Wann immer "L'Aldila" von Kritikern, Filmwissenschaftlern oder Genrefans lauthals abgelehnt wird - und das geschieht nicht minder häufig wie eine enthusiastische Begrüßung dieses Italosplatterklassikers - übersieht man dabei zumeist, dass Fulci selbst mehrfach auf die Mängel der Handlung hingewiesen hat. Für Fulci war "L'Aldila" immer ein Film der Bilder, dessen Geschichte nicht logisch zu sein braucht weil sie hinter die Wirksamkeit der Bilder zurücktreten soll (und dies auch tut). Ob man sich (dieses Problem existiert auch bei den meisten Dario Argento und neueren David Lynch Filmen) mit Filmen anfreunden kann, die das klassische Erzählkino einfach meiden und eigene Wege gehen ohne dabei jedoch wie ein Experimental-Kunstfilm zu wirken ist eine Sache... eine andere aber ist die Betrachtung des Films vor Fulcis selbstgestellten Ansprüchen - und die sind, was die Handlung betrifft, bewusst gering gehalten und weiterhin können unlogische Elemente zu einem großen Teil durch das Hereinbrechen dunkler Mächte erklärt werden.
Die "Handlung" verläuft im großen und ganzen folgendermaßen: Irgendwo in Louisiana wird im Jahre 1927 der Maler Schweick vom geradezu klassischen Lynch-Mob der Hexerei beschuldigt (in dem Hotel liegt auch das Buch Eibon herum und eine junge Frau erfährt durch dieses, man werde bei der Lektüre der Worte Eibons "in das Meer der Finsternis eintauchen und von ihm eingesogen werden") und in Zimmer 36 - wo er gerade eine düstere Höllenlandschaft malt - in Gegenwart der bereits erwähnten jungen Frau zur Rechenschaft gezogen: Mit Eisenketten zerfetzt man sein Fleisch, nagelt ihn an die Kellerwand und übergießt sein Gesicht mit Säure. Neben ihm an der Kellerwand ist ein geheimnisvolles Zeichen eingraviert, das jenem aus "I Bury the Living" so ähnlich ist, dass man durchaus eine kleine Verbeugung Fulcis vor dieser unbekannten Horrorperle vermuten mag. Während dieser unnötig grausamen Hinrichtung liest wenige Zimmer entfernt die junge Dame weiter: es wären "sieben Tore des Unheils und des Schreckens auf der Erde verborgen. Wehe dem, der sich ohne Wissen einer jener gottverdammten Orte nähert."
Diesem sepiafarbenem (Astro bietet zusätzlich noch die Farbversion an) Prolog folgt der Vorspann zur eher Western-gemäßen Musik Fabio Frizzis, ehe der Film 54 Jahre später fortfährt: Lisa und ihr Bekannter Martin schlendern an dem Hotel von damals vorbei, das Lisa erworben hat und nun umbaut um es bald in Betrieb zu nehmen. Plötzlich stürzt ein Handwerker vom Gerüst und murmelt dem Tode nahe von toten Augen. Als irgendjemand dann die grandiose Idee hat mal einen Arzt zu rufen, hat dieser keinen weiteren Ratschlag als seinerseits einen Krankenwagen zu rufen. (Solche Schnitzer sollte sich natürlich auch der Drehbuchautor eines mit dem Erzählkino brechenden Films nicht erlauben, aber solche Kuriositäten sind schönster Trash und verleihen dem Film nur zusätzlichen Charme.) Kurz darauf entdeckt man das letzte Bild Schweicks (freilich ohne etwas über Schweick selbst zu wissen) als sich die Klingel aus Zimmer 36 verselbstständigt. Das nächste Unheil trifft einen Klempner, der im Nass des Kellers dem auferstandenem Schweick begegnet, welcher ihm ein Auge rauskratzt und sein Leben nimmt.
Lisa fährt derweil in der beeindruckendsten Szene des gesamten Films eine leere, aber umso breitere Straße entlang als mitten vor ihr die blinde Emily auftaucht - sie gleicht der jungen Frau die 54 Jahre zuvor im Buch Eibon las aufs Haar. Diese bewegt sich nicht nur sehr sicher für eine Blinde, sondern weiß auch Lisas Namen und verkündet, sie schon seit langem kennenlernen zu wollen. Sie rät Lisa dringlich das Hotel wieder aufzugeben, während Lisas Gehilfin im Keller die Körper des Klempners und Schweicks entdeckt. Die Gattin des Klempners fällt einem kippenden Säureglas zum Opfer als sie ihren toten Mann besucht, die Tochter kommt danach hinzu und stößt erst auf nun zwei tote Elternteile und dann auf einen Zombie.
Lisa speist einen Schnitt später mit Dr. John McCabe in einer Bar, als diesem in einem Anruf vom unangenehmen Vorfall berichtet wird. Auf der Beerdigung ist auch die Tochter zu sehen (die man anschließend völlig alleine auf dem Friedhof zurücklässt - ihre Augen sind jedoch ebenso tot wie Emilys, die Lisa nachts im Hotel auflauert und ihr endlich die Geschichte Schweicks und den sieben Toren des Schreckens (das Haus, so erklärt sie weiterhin, steht auf einem von ihnen) erzählt. Daraufhin klingelt es wieder in Zimmer 36, Emily hört seltsames Geflüster und Schweicks Gemälde weint Blut. Emily rennt entsetzt - und stivoll in Zeitlupe und mehrfacher Wiederholung - von dannen.
Lisa muss am nächsten Tag das Buch Eibon entdecken und sieht im Wandschrank den festgenagelten Leichnam Schweicks. Der zufällig vorbeischauende McCabe kann einen hysterischen Ausbruch gerade noch verhindern - Buch Eibon und Schweick sind währenddessen wieder verschwunden, was McCabe natürlich an Lisas Geisteszustand zweifeln lässt. Martin (er wurde ja 45 Minuten zuvor ganz kurz eingeführt) macht sich mittlerweile auf, die Baupläne des Hotels zu suchen und findet diese ebenso wie Lisa erneut auf das Buch Eibon trifft... Doch während Lisa wieder mit einem Schrecken (und wieder ohne Buch) davonkommt, fällt Martin während der Lektüre der Baupläne erst von der Leiter des Bücherregals und dann - bewegungsunfähig - fleischfressenden Vogelspinnen zum Opfer. Auch Lisas Gehilfin lässt ihr Leben als sie ein zweites Mal auf den toten Klempner trifft, der grauslich grunzt und ihr den Hinterkopf in einen langen Nagel haut. McCabe untersucht derweil Schweicks Leiche und entdeckt an deren Arm wie im Buch (das - wie man später erfährt - bereits von ihm gefunden wurde) das geheimnisvolle Zeichen aus der Kellerwand (das mit der "I Bury the Living" Ähnlichkeit) und Emily wird - trotz ihrer Entschuldigungen für ihr Vergehen - von den wandelnden Leichnamen der bereits Verstorbenen aufgesucht, ehe ihr der eigene Blindenhund blutrünstig die Kehle zerfetzt.
Lisa sieht sich mittlerweile den Übergriffen der Untoten und der nervtötenden Klingel in Zimmer 36 ausgesetzt. Wieder kann McCabe im rechten Augenblick erscheinen und das Schlimmste verhindern. Ihre Geschichten nimmt er Lisa jedoch nicht ab, zumal er gute Argumente dafür hat, dass es Emily nicht gegeben haben kann. Plötzlich bricht ein Inferno aus und die beiden fliehen in das Krankenhaus (während das Hotel bereits von Untoten überschwemmt wird). Dort jedoch sehen sie sich erneut den Zombiehorden ausgesetzt und während ihrer Flucht werden die Gesetze der Logik mehr und mehr außer Kraft gesetzt und so finden sie sich plötzlich erst in Lisas Keller und schließlich in Schweicks letztem Gemälde wieder.
Mit diesem Bild endet Fulcis Klassiker (und ebenso - eine schöne Hommage in einem allerdings schlechten Film - "The Dead Hate the Living", der auf der Selbstreflexivität der "Scream" Welle mitschwimmt und sich dreist mit Alternativtiteln in die "Return of the Living Dead" Reihe einschmuggelte). Fulci selbst zitiert zumindest den Soundtrack von "L'Aldila" wenige Jahre später in "Manhattan Baby" und "Un Gatto nel cervello."
Neben Frizzis Soundtrack ist auch Fulcis Gespür für atmosphärisch dichte Bilder hier sehr verblüffend. Der Prolog, Lisas erste Begegnung mit Emily (siehe Bild), das Finale im Krankenhaus und Schweicks Alptraumlandschaft am Ende sind in dieser Hinsicht besonders hervorzuheben. Mit Elementen wie dem Buch Eibon oder der Auflösung jeder Logik am Ende gerät der Film sogar in die Nähe eines Lovecraft - auch wenn dessen Privatkosmos voller großen Alten und schlummernden Meeresungeheuern hier keine Rolle spielt. Oft genug haben Kritiker auf diesen Umstand hingewiesen. Weit weniger wird darauf hingewiesen, dass Fulci ebenfalls sehr viel von Artaud hielt. Bereits 1969 inszenierte Fulci "Beatrice Cenci" - ein Stoff der nicht nur verschiedene Autoren (darunter eben auch Artaud) inspirierte, sondern Julia Margaret Cameron zu einer der allerersten Photographien mit historisch-verklärender Aufmachung - und äußerte sich später mehrmals wohlwollend über Artaud. Nun sollte man Fulci nicht unterstellen, dass er mit "L'Aldila" ein dem Theater der Grausamkeiten verhaftetes Experiment gewagt hat, aber er hat zumindest den Verzicht auf die logisch erklärbare Handlung in Kauf genommen.
Was "L'Aldila" dennoch ein wenig runterreißt, sind nicht die Unklarheiten im Hinblick darauf, wie eigentlich Eibon, Schweick, die sieben Tore, Emily oder das mysteriöse Zeichen zusammenhängen und auch gar nicht mal ein paar veraltete Klischees wie die blinde Seherin - es sind vielmehr kleinere Unsauberheiten und Dialogschwächen (etwa die Szene mit dem Arzt zu Beginn, die Beerdigung auf der die Tochter der Verstorbenen einfach allein zurückgelassen wird oder das Gespräch kurz vor Martins Tod); dann nämlich weiß man nie so genau ob Fulci ein wenig abwegigen Humor einbringen wollte, oder ob ihm diese Schnitzer gar nicht aufgefallen sind,
Ein paar Effekte sind auch etwas unbefriedigend geraten, größtenteils überzeugen sie dennoch.
Wer also bereit ist, sich auf eine Geschichte einzulassen, die mehr und mehr ihren eigenen Gesetzen gehorcht, ohne dass diese näher erläutert werden, bekommt durchaus einen Höhepunkt des italienischen Splatterfilms geliefert. Daher: 7/10