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Eine auf den ersten Blick scheinbar surreale Eingangssequenz wird sehr schnell doch zur Realität und kommt so unvorhergesehen plötzlich, dass es den Zuschauer ganz kalt erwischt: Ein Junge mit schwersten Verbrennungen an der Hand schleppt sich über die Arlington Road. Michael Faraday kommt dem Sohn des aus der unmittelbaren Nachbarschaft stammenden Oliver Lang zur Hilfe und rettet ihm das Leben. Erst durch dieses Ereignis beginnt der Kontakt mit Familie Lang.

Somit prallt der Film schon relativ früh auf eines seiner zwei zentralen Themen: Der nachbarschaftlichen Anonymität. Man wohnt fast Tür an Tür und doch haben beide Familien noch nie ein Wort miteinander gewechselt. Jeder lebt für sich eingeschlossen auf seinem eingezäunten Grundstück. Hierbei kann man mit dem Namen des Hauptprotagonisten eine interessante, zugegebenermaßen weithergeholte Vermutung anstellen. Denn Michael Faraday war, dem einen oder anderen sicherlich bekannt, auch ein englischer Physiker und Naturforscher, dem der faradaysche Käfig zu verdanken ist, der zur Abschirmung eines abgegrenzten Raumes gegen äußere elektrische Felder geeignet ist. Schirmt man sich in der Arlington Road und anderen Nachbarschaften nicht auch ab und benutzt Zäune zur Raumabgrenzung? Befindet sich Michael nicht auch irgendwie in seinem eigenen faradayschen Käfig? Tja, ist das nun eine rein zufällige Verbindung oder von den Machern vielleicht doch gewollt? Wer weiß, ganz interessant ist das auf jeden Fall...

Das zweite Hauptthema dreht sich dann um den inländischen Terrorismus, wobei die Anonymität der Nachbarschaft sehr gut dazu verknüpft wurde. Wer weiß schon, ob der eigene unbekannte Nachbar, neben dem man unbekümmert wohnt, nicht ein Mörder oder eben ein Terrorist ist? Gerade diese warme Geborgenheit des eigenen trauten Heimes des Zuschauers wird hier angegriffen. Das beängstigte ist, dass es jeden treffen könnte. Ein mulmiges so schnell nicht mehr loswerdendes Gefühl hat man dann bei dem Gedanken, ob der eigene freundliche Nachbar zu Hause da sein wahres Gesicht zeigt.

Hier stößt man anscheinend auf so einen Gesellen, eine falsche Person oder vielleicht doch nicht? Gerade darin liegt ein Großteil der permanenten Spannung des Filmes. Die Ungewissheit des Zuschauers wird zur Angst, die natürlich ebenfalls nicht verschwindet, als die Wahrheit ans Licht kommt. Doch auch dann wird es immer noch verschwörender, überraschender und besonders auch immer unheimlicher. Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ein in Seminaren über inländischen Terrorismus predigender Professor selbst Opfer dessen wird.
Bis auf ein wenig anfängliches Familien-Tralala fühlt und fiebert der Zuschauer zusammen mit Michael. Das in filmischer Hinsicht geniale Ende übertrifft dann noch einmal alles zuvor gesehene. Es ist ein wahres "Evil End": Neben extremer Spannung nämlich gemein, eigentlich sogar richtig fies. Die letzten Schlusssequenzen verdrehen schließlich auch noch einmal alles, sodass das den ganzen Film begleitende mulmige Gefühl erst recht nicht mehr schwinden will.

Die Inszenierung ist ebenfalls nicht weniger hervorragend. In Slowmotions werden vereinzelt Geräuschfilter eingesetzt, welche die teilweise unfassbare Stimmung intensivieren. Die musikalische Untermalung wartet auch mit immer passend unterstützenden Klängen auf. Die Musik am Ende erscheint mit Hilfe von schnell bildlichen Schnitten so phänomenal rasant, dass es den Zuschauer fast buchstäblich zerreißt. Die Rückblenden, serviert teils in Zeitlupen, in der Mitte des Filmes sowie die Verbrennungen des Jungen zu Beginn sind zudem für FSK 12 freigegebenes Material ziemlich harter Tobak. Die ganze Sache sehr schön komplettieren können dann die schauspielerischen Darbietungen von Jeff Bridges und vor allem Tim Robbins, der hier absolut überzeugend spielt. Bridges glänzt mit seiner manchmaligen "Bewegungsfaulheit" in seiner Mimik besser in der Rolle eines Jeff Lebowskis, aber dennoch ist seine Leistung hier bei weitem mehr als akzeptabel.

"Arlington Road" ist trotz einfachen Mitteln ein erstklassig spannender Thriller über Paranoia, nachbarschaftliche Anonymität und inländischen Terrorismus. Ja, ja und zum Schluss weht die amerikanische Flagge ganz kurz einmal an nicht verkehrter Stelle. Soviel Spannung und auch mit den letzten Szenen besonders deutlich werdende Selbstkritik des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten verdient gute 9 Punkte.

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