Der französische Film „Marquis“ von Henri Xhonneux und Roland Topor aus dem Jahre 1989 macht aus der Not, Auszüge aus dem Leben und Schaffen des berüchtigten „Porno-Philosophen“ Marquis de Sade auf die Leinwand zu bringen, ohne zu trocken oder, als anderes Extrem, pornographisch zu werden, eine Tugend, indem er seinen Protagonisten Tiermasken aufsetzt und ihn dadurch wie eine Art Puppentheater wirken lässt. Der Marquis wird zum Hund und seine Zeitgenossen zu Kamelen, Schweinen, Pferden, Ratten, Gockeln etc., zudem hält er gerne Zwiegespräche mit seinem erigierten Penis (natürlich kein echter). Das klingt nicht nur seltsam, sondern ist es auch – aber es funktioniert! „Marquis“ wurde zu einer satirischen, frivolen, mitunter schwarzen Komödie, die de Sades Zeit der Gefangenschaft in der Bastille kurz vor Ausbruch der französischen Zeit nachzeichnet und voller Seitenhiebe auf die Doppelmoral der damaligen Oberschicht steckt und tatsächlich eine ebenso unterhaltsame wie informative Annäherung den Charakter des Marquis ermöglicht. Die Qualität der Masken fiel sehr hoch aus, so dass es Freude macht, sie sprechen und mimen zu sehen. Die Kulissen der Bastille wurden mit Liebe zum Detail umgesetzt, billig wirkt hier nichts. Ähnlich wie in einer Fabel wurden die Tiermasken passend zu den ihnen zugeschriebenen Charaktereigenschaften für die unterschiedlichen Protagonisten gewählt. Trotz einiger abseitiger „Sexszenen“, z.B. treibt es der Marquis mit einer Gefängnismauer und schiebt jemandem eine Languste in den Hintern, driftet die Handlung nie zu sehr ins Albern-Pubertäre ab, sondern bewahrt sich ein gewisses Niveau, das ausreichend Raum lässt für Marquis’ philosophische und nihilistische Überlegungen sowie seine inneren Konflikte lässt. Dass sein Penis dabei als Gesprächspartner dient, verhindert Monologe und symbolisiert Sexualtrieb und Genusssucht auf der einen und Vernunft und Selbstdisziplin auf der anderen Seite. Manch Szene, z.B. aus Marquis’ zitierten Geschichten, werden mithilfe von Knetfiguren inszeniert, was den bizarren Effekt des Films verstärkt. „Marquis de Sade“ ist eine kurzweilige Geschichtsstunde, deren außergewöhnliches Konzept aufgeht und gut unterhält – sozusagen eine Art „Sesamstraße“ für Erwachsene. Schade, dass sowohl Xhonneux als auch Topor so früh verstorben sind.