Review
von Mein Senf
Filme dieser Art stellen den geneigten Rezensenten immer vor
das Dilemma, wie man dessen Qualität würdigen kann, ohne auf eben diese
eingehen zu dürfen. Nichts kapiert? Okay, „Arlington Road“ entpuppte sich (für
mich völlig wider erwartend) als Mindfuck-Streifen erster Kajüte und indem ich
diese Zeilen schreibe reduziere ich seine Wirkung für denjenigen, der den Film
noch vor sich hat. Sei’s drum, die anderen Rezensionen konnten es sich auch
nicht verkneifen und darüber hinaus dürfte das Ende wohl auch noch bei
denjenigen eine intensive Wirkung entfalten, die sich von vorneherein auf eine
Schlusspointe einstellen. Der einzige große Kritikpunkt an dem Streifen besteht
darin, dass sich die Qualität von „Arlington Road“, genau wie diese kurze
Einführung vornehmlich auf die Schlusspointe reduziert. Davor wird dem
Zuschauer knapp 110 Minuten reichlich durchschnittliche Thrillerkost zugemutet.
Die besteht darin, dass der Geschichtsprofessor und
Terrorismusexperte Michael Faraday (Jeff Bridges) seinen unscheinbaren neuen
Nachbarn Oliver Lang (Tim Robbins) mit zunehmenden Misstrauen beäugt. Steckt
hinter dessen gutbürgerlichen Fassade ein gewaltbereiter Terrorist oder hat
sich der Akademiker Faraday einfach zu lange mit dem Thema Terrorismus beschäftigt
und verfällt nun in eine realitätsferne Paranoia?
Genau aus dieser Frage versucht „Arlington Road“ den
Großteil seiner Spannung zu beziehen. Im Prinzip durchaus suspenseträchtig
würde nicht allzu schnell offensichtlich werden, auf welcher Seite des Gesetzes
Oliver Lang steht. Jeff Bridges ist zwar reichlich bemüht, seine Heldenfigur
mit reichlich irrationaler Emotionalität anzureichern, um so seine
Glaubwürdigkeit als Identifikationsfigur zu sabotieren, letztendlich spielt er dabei
aber gegen eine übermächtige Inszenierung an, die den Zuschauer viel zu selten darüber
im Zweifel lässt, ob der von Tim Robbins dargestellte Charakter eine weiße
Weste hat. Diesen Zweifel vermag dann auch nicht ein Monolog in der Mitte des
Films auszuräumen, so dass die hitchcocksche Grundkonstellation, in der Held
eine Verschwörung aufdeckt, ihm aber keiner Glauben schenkt, für mich stets ein
bisschen unbefriedigend, ja aufgesetzt wirkte. Die parallel laufende
Schnitzeljagd Faradays, auf der Suche nach Indizien und Beweisen gegen seinen
zwielichtigen Nachbarn, geriet darüber hinaus reichlich konventionell und
driftet gegen Ende gar in schiere Unglaubwürdigkeit ab.
Als Nebenhandlungsstrang werden (in einer reichlich
drastischen Rückblende) die traumatischen Erlebnisse aus Faradays jüngster Vergangenheit
beleuchtet. Einerseits, um den labilen Gemütszustand Faradays zu intensivieren
anderseits um die Auswirkungen der Vergangenheit auf seine jetzige Beziehung zu
der jungen Studentin Brooke (Hope Davies) und seinem Sohn Grant (Spencer Treat
Clarke) zu zeigen. Held mit Trauma - auch hier offenbart das Drehbuch bei der
ersten Durchsicht also eher Konventionen statt Innovationen.
Die Schlusspointe trifft den Zuschauer deshalb umso härter,
weil er sich aufgrund der zunächst eher konventionellen Thrillerhandlung
zunächst auf der sicheren Seite wähnt. Mit etwas gutem Willen mag man dem
Drehbuchschreiber Ehren Kruger eine gewisse Berechnung zusprechen wollen. Wenn sich
der Film zu Beginn in etwas arg uninspirierten Szenen verliert, dann doch wohl
nur, um in der Auflösung dann umso kreativer und wirkungsvoller zur Sache gehen
zu können. Man könnte dem Autor gleichwohl zum Vorwurf machen, dass er beim
Schreiben zu sehr das Schockfinale im Hinterkopf hatte und daraufhin seine
vordergründige Handlung allzu sehr vernachlässigt beziehungsweise der
Schlusspointe untergeordnet hat. Dies ist vor allem deshalb ein Versäumnis, da
sich der unvorbereitete Zuschauer zu gut 90 Prozent des Films vor allem mit der
vordergründigen Geschichte konfrontiert sieht. Die wird dann vor allem durch
das Schauspiel von Tim Robbins und Jeff Bridges getragen, kommt aber über
durchschnittliches Thrillerniveau nie hinaus. Das Ende versöhnt umso mehr, vor
allem, wenn nach dem ersten Schock mit scheinbar sadistischer Freude immer härter
nachgetreten wird. Keine Angst, hier erwacht unser Held am Ende nicht aus einem
bösen Traum und Oliver Lang entpuppt sich auch nicht als eingebildetes Alter
Ego von Michael Faraday. Die Schlusspointe ist um einiges bodenständiger, und
in seiner Wirkung dadurch fast noch ein wenig bedrohlicher als bei
vergleichbaren Filmen. Ganz nebenbei wird der angerissenen
Terrorismusproblematik gegen Ende noch eine besonders hässliche Interpretation
abgerungen, so dass man „Arlington Road“ durchaus eine sozialkritische Note attestieren
kann. Pedanten werden wie meistens bei solchen Filmen bemängeln, dass die
Auflösung mit etwas Abstand betrachtet doch reichlich abstrus anmutet, meiner
Meinung integriert sie aber alle Teile des Films so virtuos, dass man über die
eingangs angesprochenen Schwächen durchaus hinwegsehen kann.
Insgesamt kann man „Arlington Road“ bedenkenlos
weiterempfehlen. Die Tatsache, dass die vordergründige Handlung so weit hinter
dem Schlussgag zurückfällt, ist in meinen Augen allerdings ein klares Manko.
Wie man es richtig macht zeigt der in der Struktur durchaus
vergleichbare Klassenprimus „Fight Club“ ebenfalls aus dem Jahr 1999.