Paul Kersey (Charles Bronson) lebt als erfolgreicher Architekt in New York. Er hat es recht gut getroffen. Er ist glücklich verheiratet und seine inzwischen erwachsen gewordene Tochter ist glücklich verheiratet. Er ist, wenngleich mit Waffen quasi aufgewachsen, überzeugter Pazifist. Gewalt widert ihn an. In der Armee diente er als Sanitäter. Die Gründe für seine gewaltlose Einstellung scheinen jedoch viel mehr auf ein traumatisches Erlebnis in seiner frühen Jugend als auf eine echte pazifistische Grundhaltung herzurühren. Aber darüber kann sich der Zuschauer bald selbst ein Bild machen. Vielleicht wird der Zuschauer auch dazu gezwungen. Regisseur Michael Winner zwingt ihn, indem er dieses Bild einer glücklichen Familie brutal zerstört. Kerseys Frau und seine Tochter werden von brutalen, sadistischen Gangstern in Kerseys Wohnung erniedrigt und vergewaltigt. Der Grund für das Verbrechen mag zum einen der erfolglose Versuch der Gangster sein, an viel Bargeld zu gelangen, zum anderen war es jedoch ganz sicher Ihre eigenen armseligen Existenzen konfrontiert zu sehen mit den Wohlstand der oberen amerikanischen Mittelschicht. Was die Gangster zurücklassen ist das Elend als solches. Kerseys Frau soll den Übergriff nicht überleben und seine Tochter ist so schwer traumatisiert, dass sie fortan nur noch im Stande ist ohne jede Gefühlsregung dahin zu vegetieren.
Kersey selbst versucht einfach das Geschehene, was er nicht wieder rückgängig machen kann, zu verdrängen. Und er stürzt sich in die Arbeit. Seine Arbeit soll ihn nach Arizona führen. Einen Kunden muss er dort besuchen. Die Prärieluft bekommt Kersey gut und er mag auch die Art wie man in Arizona lebt, einem Staat, in dem es noch üblich ist, seine Angelegenheiten selbst zu erledigen, auch wenn man dazu Waffengewalt benötigt. Es ist genau diese Mentalität, die sich Kersey langsam aneignet und er soll nicht als unbewaffneter Mann wieder nach New York zurückkommen.
Zum Rächer freilich wird Kersey nicht von heute auf morgen. Kersey fängt an, nachts Gefahrenzonen in New York aufzusuchen. Harlem, Bronx, die New Yorker U-Bahn, alles Plätze, wo Kersey sich jetzt nachts aufhält. Er begenet dabei den Ratten von New York. Er muss nicht lange bitten, sie kommen von selbst auf ihn zu. Erste Akte der Gewaltausübung sind noch eher unbeholfen, doch Kersey soll sich als guter Schütze erweisen. Fortan täglich als „Rächer“ in den Schlagzeilen der Boulevard-Presse, führt er ein unerkanntes Doppelleben: Tagsüber braver Staatsbürger, nachts der „Rächer von New York“
Ein Zustand jedoch, der nicht ewig anhalten kann. Die New Yorker Polizei kommt ihn natürlich, wenn auch spät, auf die Spur…
Michael Winner hat hier einen Film geschaffen, der von seiner ganzen Erzählweise eigentlich keinen Zweifel zu lassen scheint, dass er für den bewaffneten Bürger steht und dass er für Selbstjustiz spricht. Michael Winner möchte diese Tatsache im Film sogar erklären und benutzt dazu teils unpassende Bilder des Wilden Westens. Wenn man den Film gesehen hat, dann scheitern Versuche etwas anderes zu erklären. Zu kompromisslos, zu einseitig hat Michael Winner diese Aspekte hervorgehoben, vielleicht sogar verherrlicht. Selbstjustiz und Bewaffnung werden aber in den USA aus einer anderen Tradition heraus betrachtet, gerade in einer USA des Jahres 1974. Das soll Dieses zwar nicht entschuldigen, man muss es aber der Vollständigkeit halber erwähnen.
Dass in einer bewaffneten USA das Verbrechen mehr gedeiht, als irgendwo anders auf der Welt, muss man heute niemanden mehr sagen. Wie auch immer, vielleicht war Michael Winner hier etwas auf dem Holzweg, vielleicht aber hat er die ganze Selbstjustizsache nur geschickt populistisch im Film umgesetzt. Der Zuschauer ab 18 darf sich dieses Filmchen ansehen und sich seine eigenen Gedanken darüber machen. Er wird einen Film sehen, über dessen Aussage man vortrefflich diskutieren kann, was heutzutage sicher nicht jeder Film von sich behaupten kann.
Zum Inhalt des Films mag man stehen wie man will. Schauspielerisch hat Charles Bronson hier als Paul Kersey ganz sicher einer seiner besten Leistungen abgegeben. Zwar war er auch in diesen ersten Teil der insgesamt fünfteiligen Selbstjustizsaga, die sich von Teil Eins bis Teil fünf über zwanzig Jahre erstreckt, nicht der redselige, vielschichtige Charakterdarsteller wie bspw. ein Robin Williams, doch dass würde man ihn auch nicht abkaufen. Charles Bronson spielt hier den eiskalten Killer ganz wie gehabt, jedoch macht er hier eine echte und auch glaubhafte Entwicklung durch, die vom überzeugten Pazifisten bis zum gnadenlosen Killer geht. Eine Entwicklung die einer Metamorphose gleicht und dennoch sehr glaubhaft ist, wenn man Kerseys jüngste aber gerade auch frühere Vergangenheit betrachtet. Gleichzeitig merkt man der Figur Paul Kersey jederzeit ihr Dilemma an: Trauer und Betroffenheit wechseln sich ab mit Selbstjustizgedanken; Tagsüber das normale Alltagsleben eines Architekten, nachts das konspirative Doppelleben eines Serienkillers.
Fast schade, dass man „Death Wish“ immer nur mit der mehr als brutalen Szene am Anfang in Verbindung bringt, die wirklich jedes Detail der Erniedrigung Kerseys Tochter und seiner Frau durch die Gangster darstellt (Jeff Goldblum war jung und brauchte das Geld).
Eine Szene, die Death Wish in Deutschland die Indizierung quasi garantierte, die aber wie ich meine auch in dieser Härte absolut notwendig war. War sie eventuell filmisch notwendig, um den Zuschauer Paul Kerseys Feldzug gegen das Verbrechen New Yorks glaubhaft und schmackhaft zu machen, nicht zuletzt um später vielleicht über sich selbst nachzudenken, so war sie ganz sicher moralisch notwendig: Dreht man einen Film über einen Mann, dessen Frau und dessen Tochter quasi aus Lust und Laune von Gewaltverbrechern niedergemacht werden, so ist es meines Erachtens überhaupt nicht zulässig auch nur irgendetwas zu verniedlichen oder zu verharmlosen. Es ist Pflicht des Regisseurs so etwas dann auch realistisch in seiner ganzen Grausamkeit zu zeigen. Ansonsten darf ein Regisseur solch eine Thematik gar nicht erst angehen. Wie gesagt, meine persönliche Meinung.
Am Ende ist „Death Wish“ ein ehrlicher Film und ein schauspielerisch guter Film. Über seine Aussage und dem was dahinter steht, kann man endlos streiten. Vom filmischen her ist „Death Wish“ für mich eine art Missing Link, was den Film für mich persönlich sehr interessant macht: Die Stilelemente sind zum großen Teil noch am dramatischen, teils überkandidelten US-Kino der fünfziger und sechziger Jahre angelehnt. Das macht sich musikalisch, aber auch durch künstliche Kulissen im Hintergrund (Die Kerseys in Florida) bemerkbar. Ansonsten aber ist „Death Wish“ bereits einer der ersten modernen Actionfilme, die über „Dirty Harry“ und „Die Hard“ 1-3 bis zu Filmen wie Bad Boys 1 und 2 reichen mögen.
So umstritten „Death Wish“ auch sein mag, jeder der sich mit dem Thema Film ernsthaft auseinander setzen möchte, muss diesen Film gesehen haben.