Also, davon muß man sich erst mal erholen hinterher.
"Arlington Road" dürfte die fiese Thriller-Überraschung seit langem sein und wer jetzt auf gängige Kost setzt, wird hier nicht fündig, denn der Film wirkt, als hätten Alfred Hitchcock und Oliver Stone gemeinsam mal einen drauf machen wollen.
Alles beginnt mit einer verstörenden Sequenz, in der sich ein zehnjähriges Junge halb bewußtlos eine Vorstadtstraße entlangschleppt, ehe der Politikprofessor Faraday (Jeff Bridges) ihn aufgreift und mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus bringt. Dieses Ereignis macht den Kontakt zwischen den Nachbarn der Arlington Road, den Langs (Tim Robbins, Joan Cusack) und Faraday, der nach dem Tod seiner Frau (eine FBI-Beamtin) mit einer Freundin zusammenlebt, überhaupt erst möglich.
Jaja, die austauschbaren Vorstadtheime, man kennt einander nicht, kein Kontakt, wer weiß schon, neben wem man da wohnt. Das hatte Joe Dante zwar schon in "Meine teuflischen Nachbarn" beackert, aber damals mit Humor. In Mark Pellingtons Film wird es keinen Humor geben, nicht einen Tropfen.
Ehren Krugers Geschichte entwickelt sich von da an noch recht langsam, wenn auch organisch fort, ganz im Sinne des Hitchcockschen Suspense. Wir ahnen, da ist was im Busch, aber wie Bridges wissen wir nicht was, wenn der in Rechtsradikalismus und Terror geschulte Prof über Kleinigkeiten im Leben der freundlichen Langs stolpert. Ist nicht jeder verantwortlich? Müssen wir nicht wachsam sein? Oder entwickeln wir hier Paranoia? Bridges, dessen Frau bei einem zweifelhaften und schlecht durchgeführten Rechtsradikalen-Einsatz ums Leben kam, wird langsam aber sicher zum Besessenen. Ein Kollege seiner Frau kann und will ihm nicht recht helfen, doch die Hinweise verdichten sich zum Bild, die Spannungsschraube dreht sich unerbittlich an. Ein anderer, alter Fall wird ihm zum Vorbild - hat der nette Nachbar vor, ein Gebäude zu zerbomben?
Wir sind eine Stunde im Film, als das Geschehen plötzlich kippt - Robbins, bisher von außen gezeigt, geht in die Offensive. Und plötzlich stehen alle Vorwürfe als haltlos da. Binnen drei Minuten zerbricht alles, was Bridges sich aufgebaut hat.
Doch dabei bleibt es nicht, denn nach nochmal drei Minuten ist der Film wieder gekippt und das auf eine Art und Weise, die man hier nicht nacherzählen kann, ohne brutal zu spoilern.
Auf jeden Fall rutscht der Einzeltäterverdacht plötzlich in eine weitreichende Verschwörung ohne Ausweg ab, die in mittels einer fieberhaft durch die Decke gehende Spannungskurve in einer der bösesten Schlußpointen mündet, die Hollywood je herausgebracht hat und wenn man danach erschossen auf dem Sofa liegt, kommt der Film noch mit einem viel fieseren Hammer und zimmert noch einen drüber.
Mehr zu verraten verdient eigentlich die Todesstrafe. "Arlington Road" ist so sensationell hinterhältig, zynisch und fies, daß es eine wahre Freude macht und man sich im Anschluß erst mal von dem Gesehenen erholen muß. Ehren Krugers Drehbuch ist wunderbar konstruiert (kaum zu glauben, daß derselbe dann den faden Mist "Scream 3" verzapft hat), doch Mark Pellingtons Regie setzt noch einen drauf. Von der hypnotischen Eingangssequenz an pusht er den Film immer wieder an den entscheidenen Stellen, indem er ein Gesicht einfrieren läßt und den Ton runterdreht, als würde man die Realität nicht mehr richtig verstehen, weil uns wie dem Protagonisten das Blut in den Ohren rauscht. Der Score ist treibend, dann wieder verstörend dissonant. Und man weiß tatsächlich lange nicht, was man von den einzelnen Figuren halten soll. Tatsächlich scheint sich jeder Verdacht, der einem kommen kann, zu bestätigen, nur das im Endeffekt hier alles viel, viel schlimmer ist, als gedacht.
Den einzigen Minuspunkt, den ich dem Film anrechnen muß, ist Bridges Darstellung des Faraday. Mimisch eh nicht der abwechslungsreichste Darsteller, spielt er hier zwar wie ein aufgedrehter Waldmops, übertreibt es aber manchmal. Auch ist es schade zu bemerken, daß eine gebildete und reife Person wie Faraday hier im letzten Filmdrittel völlig aus den Fugen gerät, eine Studie in Panik und Hysterie ohne einen richtig ruhigen, beherrschten oder durchdachten Moment. Letzten Endes paßt aber alles ins Gesamtbild, weswegen zeigen die Schlußminuten. Robbins ist höchst effektiv, Cusack dagegen leicht verschwendet.
Für mich sicher einer der finstersten Filme überhaupt, das schwarze Herz von Amerika ins Bild gerückt, sei es nun mit realem Anspruch oder komplett erdacht. Aber des Films Pointe führt tatsächlich zum Nachdenken über einen zweiten und dritten Blick hinter die Kulissen und packt uns genau dort, wo wir uns eigentlich froh und sicher fühlen sollten: Daheim!
Für alle, die nicht immer ein Happy End benötigen, denn hier kommt keins, da könnt ihr lange warten. (8,5/10)