göttlichen Richter jedoch als schlechter Christ verstoßen - mit der Maßgabe, aufrichtigen Herzens in seiner Kapelle dreihundert Messen zu lesen. Viele Jahre später entdeckt ein Nachfahre Garrigous in der Heiligen Nacht einen Spuk: In der zur Ruine verfallenen Kapelle bekommt eine grotesk gealterte, aus Untoten bestehende Gemeinde von dem einst so verfressenen Kaplan die dritte Weihnachtsmesse gelesen. - Das mit Bedacht ausgewählte Märchen (das mit der Anzahl der zu lesenden Messen den klassischen Dreierrhythmus dieser Gattung wahrt) stellt der verderblichen Todsünde der Völlerei die Kardinaltugend der Besonnenheit gegenüber.

Nachdem Roeder die Kinder beschert hat, schmilzt allseits das letzte Eis und Billy lässt sich hinreißen, gemeinsam mit Röder mit historischen Kasperlefiguren für die Kinder ein Stück zum Besten zu geben. Billy erzählt Roeder, dass er gegen Kriegsende an Weihnachten als Kunsthistoriker im Rang eines Gefreiten nach Deutschland kam und wegen Fraternisierung mit dem deutschen Feind von der britischen Infanterie inhaftiert wurde. Er überrascht Roeder, indem er sich als Kenner deutscher Maler der Spätgotik bzw. Frührenaissance wie Martin Schongauer oder Niklas Manuel (gen. Deutsch) zu erkennen gibt.

Als die Kinder und Mathilde gegangen sind, erzählt Roeder Billy, wie er im Hungerwinter 1946 eine Biedermeierkommode zu Brennholz zerhackte, um seiner Liebsten eine warme Stube bereiten zu können - und aus Reue über diesen Frevel hinterher zum Kunsthändler wurde. Billy zieht plötzlich aus der Jackentasche eine Schachfigur hervor, jedoch keine aus den englischen Staffordshire Potteries - es ist der 8. Bauer des graziösen Kändler-Schachspiels, den er seit Langem in seinem Besitz hatte! Der beeindruckte Roeder revanchiert sich passenderweise mit einer filigranen Figur aus Hongkong. Ein gemeinsames Schachspiel mit den Kändler-Figuren lehnt Billy aus Respekt vor dem Wert dieser Unikate ab.

Schach, das in die Tiefe gehende Verstandes- und Kampfspiel, spielen sie an diesem Heiligen Abend dennoch zusammen an einem Tisch - parallel an zwei Schachbrettern: Billy mit einem aus Taiwan mit Figuren aus Alabaster-Ersatz und Roeder mit dem historischen Schachbrett mit den nun vervollständigten Meißener Kändler-Figuren. Als die Glocken vom Hamburger Michel erklingen, sind die beiden Konkurrenten miteinander versöhnt. Das Schachspiel endet sinnigerweise unentschieden - die Könige stecken im jeweiligen Lager des Gegners fest...

Hermann Leitner, Stammregisseur des Hamburger Studiochefs Gyula Trebitsch, lässt seinen beiden Hauptdarstellern die Zeit, die sie brauchen, um ihre knorrigen Charaktere raumgreifend entwickeln zu können. Ustinov erweist sich in diesem Film als herzerfrischender Komödiant, vor allem, als er mit seiner Stimme ein Cello und einen Kontrabass nachahmt. Die Rolle des rustikalen Briten ist ihm, dem Kosmopoliten, wie auf den Leib geschneidert.

Die zentrale Szene des Fernsehspiels stellt jedoch Rühmanns moralisierende Märchenlesung dar (ein kluger dramaturgischer Schachzug vor dem nachfolgenden tatsächlichen Schachspiel) - nichts an seinem Vortrag hat den Anstrich der Beliebigkeit, jedes rezitierte Wort scheint mit Bedeutung und Weisheit gefüllt. Hier bekamen die Fernsehzuschauer wohl erstmalig einen Eindruck von der Trumpfkarte, die Rühmann zum Ende seiner an Wandlungen, Höhen und Tiefen so beispiellos reichen Karriere noch aus dem Ärmel zu ziehen vermochte: die des einfühlsamen, nahezu leisen Vorlesers von Weihnachtsgeschichten und der Bergpredigt.

Dass Daudet als Verfasser des vorgelesenen Märchens weder im Film noch im Abspann genannt wird, mag darauf zurückzuführen sein, dass Frankreichs Literatur vielleicht mehr als jede andere im Volk verbreitet ist und sie trotz großer Dichter keine herausragende Einzelgestalt hervorgebracht hat, was ihrer Vielgestaltigkeit und Verbreitung stets zugute kam. So fanden auch in dem hier vorgelesenen Märchen sowohl Adel, Klerus und öffentliche Funktionäre als auch die niederen Volksschichten Eingang in die Handlung.

Das im denkmalgeschützten Lübecker "Haasenhof" und - etwas zu künstlich ausgeleuchtet - im Studio Hamburg gedrehte Fernsehspiel (Drehbuch: Grimme-Preisträgerin Lida Winiewicz) atmet Humanität und Kultiviertheit und verfügt über alle wichtigen Ingredienzen gediegener Weihnachtsunterhaltung - menschliche Zuwendung, christliche Botschaft, Kindheit und Alter, Versöhnung scheinbarer Gegensätze, musikalische und räumliche Atmosphäre und das Hineingleiten von der Betriebsamkeit in die mit Muße genossene Zeit der Besinnung. Folgerichtig wurde dieses feine, kammerspielartige Fernsehspiel erstmalig am Heiligabend im ZDF ausgestrahlt.

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