„Ein Mann sieht rot“ ist Bronsons großer Selbstjustizklassiker, der aber noch etwas anspruchsvollere Wege als die Fortsetzungen geht.
Paul Kersey (Charles Bronson) ist Architekt in New York und bekommt mit, wie sich in der Stadt Raubüberfälle Gewalttaten häufen. Er sieht keine Veranlassung wegzuziehen, doch dann überfallen drei Rowdys seine Frau Joanna (Hope Lange) und seine Tochter Carol (Kathleen Tolan), berauben sie und verprügeln sie dermaßen, dass Joanna stirbt. Damit etabliert der Film New York als schwerkriminelles Pflaster, damit die Selbstjustizbotschaft dann irgendwie gerechtfertigt wirkt.
Doch im Gegensatz zu den Nachfolgern krallt sich Kersey nicht die direkt die Flinte, sondern versucht die Polizei so gut wie möglich zu unterstützen. Doch es gibt kaum Anhaltspunkte und Carol spricht seit dem Vorfall so gut wie gar nicht mehr, sondern liegt fast den ganzen Tag apathisch im Bett. Auch hier versucht „Ein Mann sieht rot“ noch etwas mehr Tiefgang zu bekommen als vergleichbare Filme, denn die Ohnmacht des Polizeiapparates gegenüber der Menge derartiger Gewaltverbrechen wird nach und nach immer deutlicher.
Paul wird aufmerksamer für Gewaltverbrechen und denkt an Selbstschutz vor Überfällen. Bei einer Geschäftsreise in die ländlicheren Gegend Amerikas lernt er zudem die Cowboymentalität kennen und erinnert sich an seine Schießausbildung im Koreakrieg. Durch das Zusammenkommen dieser Faktoren reift ein Entschluss bei seiner Rückkehr nach New York…
„Ein Mann sieht rot“ ist etwas anders als der Rest der „Death Wish“-Reihe. Man bekommt langsam zu sehen, wie der Normalbürger Paul erst zu Selbstschutz und dann zu Selbstjustiz übergeht. Erst gegen Ende des Films ist Paul wirklich auf der Suche nach Verbrechern, die er richten kann. Passend zum dramatischeren Ton des Films kann Paul auch keine Spur der Mörder seiner Frau finden, sondern knöpft sich wahllos Räuber vor. Zwar heißt der Film Selbstjustiz definitiv gut, aber ist doch noch kritischer als die Nachfolger. So sind die Polizisten hier auch noch wirklich an der Aufklärung der Gangstermorde interessiert, auch wenn eine gewisse Toleranz Pauls Tun gegenüber spürbar wird.
Die Action ist bei weitem noch nicht so ausgeprägt wie in den Nachfolgern (vor allem Teil 3 und 4 der Serie konnten ja in der Beziehung punkten). Es gibt nur ein paar kurze Schusswechsel, die nicht unbedingt spektakulär sind. Und doch haben die Actionszenen ihre ganz eigene Faszination, wenn das scheinbare Opfer Paul Kersey plötzlich den Spieß umdreht und das fiese Gangstervolk es mit der Angst zu tun bekommt. Allerdings sollte man beachten, dass dies natürlich Selbstjustiz in höchstem Maße glorifiziert.
Doch trotz der durchaus glaubwürdigen Wandlung eines Normalbürgers zum Rächers und der an sich ohne größere Längen durchgezogenen Story hat „Ein Mann sieht rot“ doch ein paar kleinere Schwächen und damit ist nicht bloß die etwas fragwürdige Botschaft gemeint, da die eh kaum jemand ernst nehmen wird. So fehlt dem Film dann doch ein vernünftiges Finale, was nicht unbedingt den Actionmangel im Showdown meint. Aber hier bekommt man einfach nicht das Gefühl, dass der Film seinen Höhepunkt erreicht; stattdessen wirkt die Szene leider nur wie eine unter vielen.
Charles Bronson kommt hier in seine spätere Paraderolle, die in den „Death Wish“-Fortsetzungen und diversen ähnlich gelagerten Filmen weiter ausleben durfte. Man merkt warum, denn er spielt recht überzeugend und kommt als Rächer recht charismatisch rüber. Die Nebendarsteller sind ganz OK, aber kaum der Rede wert. Auch ein junger Jeff Goldblum in einer kleinen Rolle als einer der Rowdys, die Kerseys Familie überfallen, ist hier nicht unbedingt überdurchschnittlich.
So kann „Ein Mann sieht rot“ nicht an die actionreicheren Teile 3 und 4 heranreichen, aber aufgrund des Tiefgangs und des Versuchs sich noch glaubhaft mit dem Thema auseinanderzusetzen schafft er die 7 Punkte knapp.