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Mit "Nacht am Mont Blanc" befand sich der österreichische Regisseur Harald Reinl Anfang der 50er Jahre in bester Gesellschaft, als er seinen ersten Langfilm nach eigenem Drehbuch - "Bergkristall" (1949) entstand auf Basis des gleichnamigen Romans von Adalbert Stifter, sein zweiter Film "Gesetz ohne Gnade" (1951) nach Karl Lovens Roman "Das Gipfelkreuz" - im Hochgebirgs-Milieu spielen ließ. "Schicksal am Berg" (1950, Regie Ernst Hess), "Duell in den Bergen" (1950, Regie Luis Trenker und Debüt der "Heimatfilm"-Ikone Marianne Hold) oder "Föhn" (1950, Regie Rolf Hansen) hatten nach 1945 schnell wieder auf das seit den 20er Jahren beliebte Sujet des Berg-Dramas zurückgegriffen - bei "Föhn" handelt es sich zudem um ein Remake des 1929 unter G.W.Pabst und Arnold Fanck gedrehten Stummfilms "Die weiße Hölle am Piz-Palü".

Der Einfluss dieser Film-Gattung mit ihren beeindruckenden Bergpanoramen und archaischen menschlichen Auseinandersetzungen auf die Entwicklung des "Heimatfilms" der 50er Jahre lässt sich entsprechend gut an Reinls "Nacht am Mont Blanc" ablesen, der die dramatischen Szenen in eisigen Höhen mit komödiantischen Elementen, einer Kriminalhandlung und nicht zuletzt mit Liebesgeplänkel um Dagmar Rom verband, der damals sehr populären zweifachen Ski-Weltmeisterin von 1950, die 1952 noch eine Silbermedaille bei den olympischen Spielen in Oslo gewinnen sollte. Trotz der die Szenerie beherrschenden verschneiten Berggipfel, nahm die Story um die attraktive blonde Sportlerin schon früh Reinls Vorliebe für ein Unterhaltungs-Potpourri vorweg, wie er es etwa in "Die Fischerin vom Bodensee" (1955) in Perfektion umsetzen sollte und das zu einem typischen Stilelement im "Heimatfilm" - Genre wurde.

In "Nacht am Mont-Blanc" hinterlässt der große Unterschied zwischen dem notorisch ernsthaften Mienenspiel Dietmar Schönherrs in seiner ersten Hauptrolle als Grenzpolizist Vigo und Oskar Simas witziger Darstellung eines sehr von sich überzeugten Hotel-Portiers, der sich mit einer zu Hysterie neigenden wohlhabenden Touristin aus dem österreichischen Flachland, Frau Schnackendorf (Geraldine Klatt), ins Alberne driftende Dialoge abliefert, einen uneinheitlichen Charakter. Noch kombiniert mit den Aufnahmen des skifahrerischen Könnens von Frau Rom, die zu fröhlicher Musik die Hänge hinunter wedelt, während ihr Verlobter Vigo gefährlichen Rauschgiftschmugglern auf der Spur ist, entsteht der Eindruck eines unentschiedenen Stils. Der Beginn und die Schlusssequenz folgen den Regeln des Bergdramas, während der Mittelteil eher komödiantisch, folkloristisch angelegt ist.

Besonders in Sachen Liebe fuhr Reinl ein Kontrastprogramm auf. Der nach vielen Stunden im Hochgebirge erschöpft zurückgekehrte Vigo und seine Verlobte Monika (Dagmar Rom) schwelgen in ewiger Liebe, während der Portier und Frau Schnackendorf nur despektierliche Bemerkungen für ihre langjährigen Angetrauten übrig haben. Aber auch Monika vergisst ihre elegischen Worte scheinbar schnell, nachdem Vigo schon nach kurzer Zeit wieder seinen Polizisten-Pflichten nachgehen musste, obwohl sie doch seinetwegen extra Urlaub genommen hatte. Page Angelo (Gerhard Deutschmann) darf als begabter Ersatzmann mit auf die Ski-Piste und als ihr dort zufällig ihr früherer Verehrer Hans (Baldur von Hohenbalken) begegnet, verbringt sie gleich den restlichen Tag mit ihm bis tief in die Nacht auf ihrem Zimmer, ohne ihre Beziehung zu Vigo zu erwähnen. Ein gewagtes Spiel für ein unschuldiges Fräulein Anfang der 50er Jahre, das entsprechende Folgen nach sich zieht.

Hans, von Monikas Verhalten ermutigt, versucht sein Glück, holt sich aber eine Abfuhr, woraufhin er das Hotel schon zu früher Morgenstunde in Richtung Berggipfel verlässt. Als der wieder zurückgekehrte Vigo im Hotel eine Leiche entdeckt, glaubt er, Hans wäre der Mörder und macht sich auf die Verfolgung. Doch Monika weiß es natürlich besser und versucht die beiden Männer rechtzeitig einzuholen. Die Kriminal-Story um die Schmugglerbande und den Mord im Hotel hat nur die Funktion, das abschließende Berg-Drama emotional aufzuheizen. Während der aus Turin gekommene Commissario den Fall schnell gelöst hat, spitzt sich die Situation am Mont-Blanc weiter zu. Zuerst verunglückt Monika gerade als sie die Männer erreicht hatte, wird zwar gerettet, aber auf Grund eines Wetterumschwungs müssen sie gemeinsam die Nacht am Berg verbringen. Dort erfährt Vigo, warum Hans nicht der Mörder sein kann, was den Zusammenhalt unter schwierigsten Bedingungen ernsthaft gefährdet.

So konstruiert und im Charakter uneinheitlich die Hinführung zu der abschließenden Sequenz wirkt, gelang es Reinl diese spannend in der Tradition klassischer Berg-Filme umzusetzen, auch weil er auf ein eindeutiges Gut-Böse-Schema verzichtete. Die Situation zwischen der Frau und den zwei Männern bleibt lange offen und sollte offensichtlich weit dramatischer enden als es die nachgeschoben wirkenden kurzen Szenen am Ende vorgaukeln – ein weiteres Beispiel für das qualitative Gefälle innerhalb eines Films, der einen Spagat zwischen leichter Unterhaltung und ernsthaftem Drama versuchte. Nicht immer gelungen, aber voller bemerkenswerter Details wie etwa die strikte Einhaltung der unterschiedlichen Sprachen, die den Betrachter auch mit längeren Dialogen in Italienisch konfrontierten, die nicht untertitelt wurden. Die Stellung des Films zwischen Tradition und der sich abzeichnenden Modernisierung der Nachkriegsgesellschaft, ist nicht nur typisch für den frühen Heimatfilm, „Nacht am Mont-Blanc“ steht auch beispielhaft für die Entwicklung des Regisseurs und Autors Harald Reinl zu einem führenden Vertreter des Heimatfilms. (6/10)

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