Furchtbar, schrecklich, unfreiwillig komisch,
lachhaft, lächerlich, gestelzt… bestätigte sich auch bei der zweiten Sichtung.
Dafür fielen mir nun besonders die grelle, schlechte Beleuchtung auf,
Holzhammer wie der ganze Film, und das schlechteste Make-Up der Filmgeschichte, zumindest für Frau Renneberg. Oder war es Absicht?!? Sie sagt mehrmals: „Ich bin schon tot“; zu viel Clownweiß im Gesicht (nicht auf Armen oder Hals) könnte bedeuten, dass sie ein altmodisches GESPENST gespielt hat!
Allerdings fand diese Theorie nie eine Bestätigung in der wirren Handlung. Nie wird klar, ob sich um falsche Erinnerungen, falsche Beschuldigungen, Lügen, unzuverlässiges Erzählen oder Alpträume handelt. Vielleicht sollte „Tanz der toten Seelen“ geehrt werden, allerdings gibt es keine Ähnlichkeit zu diesem atmosphärisch dichten, unheimlichen, wortkargen (!) Klassiker.
Ob Gespenst oder schlecht geschminkt: Wenigstens spielt Renneberg noch besser (sie vermag sogar die Stimme zu senken) als Herr Böer, der quasi nur einen Ton und einen Gesichtsausdruck hat: mit finster zusammengezogenen Brauen, mißtrauisch gekräuselter Stirn muss er die ganze Zeit Argwohn, Arroganz und Skepsis mimen. Jedes seiner Signale spricht: „Ich fühle mich in meinem pseudo-künstlerischen Macho-Kokon gestört!“ Dadurch ist völlig unglaubhaft, dass sich Frau Rennebergs Figur, die meist mit der Brechstange als naives, hilfsbedürftiges Hascherl gespielt wird (außer das Hascherl spielt Henry eiskalt-verruchte Nutte oder masochistisches Luder vor, was sie jeweils nach kurzer Zeit als „Verarsche“ abbricht), so gern in seiner Nähe aufhält.
Dass beide ständig die Nähe des/der Anderen suchen, blieb mir völlig unverständlich. Sie giften sich die ganze Zeit an, erpressen, beschimpfen und belügen sich, die Frau wird mehrmals gefesselt, der Mann bestohlen und verarscht – dennoch kann man sich bald schon drauf verlassen, dass auf jeden Ausruf „Du kotzt mich an!“, „Hau ab!“, „Ich will weg!“ ganz sicher die Rückkehr, Umkehr oder ein Sinneswandel folgt. Das Hascherl kehrt auf der Straße um, begehrt mit einem Stein Einlass, es stolpert auf der Treppe, um erneut an Schutz durch den grimmigen Ritter appellieren zu können. Taxi-Einladungen oder „Ich steige aus!“-Angebote werden durchgehend ignoriert, nur um mehr Zeit mit
Beschimpfungen und Misstrauen verbringen. Oder sind einfach beide nur so
masochistisch? Außer den Ohrfeigen, die Anja beim Sex einfordert, gibt es dafür
keine Anhaltspunkte, auf keinen Fall beim Obermacho Henry.
Jedenfalls entspricht dem Ping-Pong-Prinzip, dem hastigen Hin und Her der Aktionen, das Ping-Pong-Prinzip, wie die Dialoge inszeniert sind: Schuss und Gegenschuss werden aufeinander geschmettert, ein Satz prallt auf den nächsten – ohne Denken, Überlegung oder Reaktionen. So wird auch nie die ständig wiederholte Frage: „Zufall oder Schicksal“ weiter überlegt: warum fragt z.B. Henry dauernd danach? Oder was könnte eine bestimmte Antwort bedeuten? Warum
sein Interesse? Das Leitmotiv bleibt ein Holzweg.
Unglaublich, wie „Henry“ auf die Entdeckung der Selbstmörderin reagiert: Leben retten, Notruf rufen – so weit, so gut. Dann Notruf auflegen, „Anja“ für tot erklären, mit Auto wegschaffen wollen – Warum? Plötzlicher Sinneswandel: im eigenen Garten, vor er Haustür vergraben – hirnrissig! Das halbfertige Begräbnis für ein Nickerchen abbrechen, von Alpträumen aufwachen. Endlich wacht auch die Leiche wieder auf, ihr ist kalt: also läuft sie barfuß, nackt, nur halb in ein dünnes Deckchen gehüllt durch die Wohnung. Daraufhin wird sie wieder an den Stuhl gefesselt, damit endlos Unsinn geredet werden kann. Bemerkt sie ihr bandagiertes Handgelenk? Nein. Erzählt Henry ihr von ihrem Selbstmord? Nein. Denn es gibt ja so viel Wichtigeres: Gestelzter Nonsens ist zu verzapfen, den das Drehbuch den gequälten Darstellern aufzwingt.