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PHANTASTISCHE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE

Es waren einmal zwei Jungs, die man am heiligen Abend davon abhalten wollte, das Haus nach Geschenken zu durchsuchen und bei den Weihnachtsvorbereitungen zu stören. Also setzte man die Jungs in ihr Zimmer und machte den Fernseher an. Es gab den spanischen Monsterschauer PHANTASTISCHE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE und die Jungs waren so sehr fasziniert, dass sich ihr Interesse an der bevorstehenden Bescherung fast gänzlich in Luft aufgelöst hatte…

Hamburg, 1898: Von einem mysteriösen Fremden erwirbt Professor Lidenbrock (Kenneth More) einen Stapel alter, verschlissener Bücher. Eines dieser Bücher erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich zu Fuß auf eine Reise macht, um den Mittelpunkt der Erde zu erforschen. Nach und nach häufen sich Anzeichen dafür, dass das Buch keine bloße Geschichte erzählt, sondern vielmehr auf einer wahren Begebenheit zu beruhen scheint.

Als Professor Lidenbrock auch noch eine Karte entschlüsseln kann, die als Ausgangspunkt der Reise einen Vulkan auf Island preisgibt, beginnt er zusammen mit seiner aufgeweckten Nichte Glauben (Ivonne Sentis) und deren Verlobten - dem Soldaten Axel (Pepito Munné) - seine Expedition. Auf Island gelingt es, den kräftigen Schafhirten Hans (Frank Brana) als Begleiter zu verpflichten und schon kann der Abstieg zum Mittelpunkt der Erde beginnen.

Nach unzähligen Tagen (oder Wochen?) erreicht die Expedition ihr Ziel: Eine phantastische Welt im Inneren der Erde… gefährlich und faszinierend zugleich… bevölkert von Pflanzen und Tieren, die seit Jahrmillionen kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen hat! Wird die Expedition diese Welt jemals wieder verlassen können? Und was hat es mit Mr. Olsen (Jack Taylor) auf sich… jenem undurchsichtigen Fremden, der den Weg der Expedition immer wieder kreuzt und der ständig eine geheimnisvolle, goldene Kiste mit sich herumträgt?

PHANTASTISCHE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE (1977) - von Regiedebütant Juan Piquer Simón (REISE ZUR INSEL DES GRAUENS) inszeniert - bewegt sich in vielen Punkten (Hauptpersonen, Stationen der Reise) dicht an Jules Vernes berühmter Romanvorlage JOURNEY TO THE CENTER OF THE EARTH und addiert 70er-Jahre-typisch noch ein paar Ungeheuer hinzu! Trotzdem hat mich der Film - um es gleich vorwegzunehmen - nicht mehr so stark in seinen Bann gezogen, wie er es noch vor etwa 15 Jahren tat…

Da wäre zuerst einmal die Aufteilung des Abenteuers: Knappe 45 (der insgesamt 85) Minuten Laufzeit werden der Vorgeschichte, dem Entschlüsseln von Rätseln und dem Abstieg gewidmet. Vorgeschichte und Rätselknackerei sind durchaus intelligent und witzig und bauen sogar eine gewisse Spannung auf. Der Abstieg als solcher wirkt dann an einigen Stellen doch ziemlich ermüdend. Man kämpft sich durch endlose, dunkle Höhlen, wird aber niemals vor wirkliche Probleme gestellt und dass die Expedition ihr Ziel schlussendlich erreichen wird, ist dem Zuschauer von Anfang an klar. Ich hätte mir gewünscht, dass die phantastische Welt schneller erreicht wird und man der Erforschung derselben mehr Zeit gewidmet hätte! Da lob ich mir den ein Jahr zuvor entstandenen Klassiker DER 6. KONTINENT (1976)… rein in den Erdbohrer… 5 Minuten gebohrt und schon ist das Abenteuer in vollem Gange!

Ist man jedoch erst einmal in der phantastischen Welt angekommen, macht der Film auch wieder Spaß! Ich möchte nicht zu viele der auftauchenden Ungeheuer spoilern und deshalb werde ich nur auf eine der gesichteten Kreaturen etwas genauer eingehen: KING KONG. Nun gut, es ist nicht der echte King Kong, aber sehr kurios ist es schon, wenn exakt ein Jahr nach John Guillermins KING KONG-Remake plötzlich ein Riesenaffe durch den Mittelpunkt der Erde tobt. Er wirkt als einziges „Man-in-Suit“-Ungeheuer fast schon überzeugend, während seine „mechatronischen“ Plastikkameraden eher charmant-nostalgischen Trash verkörpern. Die einzelnen Ungeheuer könnten für meinen Geschmack ruhig etwas länger im Bild verweilen; die harmlose Machart des Films (Bodycount = 0) hingegen stört überraschenderweise kaum… auch wenn ich es sonst noch so gerne sehe, wenn ein Mensch nach dem anderen mit zappelnden Beinen im Monstermaul endet!

Richtig gut aufgelegt sind die Darsteller und auch die Dialoge wissen zu unterhalten: Mit berühmten Erfindern und wissenschaftlichen Theorien wird recht locker umgegangen, Unterhaltungen zwischen Professor Lidenbrock und Mr. Olsen werden amüsant-schnippisch geführt und auch Axel - eigentlich mehr Weichei als Soldat - bringt durch seine Berichterstattung (er führt Tagebuch über die Expedition) viel Ironie und Witz ins Geschehen. Einige Dialoge gerieten sogar kritisch („Soldaten… wenn Krieg ist, sterben sie und wenn kein Krieg ist, werden sie nicht befördert! Ein komischer Beruf!“) oder zynisch („Hier unter der Erde heilen Verletzungen viel schneller… ein ideales Schlachtfeld!“). Die deutsche Synchro treibt zu keiner Zeit Schabernack mit dem Original und kann auf ganzer Linie überzeugen.

Negativ fallen noch diverse ungelöste Rätsel ins Gewicht: Gerade um Mr. Olsen ranken sich zu viele Geheimnisse (ist er vielleicht ein Zeitreisender, ein Klon oder gar ein Alien?), welche am Ende leider nicht gelöst werden, da der Film letztlich etwas zu schnell und leicht unbefriedigend endet! Auch viele interessante Orte (z.B. die unterirdische Stadt, oder war es eine Basis?) werden viel zu schnell wieder verlassen und man wünscht sich, länger dort verbleiben zu können, um noch das eine oder andere Geheimnis zu entschlüsseln!

Nun will ich nicht allzu viel meckern, denn Plus- und Minuspunkte halten sich in etwa die Waage. PHANTASTISCHE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE ist einer jener - in den 70er Jahren wie am Fließband produzierten - naiven Monsterschauer, die das Fernsehen bevorzugt im Nachmittagsprogramm versendet. Nostalgische Monsterfans schauen so etwas gerne und auch wenn es bessere Streifen dieser Gattung (z.B. DER 6. KONTINENT oder TAUCHFAHRT DES SCHRECKENS) gibt, wird man hier für runde 85 Minuten solide unterhalten! Von mir gibt es gute 5 Punkte für den Film und einen Bonuspunkt für die schönen Kindheitserinnerungen! Macht nach Adam Riese…

6/10 Punkten, diBu!

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