Review

Dawn of the Dead (Remake)

Als ich das erste Mal davon gehört hatte, dass der meiner Meinung nach beste Horrorfilm aller Zeiten neu verfilmt würde, war ich zugegebenermaßen mehr als skeptisch. Nachdem aber schon das ordentliche Remake von Texas Chainsaw Massacre gezeigt hat, dass nicht jede Neuauflage eines Horrorklassikers automatisch in die Hose gehen muss (wie es ja beim völlig unnötigen Psycho-Remake der Fall war), wich meine Skepsis langsam ein bisschen. Und aufgrund des starken positiven Feedbacks, das zu dem Film in den letzten Wochen sowohl von Kritiker- als auch von Publikumsseite her aus Amerika herübergeschwappt ist, habe ich mich langsam sogar richtig aufs Remake gefreut.

Das erfreuliche Revival des Horrorfilms, das in den letzten ein bis zwei Jahren einige zumindest in Nordamerika sehr erfolgreiche und zum Teil auch gelungene Werke (z.B. 28 Days Later, Freddy vs. Jason, House of 1000 Corpses und das Remake von Texas Chainsaw Massacre) hervorgebracht hat, setzt sich mit Dawn of the Dead nahtlos fort. Alle diese Filme erfinden zwar das (Horror-)Rad nicht neu, weil es ja entweder Remakes, Fortsetzungen oder von irgendwelchen Klassikern stark beeinflusste Filme sind. Trotzdem ist es erfreulich, dass der Horrorfilm wieder beim Mainstream-Publikum Einzug gefunden hat – und das nicht nur mit selbstironischen Teenie-Slasher-Filmen wie bei der von Wes Craven’s Scream losgetretenen Welle vor einigen Jahren. Durch den Erfolg der „großen“ Filme werden in den nächsten Jahren einfach auch kleinere Produktionen leichter finanzierbar sein, und die Videothekenregale werden hoffentlich endlich wieder gut mit Horrorfilmen gefüllt sein. In dem Zuge ist natürlich zu hoffen, dass auch George A. Romero endlich den vierten Teil seiner Zombie-Saga drehen darf (egal, ob er den Namen Dead Reckoning tragen wird oder nicht). Denn es ist schon ironisch, dass ein großes Studio lieber einem Regie-Neuling 26 Millionen Dollar in die Hand drückt, um Dawn of the Dead neu zu verfilmen, als dass man dem Meister selber seine von Horrorfans in aller Welt sehnlichst erwartete Fortsetzung zugesteht.

Zum Film selbst – der Plot ist wohl jedem Horrorfan bekannt. Sollte es aber noch irgendjemanden geben, der nicht weiß, worum es geht, hier eine ganz knappe Zusammenfassung: Aus einem unerklärlichen Grund verwandeln sich ganz normale Menschen plötzlich in blutrünstige Untote, die Jagd auf die Lebenden machen. Wer von einem der Zombies gebissen wird, stirbt und verwandelt sich ebenfalls in einen Zombie. Binnen kurzer Zeit überrennen die Kreaturen ganze Städte. Eine Gruppe Überlebender verbarrikadiert sich vor der Übermacht in einem Einkaufszentrum und nimmt von dort aus den Überlebenskampf auf.

Besonders zu erwähnen ist zunächst die etwa viertelstündige Anfangssequenz, in der die Hauptdarstellerin Sarah Polley, die eine Krankenschwester spielt, nach der Arbeit nach Hause kommt und in der dann ganz plötzlich die Hölle losbricht. Diese Viertelstunde ist atemraubend inszeniert, baut sich langsam auf und überzeugt durch hervorragende Kameraperspektiven. Am Anfang ist die Kamera ganz nahe am Geschehen dran, das zunächst in der Wohnung der Hauptdarstellerin spielt. Im Verlauf entfernt sich die Kamera teilweise stark von der Hauptdarstellerin und zeigt das Geschehen aus der Vogelperspektive und verdeutlicht damit das gesamte Ausmaß der Zerstörung. Insgesamt ist die Kameraarbeit wesentlich origineller und besser als z.B. beim Remake von Texas Chainsaw Massacre, das optisch etwas zu steril und auf Hochglanz getrimmt wirkte. Andererseits wird aber auch auf allzu häufigen Einsatz einer wackligen Handkamera wie in 28 Days Later verzichtet. Der gelungene Einsatz der Soundeffekte trägt viel zur Dynamik und Spannung des Films bei. Dawn of the Dead ist einer der wenigen Horrorfilme, der einen auch soundmäßig richtig in den Sessel drückt. Dabei merkt man dem Film natürlich sein für einen Horrorfilm relativ hohes Budget deutlich an. Musikalisch orientiert sich das Remake nicht am Goblin-Soundtrack des Originals (der ja vor allem den Argento-Cut dominiert hat), sondern geht auch hier eigene Wege. Der Soundtrack ist bei weitem nicht so prägnant wie im Original, wird jedoch sehr effektiv eingesetzt.

Vom Blutgehalt her reizt der Film sein R-Rating bis zur Grenze aus, vergleichbar beispielsweise mit Kill Bill. Es gibt jede Menge Kopfschüsse, einen explodierenden Kopf, einen Stab, der durch einen Zombie-Kopf gestoßen wird, und sogar vor Kindern wird nicht halt gemacht. So gibt es ein Kinderzombie-Mädchen, das seinem Vater den Hals aufbeißt und sogar einen Baby-Zombie. Gegen Ende des Films kommt immerhin noch eine Kettensäge zum Einsatz, die für Mainstream-Verhältnisse ein ziemliches Gemetzel anrichtet, inklusive diverser abgetrennter Gliedmaßen. Das Positive an den Splatter-Effekten ist, dass – im Gegensatz zu Filmen wie Undead, Battle Royale 2 oder Zatoichi von Takeshi Kitano – fast gänzlich auf CGI verzichtet wurde, sondern das gute alte Kunstblut fließen darf. Insgesamt ist der Härtegrad natürlich nicht so hoch wie beim Original, was größtenteils daran liegt, dass „Eingeweide-Szenen“ fehlen. Aber was nicht ist, kann ja noch in der Unrated-Fassung werden. Zu den Zombies: sind die Romero-Zombies (und fast alle anderen von Romero beeinflussten Zombies) dafür bekannt, in Zeitlupe durch die Gegend zu wanken, so sind die Zombies im Remake beängstigend schnell unterwegs und rennen in der Gegend herum wie die Infizierten in 28 Days Later oder die Zombies in Return of the Living Dead. Die Zombie-Make-Up-Effekte sind hervorragend geworden, es standen dafür ja auch die nötigen Mittel zur Verfügung.

Von der Darstellerseite her gibt es auch nichts zu meckern, wobei sowohl die Hauptdarstellerin Sarah Polley und Ving Rhames positiv herausstechen, aber auch der Rest des Darstellerensembles agiert sehr solide. Die ganz großen Performances darf man allerdings nicht erwarten, schließlich befinden wir uns hier in einem Horrorfilm, der nicht allzu viel Wert auf ausgefeilte Charakterzeichnungen legt. Trotzdem ist Dawn of the Dead in dieser Hinsicht im Horrorgenre als überdurchschnittlich einzuordnen, auch wenn man sich nicht ganz so mit den Charakteren identifizieren kann wie im Original (was einerseits daran liegt, dass sich Romero mehr Zeit für seine Protagonisten genommen hat und andererseits daran, dass die Gruppe Überlebender bei Romero lediglich aus vier Personen besteht, im Remake dafür wesentlich größer ist). Mit den kurzen, aber extrem kultverdächtigen Gast-Auftritten von Ken Foree und Tom Savini verneigt sich Regisseur Zack Snyder vor George A. Romero und zollt dem originalen Dawn of the Dead den nötigen Respekt. Spätestens dadurch müsste eigentlich auch der erbittertste Gegner des Remakes versöhnlich gestimmt sein.

Durch den wie beschrieben sehr gelungenen Einstieg in den Film löst sich das Remake innerhalb weniger Minuten vom Original, indem es eine ganz andere Marschroute einschlägt und diese bis zum Ende beibehält. Dadurch sitzt man als Fan des Romero-Films auch nicht den ganzen Film erbsenzählerisch da und vergleicht Original und Remake Szene für Szene. Genau genommen gibt es kaum Szenen in beiden Filmen, die sich gleichen. Abgesehen von der Grundhandlung haben das Original von 1978 und das Remake von 2004 nur wenig gemeinsam. Romero hat seine Konsumkritik stark in den Mittelpunkt gestellt (was in der US-Version viel stärker herauskommt als im Eurocut). Snyder verzichtet in seiner Version gänzlich darauf und konzentriert sich auf die Action und den reinen Horroraspekt. Dieser wird durch erstaunlich viel Humor (der aber hervorragend ins Geschehen passt) immer wieder aufgelockert. Glücklicherweise wurde darauf verzichtet, einen coolen Spruch nach dem anderen einzubauen oder wie bei den Scream-Filmen das gesamte Genre selbstreferenziell auf die Schippe zu nehmen. In der Neuverfilmung gibt es nur wenige Verschnaufpausen, die Gangart des Films ist enorm schnell, fast zu schnell. Dadurch kommen wie erwähnt die Charaktere ein bisschen zu kurz (vor allem die Nebenpersonen), andererseits sind die 95 Minuten auch wie im Fluge vorbei. Ein kleiner Minuspunkt besteht darin, dass die 2004-Version nicht eine so apokalyptische und hoffnungslose Atmosphäre wie der Romero-Film ausstrahlt. Zugunsten der Action wird auf den Tiefgang und Anspruch verzichtet, eine Tatsache, die aber wiederum insgesamt positiv zu bewerten ist. Einfach deshalb, weil sich das Remake dadurch seine Eigenständigkeit bewahrt und eben nicht Gefahr läuft, zur Romero-Kopie zu avancieren, denn in dem Fall wäre das Projekt „Remake des größten Horror-Klassikers“ gründlich schief gegangen.

Fazit: Dawn of The Dead 2004 ist ein zeitgemäßer, rasanter, spannender, blutiger und überraschend witziger Horrorfilm geworden. Der Film geht respektvoll mit Romero’s Kultklassiker um und bemüht sich von der ersten Minute an um Eigenständigkeit - außer der Grundhandlung haben die beiden Filme wie gesagt fast nichts gemeinsam. Eigentlich weist der Film von der actionbetonten Art her eher eine gewisse Nähe zu Filmen wie Dog Soldiers auf als zu einem Romero-mäßigen Zombiefilm. Insgesamt kann das Remake natürlich trotzdem nicht an die Klasse des Originals heranreichen. Das war von vorneherein unmöglich, und das hat Regisseur Snyder bestimmt auch selber gewusst. Dennoch hat er aus der schwierigen Aufgabe das bestmögliche herausgeholt und einen rasanten Action-Horrorfilm abgeliefert, der nur wenige Wünsche offen lässt.
Besonders gespannt bin ich auf die Unrated-Fassung des Films, die laut Aussage des Regisseurs neben fünf weiteren Minuten mit Splatter sich weitere fünf Minuten um die Charaktere kümmern soll. Genau diese Minuten kann der Film noch gebrauchen, um richtig rund zu werden; gut möglich, dass meine Wertung dann noch leicht nach oben geht. Aber auch in der Kinofassung ist Dawn of the Dead einer der besten Mainstream-Horrorfilme seit Jahren geworden, und zumindest die Anfangssequenz verfügt über echtes Klassikerpotenzial.
Und jetzt, liebe Hollywood-Produzenten, lasst endlich George A. Romero selber ran! 8/10 mit leichter Tendenz nach oben.

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