Review

Kuriosa frisch ausgegraben.
Auf unser aller liebsten Clipchannel hat man, neben so wichtigen Dingen wie Schmink- oder Tanztips, auch Gelegenheit, mal einen Blick auf alte TV- und Kinoprodukte der eher obskuren und unbekannten Art zu werfen und so bin ich den Einträgern ganz dankbar, daß sie mir Nigel Kneales' "The Stone Tape" auf diese Art und Weise zugänglich machten.

Bevor jetzt alle "Häh?" schreien: Nigel Kneale war nicht nur ein sehr angesehener TV-Schreiber von der Insel, er ist auch für den seligen Wissenschaftshelden Dr.Quatermass verantwortlich, drosch ihn durch vier TV-Miniserien und drei Kinoverfilmungen und hatte dabei neben mehr als ordentlichen Spannungsbögen auch wissenschaftliche Grundlagen zu bieten, die sich eben nicht ganz so lachhaft anhörten, wenn die Alieninvasion von ihm geschildert wurden.
"The Stone Tape" ist ebenfalls auf seinem Mist gewachsen, ein typisches 70er-TV-Special, das passenderweise zu Weihnachten 1972 über den Äther lief.
Reizvoll daran vor allem die Prämisse: eine Gruppe Wissenschaftler, die sich zur Erforschung eines neuen Aufnahmemediums in einen viktorianischen Landsitz eingemietet hat, findet einen der Stauräume noch unmodernisiert, weil niemand die Butze auffrischen will. Darin soll es nämlich übel spuken und tatsächlich sieht und hört die Programmiererin Jill (Jane Asher, die Exfreundin von Paul McCartney) darin gar Schreckliches: eine Frau schreit markerschütternd auf einer halben Steintreppe, die in eine Wand eingelassen ist und versetzt sie in Angst und Schlottern. Von da an geht man dem Phänomen auf die Spur, was man für eine Geistererscheinung hält, erweist sich später als eine Art zeitversetzte Aufnahme aus der Vergangenheit, die im schwingenden Gestein des umgebenden Raums festgehalten wurde. Einige merken in dem Raum nichts, einige sehen, andere hören etwas, Jill kriegt die volle audiovisuelle Dröhnung mit.
Natürlich ist die Idee von Stein als Dauermedium (immerhin fast kein Datenverlust seit 1880!!!) sofort der Hit in der Gruppe, aber die Versuche führen eher zur Löschung der Aufnahme...

Ich sag es direkt heraus: das liest sich leider besser, als es sich in der finalen Form ansehen läßt. Tatsächlich ist "The Stone Tape" ein solides, manchmal sogar recht unheimliches Stück TV-Horror geworden (die Schreie sind tatsächlich markerschütternd), das jedoch über kurz oder lang mit seinem mäßigen BBC-Budget zu kämpfen hat.
Wie es so üblich war in den 70ern produzierten die Broadcasting-Jungs immer fleißig im Studio, was dem Film natürlich das Flair eines bühnenkompatiblen TV-Stücks mitgibt, was hier besonders schwer ins Gewicht fällt, weil der Cast über weite Strecken in den großen Studios seinen Text herunterSCHREIT bis der Arzt kommt.
Wie überhaupt das große Palaver der Hauptpferdefuß an dieser eigentlich reizvollen Story ist, denn hier wird diskutiert, getalkt und Kriegsrat gehalten, als gäbe es kein Sylvester mehr. Vor allem Michael Bryant und Jane Asher labern sich hier einen Wolf, wo die Atmosphäre für sich selbst sprechen sollte und man könnte manch heiße Träne vergießen, wenn man dann die wahren Spannungsszenen mit den effektiven Soundeffekten und Ausleuchtungen sieht, die bei weitem ein unruhiges Gefühl hinterlassen.

Dazu kommt, daß sich da noch Kompetenzstreitigkeiten mit einer anderen Firmengruppe reinmischen (die dort eine Waschmaschine entwickeln wollen!) und ein paar Andeutungen über ein außereheliches Verhältnis des großspuren Teamleiters Peter (Bryant) sind auch noch untergekommen.
Die unheimlichen Bezüge gehen fast unter, wenn zwischendurch endlich mal wieder durch schlotternde Dorfbewohner und tattrige Pastoren von der Vorgeschichte des Hauses berichtet wird und es dem Zuschauer schwant, daß da noch ein dickes Ende nachkommt. Bis dahin sind die Möglichkeiten dieses Homemade-Theaterstücks aber leider schon fast durch den Schornstein, bis das Finale dann doch noch einen gewissen "payoff" liefert, allerdings war hier auch wegen des knappen Geldes kein FX-Spektakel möglich, die universelle Abgründigkeit kosmischen Grauens liefert der Showdown aber prima - wenn auch die Schlußpointe erwartbar ist.

Hätte man sich nicht totgesabbelt und nach mysteriösem Start 20 Minuten durch unwichtigen Kram verschenkt, aus "The Stone Tape" wäre ein echt ungewöhnlicher Reißer geworden, der das Geschenkeauspacken zur Nebensache gemacht hätte, so sind die knapp 90 Minuten doch zeitweise recht zäh geraten - über die Effektivität des "Geisterraums" braucht man aber nicht zu diskutieren, viel besser hätte man die Stimmung nicht einfangen können. Reinsneaken bitte. (5,5/10)

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