"Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück". Die Tagline ist wieder Programm. Sie steht nicht nur symbolisch für einen Klassiker, sondern ist geradezu der Slogan eines ganzen Subgenres. George A. Romeros "Zombie - Dawn of the Dead" war ganz und gar nicht der erste Zombiefilm, doch ohne Frage brachte er den Stein ins Rollen. Er war das Beben, auf das der Tsunami der Epigonen folgte.
Aber selbst ein solcher Inbegriff des Kults ist nicht vor einem Remake sicher. Videoclip-Regisseur Zack Snyder inszenierte das im Vorfeld sehr skeptisch beäugte Projekt und es ist erfreulicherweise keine Majestätsbeleidigung, kein seelenloser "Dawn of the Dead"-Klon. Im 21. Jahrhundert dreht man ganz andere Zombiefilme; Vergangenheit sind die steif wankenden Untoten. Die lebenden Leichen von heute sind ausgesprochen flink auf den Beinen wie zuletzt die virusinfizierte Meute in Danny Boyles "28 Days later". Sie verhalten sich wie Bestien, die lediglich ihrem animalischen Trieb folgen. Nur Menschenfleisch ist in der Lage, ihn zu befriedigen; wird es gewittert, nehmen sie unbändig Kurs auf ihr Ziel wie vom Licht angezogene Motten.
Und dann beißen sie zu. Wie kräftig sie das tun und wie sehr sie gieren - davon wird Krankenschwester Ana (Sarah Polley) Zeuge, als das Töchterchen ihrem Lebensgefährten wie ein Raubtier ein Stück Fleisch aus dem Hals reißt. Ein neuer Tag ist angebrochen. Dabei erstrahlte die Vorstadtidylle am Abend zuvor noch in prächtigem Glanz: Überall weiße Gartenzäune, fast identisch aussehende Häuser der Mittelschicht, symmetrisch angelegte Flächen gepflegten Rasens. Über Nacht wird aus dem amerikanischen Traum ein Albtraum. Gebissene werden zu Zombies, die Epidemie breitet sich aus, ist schon bis in die eigenen vier Wände vorgedrungen. Auf den Straßen regiert das Chaos. Was bleibt, ist die Flucht ohne Ziel. Selbsterhaltungstrieb flieht vor Fressinstinkt.
Ein Einkaufszentrum bietet Ana und einigen anderen noch nicht Infizierten (unter ihnen auch Ving Rhames als robust gebauter Cop) vorläufig Schutz. Bei Romero damals Hort des Konsums, dessen Schätze des Menschen Auge blitzen ließen, ist die Stätte des Kaufrausches im Remake nur noch Zufluchtsort. Romeros Form der Gesellschaftskritik spielt bei Snyder keine Rolle. Stattdessen wirkt die Figurenkonstellation satirisch, wenn ausgerechnet die Sicherheitsmänner des Gebäudekomplexes wie personifizierter Egoismus in Erscheinung treten und zum Sicherheitsrisiko der Belagerten werden. Für gewöhnlich sprengt die Hitzköpfigkeit solche Verbände, hier wird dem Schema einmal nicht Folge geleistet. Anfangs stockt die Kooperation, der Kampf um die Position des Alphatieres scheint unvermeidlich, doch man rauft sich zusammen; nur mühsam, aber die Vernunft, die rationale Erkenntnis, im Kollektiv den Überlebenskampf gegen die Zombiehorden zu bestreiten, siegt.
Und dieser wird in "Dawn of the Dead" erbarmungslos geführt. Bereits zu Beginn wird Anas Familie kaltblütig zerstört; es werden keine Gefangenen gemacht. Das zeigt sich auf beiden Seiten. Die äußerst realistisch verstümmelten Zombies beißen gnadenlos zu, die Menschen begegnen ihnen zumeist mit Kugeln. Erst der traditionelle Kopfschuss befördert die lebenden Leichen endgültig ins Reich der Toten. Die Härte des Romero-Originals bleibt unerreicht, doch ist das Remake nichts für Zimperliche, wenn sich eine Kettensäge ihren kontrollierten und nicht zuletzt unkontrollierten Weg unaufhaltsam bahnt. Anders als einst Romero hält Snyder jedoch nicht unerbittlich drauf. Sein "Dawn of the Dead" ist rasant, die stilsicheren Bilder präsentieren sich in turbulenten Situationen passend hektisch und temporeich.
Dem Zuschauer Atempausen zu gönnen, vergaß Zack Snyder jedoch ganz gewiss nicht. Sein Werk ist zwar actionreich, überbordet aber nicht. Auch dank der soliden schauspielerischen Leistungen werden einige ruhigere Phasen vortrefflich mit Sarkasmus und schwarzem Humor aufgewertet: Mit Tafeln und Fernglas wird von Dach zu Dach zwischen Einkaufszentrum und dem Waffenladen von Andy, einem weiteren, allerdings von Zombiescharen isolierten Überlebenden, kommuniziert. Man veranstaltet ein Scheibenschießen auf lebende Tote, die Prominenten gleichen, Golfbälle werden geschlagen, die Fahrstuhlmusik spielt munter "Don't worry, be happy".
Vielleicht ist das alles auch Galgenhumor in Zack Synders sehr überzeugendem "Dawn of the Dead"-Remake, das zu einer neuen Generation von Zombiefilmen zu zählen ist. Am Ende werden es jedenfalls nicht viele zur Insel schaffen, zur vermeintlich letzten Bastion menschlicher Zivilisation, denn auf dem Festland scheint die Apokalypse unaufhaltsam. Über lebensgefährliche Umwege dann von der Vorstadt- zur Inselidylle - ein tröstender Gedanke. Wer ihn sich bewahren will, verzichte lieber auf den Abspann.