DEATH WISH aka EIN MANN SIEHT ROT oder Was damals eine Welle der Negativkritik auslöste, ist heute mit reifem Abstand betrachtet ein immer noch kontroverses Selbstjustiz-Drama.
Regisseur Michael Winner gelang es, eine extrem dichte Story aufzubauen, die den Zuschauer ohne große Umschweife direkt ins Geschehen wirft.
Eine tiefe und differenzierte Charakterisierung der einzelnen Figuren blieb außen vor. Fast alle Schauspieler im Film (mit Ausnahme von Charles Bronson) haben nur zwei, drei Adjektive, mit denen sie ausgestattet sind.
Die jeweiligen Kriminellen sind noch schlichter dargestellt und werden durch die Bank als triebhaft böse präsentiert.
Nach einem – auch für heutige Verhältnisse – harten Einstieg in die Geschichte erlebt der Zuschauer Charles Bronson in seiner bekanntesten Rolle als Paul Kersey.
Seine weltweit berühmteste Mainstreamrolle war der Mundharmonika-Mann in Sergio Leones SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD.
Als Architekt Paul Kersey prägte Bronson die Filmfigur des einsamen Rächers wie kein anderer. Gerade diese beim Zuschauer ambivalente Rolle dominierte nicht nur in seiner Filmkarriere, sondern motivierte auch zahlreiche Schnellschuss-Regisseure zu ähnlichen Filmplagiaten.
Natürlich muss man bei der heutigen Sichtung berücksichtigen, in welcher Zeit EIN MANN SIEHT ROT entstanden ist. Anfang der 1970er-Jahre war New York ein extremer Schmelztiegel an Gewalt und Verbrechen. Just in dieser Zeit feuerte Charles Bronson als unbescholtener Bürger Paul Kersey Kriminelle über den Haufen und nahm somit das Gesetz selbst in die Hand.
Michael Winner traf mit DEATH WISH genau den wunden Nerv dieser Zeit.
So ist EIN MANN SIEHT ROT inhaltlich ein zweifelhaftes, dennoch spannend inszeniertes Rachedrama geworden und gleichzeitig eine Art dreckiges Lokalkolorit.
Selbst wenn man richtigerweise dem Selbstjustizthema extrem kritisch gegenübersteht, muss man Michael Winner bescheinigen, dass er ein sehr dichtes, wenn auch polarisierendes Drama in die Welt gesetzt hat.
Provokativ wird gerade dieser Bronson-Film eh immer sein.
Anzumerken ist noch, dass DEATH WISH eine superbe musikalische Untermalung hat, die den Film sehr atmosphärisch untermauert.
By the way ist Jeff Goldblum in seiner ersten größeren Performance zu sehen (und zu verabscheuen). Entgegen seiner späteren Sympathierollen ist er in DEATH WISH ein widerlicher Krimineller.
Charles Bronson selbst kam bis zu seinem Lebensende vom Rollenimage des einsamen Rächers nicht mehr los, ob er das wollte oder nicht.
Unterm Strich kann ich diesen Klassiker unter den Selbstjustiz-Dramen nur reifen und aufgeklärten Zuschauern empfehlen, die mit dem Gezeigten kritisch umgehen können und sich nicht der Oberflächlichkeit hingeben.