Michael Faraday läuft eines schönen Tages ein schwerverletzter Nachbarsjunge über den Weg, den er sofort ins Krankenhaus einliefert. Daraufhin lernt der Geschichtsprofessor die Eltern des Jungen kennen und freundet sich mit ihnen an - bis er bald erkennt, daß sein Nachbar nicht der ist, für den er sich ausgibt. Faraday stößt bei seinen geheimen Nachforschungen auf ein finsteres Geheimnis aus dessen Vergangenheit...
Mark Pellingtons Psychothriller "Arlington Road" hatte in den USA aufgrund seines unbequemen Themas „Terrorismus“ wenig Erfolg an der Kasse, gilt in meinen Augen allerdings als einer der interessantesten und spannendsten Filmbeiträge der letzten Jahre, der mit einem überraschenden, vor allem abgrundtief bösen Ende, einem knallharten Angriff gegen den amerikanischen Patriotismus, aufwartet, mit dem wohl gar kein Zuschauer zuvor gerechnet haben dürfte - und wäre das nicht schon genug, so haut Pellington mit den im Nachrichtenstil abgedrehten Schlußbildern gleich noch einmal auf die zerrütteten Gemüter des Filmguckers ein. An dieser Stelle sei dringendst empfohlen, möglichst wenig über den Film in Erfahrung zu bringen - denn nur dann bekommt man eine gehörige Portion Verstörung mit, die noch lange nachwirkt - wenn ich an die Auflösung denke, bekomme ich noch jetzt hin und wieder Gänsehaut -, wenn man nicht komplett von blutigen "Splattermovies" abgestumpft ist und jegliches Gefühl verloren hat.
Die Handlung ist außerordentlich geschickt konstruiert, daß die Spannung bei fortlaufender Dauer immer weiter ansteigt, bis sie in dem atemberaubenden Finale kulminiert. Ich erkenne es außerdem als positiv an, daß auf die genreüblichen Brutalitäten vollständig verzichtet wird.
Daß man das Finale bis zum Schluß nicht einmal ansatzweise erahnt, liegt - mit Ausnahme einer etwas längeren Szene (Faradays Freundin stellt eigene Nachforschungen an) - an der subjektiven Sichtweise, die sich von Anfang bis Ende durch diesen Thriller zieht. Der Zuschauer sieht mit den Augen des Hauptprotagonisten, des "Helden" des Films, Jeff Bridges (als Michael Faraday), der eine eindrucksvolle schauspielerische Leistung darbietet als fürsorglicher Vater, dessen Filmehefrau bei einem FBI-Einsatz ums Leben gekommen ist, und der sich verzweifelt und noch immer zutiefst verbittert an seinen Sohn und seine derzeitige Freundin klammert. Man zittert mit dem sympathischen Eigenbrötler, der Schritt für Schritt die wahre Identität seines Nachbarn Tim Robbins in einer ungewohnten, aber überzeugenden Rolle (als Oliver Lang) - aufdeckt und sich in seine Verschwörungstheorien hineinsteigert, bis er sich allmählich in ein psychisches Wrack verwandelt und abschließend jeden Halt verliert - durch mehrere tragische Umstände in seiner Umgebung bedingt. Dabei macht er, ohne es zu wissen, einen Fehler nach dem anderen.
Doch „Arlington Road“ bleibt nicht nur wegen seines abgründigen Schlusses als hervorragender Beitrag zum Thrillergenre haften. Auch zuvor strotzt der Film nur so vor überraschenden Wendungen, obwohl schnell der Charakter des Nachbarn - Terrorist oder harmloser Biedermann? - geklärt wird.
Die durch die Kamera erzeugte Atmosphäre ist durchgehend finster, und allein die Eingangssequenz vor dem Vorspann ist alptraumhaft und beklemmend, läßt somit erahnen, was den Zuschauer bei "Arlington Road" noch erwartet. Besonders deutlich verleiht der Einsatz der Kamera in einer späteren Szene - die nächtliche Gartenparty - dem Geschehen sogar mit hektischen Bewegungen und Schnitten etwas Unwirkliches, überträgt das nahezu ohnmächtige Seelenempfinden des Hauptdarstellers eindrucksvoll auch auf den Zuschauer.
Genauso wird übrigens der treibende Musikeinsatz passend und gerade in den letzten Minuten sehr wirkungsvoll eingesetzt. Auch sie macht einen großen Teil des anhaltenden Nervenkitzels aus.
Trotz des fulminanten Finales braucht der Film nach der angesprochenen Eröffnungssequenz eine gewisse Anlaufzeit, um richtig Fahrt aufzunehmen. So dauert es etwa eine halbe Stunde, bis die Handlung von einem Wende- bzw. Spannungshöhepunkt zum nächsten schreitet.
Rückblickend gesehen muß ich sagen, daß "Arlington Road" mich aus dem Grunde so fesselt, weil das Ende herausragend ist. Ohne dieses Ende - das sich wahrlich von der Massenware abhebt, ähnlich überraschend wie "Spurlos verschwunden" oder „The Sixth Sense“ - wäre der Thriller einer von vielen konventionellen, den ich mir höchstens zweimal ansehen würde. Das Finale macht die gesamte Würze des Films aus, so daß man auch gern über einige Ungereimtheiten und Unglaubwürdigkeiten hinwegsieht. Denn der Zufall spielt eine gewichtige Rolle in diesem Thriller, weshalb er sich bisweilen der Realität doch deutlich entzieht. Einige Begebenheiten wirken im Nachhinein doch arg konstruiert, daß - konsequent nachgedacht - dem aufmerksamen Betrachter doch die Haare zu Berge stehen dürften (Lang taucht ausgerechnet in dem Moment bei Faraday auf, als der gerade Nachforschungen in der Zeitung über Langs Vergangenheit betreibt; Langs Ehefrau Cheryl (Joan Cusack mit einer guten Leistung) befindet sich zufällig in der Nähe, während Faradays Freundin Michael per Telefon ihre Beobachtungen weitergibt).
Zweifelsohne sind diese Momente unbedingt notwendig, um den Nervenkitzel bis zum bitteren Schluß durchhalten zu können, weshalb "Arlington Road" zwar aus obengenannten Gründen realitätsfern ist, aber eben äußerst spannend und denkwürdig bleibt. Es steht fest: Dieser Thriller geht durch Mark und Bein. Ein Schlag mitten ins Gesicht der patriotischen US-Bürger!
Fazit: "Arlington Road" ist ein ganz besonderes Meisterstück, denn welcher Drehbuchautor eine solch schwarze Schlußpointe erfinden kann, verdient meine absolute Anerkennung. Schauspieler, Plot, Musik und Kameraführung - alles paßt! Ein rundum clever gestrickter, zum Nachdenken anregender Film, mit dem ich mich beschäftige, seitdem ich ihn das erste Mal gesehen habe.
GESAMT: 9/10 (Unterhaltungswert: 9 - Handlung: 9 - Schauspielerische Leistungen: 9 - Kameraführung/Atmosphäre: 9 - Musik: 9)