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"Die meisten von euch werden sich nicht mehr an mich und meine Abenteuer erinnern. Aber ich versichere euch: Sie sind wahr."

Im späten 18. Jahrhundert kämpft eine Stadt verzweifelt gegen die Belagerung der Türken. Der stets auf Logik bedachte Bürgermeister (Jonathan Pryce) sieht trotz der gewaltigen Zerstörung der Stadt keinerlei Grund sich dem Feind zu ergeben und sieht einem Theaterstück um den Baron Münchhausen zu, während er über seinen plänen für Verhandlungen brütet. Dieses wird jäh unterbrochen, als plötzlich der echte Baron Münchhausen (John Neville) zur Tür herein tritt und erklärt, dass er der Grund für die Belagerung wäre. Er hat mit Hilfe seiner Diener, dem übermenschlich schnell laufenden Bertold (Eric Idle), dem extrem starken Albrecht (Winston Dennis) sowie zwei weiteren Helfern die Schatzkammer des Sultans geleert. Nun ist der Sultan auf seinen Kopf aus. Um seine Glaubwürdigkeit zu rechtfertigen verspricht er seinen Zuhörern, seine einstigen Diener zu suchen und mit ihrer Hilfe die Belagerung des Sultans zu beenden. Als er mit einem aus Schlüpfern bestehenden Heißluftballon gen Himmel steigt rechnet er nicht mit der kleinen, stets energischen Sally (Sarah Polley), die ihn während seiner Reise immer wieder an die Dorfbewohner und ihr Ziel erinnert, auch wenn die Situation noch so ausweglos erscheint.

Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen war ein deutscher Adliger. Durch seine unterhaltsamen Lügengeschichten erlangte er zu Lebzeiten im 18. Jahrhundert einen Ruf, die ihm später die Figur des Lügenbarons Münchhausen einbrachte. Die Folge war die Erweiterung der Erlebnisse, die ihm angeblich passiert sind, in literarischer Form. So hat er sich und sein Pferd an seinem eigenen Zopf aus einem Sumpf gezogen, reitete auf einer Kanonenkugel und beschuf dem Sultan in Konstantinopel innerhalb einer Stunde eine Falsche Wein aus Wien durch einen schnellfüßigen Diener. "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" greift auf diese fantastischen Lügengeschichten zurück und präsentiert eine abenteuerliche Geschichte zu einer Zeit, da der Baron müde und alt geworden ist.

Ex Monty Python Mitglied Terry Gilliam ("12 Monkeys", "Brothers Grimm") nahm auf dem Regiestuhl Platz und gestaltete seine Vision des Münchhausen als  opulenten Fantasy-Film mit einem hohen Produktionsbudget. Der damals teuerste Film Europas bereitete aber dennoch finanzielle Schwierigkeiten und stand kurz vor dem Aus. Erstaunlicherweise sieht man dies dem Film nicht an.
Zugegeben, die Handlung ist alles andere als einfallsreich, enthält erzählerische Schwächen und erweist sich als erschreckend linear, dies beeinträchtigt den Unterhaltungsfaktor aber nicht im geringsten. Denn dieser liegt durch die visuelle Darbietung erstaunlich weit oben.

Bei den sehenswerten Bildern konnte sich Gilliam voll auslassen und nutzte gar die begrenzten technischen Möglichkeiten der 80er Jahre zu seinem Vorteil, sei es der Ritt auf einer Kanonenkugel, der Ballon aus Schlüpfern, die kopflosen Regenten auf dem Mond oder die Reise im Innern eines riesigen Fisches. Mit Hilfe von einfachsten Computergrafiken, Gemälden sowie unglaublich detaillierten Kostümen und Masken zaubert er eine eigenständige Welt auf den Bildschirm, die eine phänomenale Atmosphäre mit sich zieht.
Allein die als Puppe generierte Figur des Todes mit seinen großen Flügeln, der übergroßen Sense und dem Totenschädel schüchtert selbst erwachsene Zuschauer ehrfurchtsvoll ein. Kein Wunder also, dass "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" zahlreiche Nominierungen für visuelle Effekte, Kostümdesign, Szenenbild und Make-up erhielt und teilweise gewann.

Die Erzählung erweist sich als erstaunlich einfalls- und ereignisreich. Nur in der Mitte des Films bricht das etwas Tempo ein. Die abenteuerliche Suche nach des Barons Gefährten und dem zum Ziel gesetzten Sieg über den Sultan wechselt des öfteren zwischen augenzwinkerndem Humor und düsterer Bildmechanik.
Heiter ists, wenn die größtenteils durchgeknallten Figuren ihre facettenreiche Persönlichkeit zum besten geben und die ein oder andere Lügengeschichte des Barons, die selbstverständlich jenseits der Logik ist, visuell ihre Umsetzung findet. Das Ensemble des einstigen Monty Python Teams trägt hierzu viel bei, konnte Gilliam doch auch einige der früheren Kollegen für sich gewinnen.
Gleichzeitig baute Gilliam Passagen ein, die unangenehm düster und unheimlich wirken. Sei es die Belagerung der Stadt, die Ruinen und staubige Straßen nach sich zieht oder den Einsatz der bereits erwähnten Figur des Sensenmannes.
Auch die Action kommt nicht zu kurz. Explosionen, Feuer, Kanonen, Schießereien und der Einsatz der besonderen Fertigkeiten der Diener bieten eine gelungene Abwechslung, wirken aber nie absolut ernst.
Erstaunlich wie gut dieser Wechsel hier ineinander greift. Unter anderem verursacht dies der stimmungsvolle Soundtrack, der mal mit orchestralen Tönen, mal mit unterschwelliger Musik unter die Arme greift.

Das bereits erwähnte Ensemble der Darsteller hätte besser kaum ausgewählt sein können. Schauspielerlegende John Neville ("Akte X", "Sherlock Holmes' größter Fall") spielt den mal kampfesmüden, mal vor Energie strotzenden Baron in absolut charismatischer Manier, Gegenpol bietet die zierliche Sarah Polley ("Dawn of the Dead").
Die Dienerschaft des Baron besteht aus Darstellern mit denen Terry Gilliam bereits durch seine surreale Satire "Brazil" zusammen gearbeitet hat. Eric Idle, Winston Dennis, Charles McKeown und Jack Purvis sind allesamt Darsteller die bereits durch einige Rollen im Sektor der britischen Komödien jede Menge Erfahrung sammeln konnten, was man ihnen auch ansieht.
Aber damit nicht genug, denn eine Menge Stars wurden zu Gastrollen hinzu gezogen und teilweise doppelt besetzt. So sind Uma Thurman ("Kill Bill", "Pulp Fiction"), Jonathan Pryce ("G.I. Joe - Geheimauftrag Cobra", "Fluch der Karibik"), Robin Williams ("Nachts im Museum", "One Hour Photo"), Sting ("Der Wüstenplanet") und Oliver Reed ("Gladiator") eine erfrischende Abwechslung und bieten teilweise eine herrlich überzogene Karikatur ihrer selbst.

"Die Abenteuer des Baron Münchhausen" floppte gnadenlos an den Kinokassen und wurde teils heftigst durch die simple Handlung kritisiert. Gründe dafür gibts allerdings kaum, denn das Zusammenspiel zwischen grandioser visueller Darbietung, die auch heute noch durchaus ansehbar ist, und durchweg unterhaltsamer Ideen lässt bestenfalls im mittleren Teil des Films etwas Langeweile zu. Darüber kann man aber getrost hinweg sehen, denn die abenteuerliche Geschichte bietet ein tolles darsterisches Ensemble und so viel Abwechslung, wie kaum ein anderer fantastischer Film seiner Zeit.

10 / 10

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