„Gibt es hier einen Geist?“ (Peter Cushing hakt nach)
Der britische Regisseur Roy Ward Baker, der für die „Hammer Film Productions“- und „Amicus“-Produktionsschmieden manch gelungenen Horrorfilm und Episodengrusler wie „Das grüne Blut der Dämonen“ und „Dracula – Nächste des Entsetzens“ drehte, legte 1973, ein Jahr nach dem herausstechenden „Amicus“-Episodenhorror „Asylum“, den Gothic-Grusler „Embryo des Bösen“ ebenfalls für „Amicus“ vor.
Ende des 18. Jahrhunderts zieht der frischvermählte Charles Fengriffen (Ian Ogilvy, „Waterloo“) mit seiner Braut Catherine (Stephanie Beacham, „Das Loch in der Tür“) zurück auf den Familienwohnsitz, ein herrschaftliches Schloss auf dem Lande. Doch Catherine wird von schrecklichen Visionen und Alpträumen geplagt, die auf ein düsteres Familiengeheimnis hinweisen. Je tiefer sie versucht, in die Materie einzusteigen, desto mehr Menschen sterben um sie herum. Lastet ein Fluch auf dem Gebäude oder der Familie? Was ist der Grund für den Spuk? Und was hat der geheimnisvolle Holzhacker damit zu tun? Catherine wird schwanger, zweifelt jedoch die Vaterschaft ihres Gatten an. Dr. Pope (Peter Cushing, „Frankensteins Fluch“) wird zur Hilfe gerufen, der sich auch des Familientraumas annimmt…
Roy Ward Baker verstand es problemlos, die üblichen, typisch britischen Charakteristika eines gelungenen, an alte Geisterlegenden und Gespenster-Comics erinnernden Gothic-Gruslers wie ausladende, erdrückende Gebäude, dichte Nebelschwaden, gedeckte Farben, authentische Kostüme, gemächliches Erzähltempo und Verweise auf die Aristokratie mehr oder weniger neu zusammenzusetzen und gewinnt damit bereits die halbe Miete für Freunde altertümlicher Kulissen und klassischen Spuks. Eine garstige Fratze glotzt aus blutigen, leeren Augenhöhlen durchs Fenster und verschreckt die bemitleidenswerte Catherine, die jedoch in der Folge immer wieder mit dieser Schauergestalt konfrontiert werden soll, ebenso mit einer ein Eigenleben führenden abgehackten Hand, welche offensichtlich einmal zum ungebetenen Blinden gehörte, sein Armstumpf legt diesen Verdacht nahe. Unheimliche Bilder der Ahnengalerie an den Schlossmauern erscheinen ebenfalls „lebensechter“ als gemeinhin üblich und so ist es nur verständlich, dass Catherine auch mal in ihrer Verzweiflung einen markerschütternden Schrei ausstößt (und die Beacham damit ihre „Scream Queen“-Qualitäten eindrucksvoll unter Beweis stellt). Niemand will so recht mit der Sprache herausrücken, die junge Frau prallt mit ihren Ängsten an einer Mauer des Totschweigens ab. Damit erzeugt das Drehbuch eine Spannung, die sich den Zuschauer zunächst fragen lässt, was denn da überhaupt los ist, bis ihn alsbald ebenso wie die Protagonisten die nächste Frage quält: Was ist mit dem Kind?
Eine ausgedehnte Rückblende in die Zeit Großvater Henry Fengriffens (Herbert Lom, „Hexen bis aufs Blut gequält“) entspinnt schließlich die Zusammenhange und zeigt die Ursachen für eine Erbschuld: Gewalt und Erniedrigung, die vom Schlossherrn ausging, der sich an ihm Untergebenen vergriff. Damit greift „Embryo des Bösen“ exemplarisch den Machtmissbrauch der vermögenden und privilegierten Oberschicht auf und zeigt ihn in für einen Film dieses Subgenres verhältnismäßig drastischen, ungeschönten Bildern. Die Schlusspointe schließlich ist konsequent und emotional befriedigend, wenn auch eher unschauriger Natur. Für die Visionen Catherines wurde zuvor viel mit Überblendeffekten gearbeitet, die aus heutiger Sicht mitunter etwas angestaubt wirken. Die Make-Ups können sich aber sehen lassen und verfehlen ihre Wirkung nicht. Die durch die Bank guten Schauspieler veredeln dieses Genre-Kleinord, allen voran die attraktive Stephanie Beacham, der ehrwürdige Gentleman Peter Cushing (der zwar erst relativ spät zum Geschehen dazustößt, dafür aber den davor eingeführten Charakteren Raum zur Entfaltung lässt) und der knorrige Herbert Lom, der einem lange Zeit nur gespenstisch von Gemälden anstarrt. Cushing mimt den intelligenten, psychologisch bewanderten Facharzt, dessen detektivischer Spürsinn schließlich zur – indes unserem Ehepaar wenig Hoffnung spendenden – Auflösung führt. Eine Rolle, die ihm wahrlich auf den Leib geschneidert wurde.
Die finstere Handlung mit ihren kritischen Seitenhieben auf vergangenes Unrecht und ihrem Teufelskreis aus Verzweiflung, Ohnmacht und Rachsucht packt zwischenzeitlich sogar das „Malleus Maleficarum“ alias den „Hexenhammer“ aus und baut dadurch eine Brücke zu weiteren Verbrechen, nämlich der Hexenverfolgung. Wahrhaft bizarr mutet es allerdings an, wenn ein Skelett exhumiert und kräftig verprügelt wird, wenngleich diese Szene auch stellvertretend für fehlende noch lebende Adressaten des eigenen Hasses steht. Die unablässig dudelnde und wabernde musikalische Untermalung bemüht sich leider so sehr, eine unheilschwangere Atmosphäre zu erzeugen, dass man glauben könnte, das Filmteam hätte kein Vertrauen in die ausdrucksstarken Bilder besessen. Mit seiner Dominanz ist er dann doch ziemlich nervig. Ansonsten handelt es sich beim „Embryo des Bösen“ aber um einen weitestgehend gut gelungenen, wenn auch nicht sonderlich originellen Beitrag zum Gothic-Kostüm-Grusel, der Subgenre-Fans erfreuen sollte. In Anbetracht der starken Konkurrenz innerhalb dieses Bereichs zücke ich zunächst 6 von 10 Punkten, evtl. ist nach einer Zweitsichtung auch noch etwas mehr drin.