Review

Mit den Lieblingsfilmen ist das so eine Sache: mag man einen Film so richtig gern, will man auch die anderen Versionen des Stoffes sehen, um vergleichen zu können. Im Fall von Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" bin ich wohl 59er-Purist und daran wird sich auch nichts mehr ändern, aber wenn man im Verlaufe von 20 Jahren mit jeder Menge billiger TV-Remake zugeschmissen wird (von der geradezu abstrus schlechten 3D-Variante reden wir mal gar nicht), dann will man auch die letzten Lücken aus den seligen und billig-charmanten 70ern füllen.

Im Falle von "Phantastischer Reise..." ist es ein nettes Wiedersehen mit einem alten Bekannten, denn Regie führte bei dieser spanischen Version der ungemein kreativ minderbegabte Juan Piquer Simon ("Pieces"; "Slugs"; "Das Geheimnis der Monsterinsel"), den ich neulich schon mit meinem "Sirene I"-Review zur Schnecke machen durfte.
Simon, der ungemein einfallsreich, aber selten wirklich talentiert zu Werke ging, produzierte sich kurz vor, während und nach dem Ende des Franco-Regimes hier enorm einen zusammen und das wie üblich für wenig Geld, weswegen ich dem Film auch nicht wenigstens die Mühe und eine Prise Charme absprechen will.
Gerade den Film von vornherein als "Hommage" an den großen, verspielten Stummfilmkünstler George Melies zu brandmarken, läßt die Erwartungen an buchgetreue Umsetzungen und kohärenten Zusammenhang schon im Ansatz stranden, dafür eröffnet es die Möglichkeit, daß man sich hier amüsieren dürfte.

Ganz so toll ist das Ergebnis dann doch nicht geworden, denn obwohl der Spanier gegenüber dem James-Mason-Film ein paar literarische Daten wieder begradigt, mangelt es doch oftmals an visuellem Einfallsreichtum und Budget, um die Wunder der unterirdischen Welt wirklich in den Griff zu kriegen.
Zumindest orientiert man sich hier wieder an Vernes deutschen Wurzeln (wie im Roman), korrigiert die Namen und läßt den Beginn in Hamburg spielen (kostümtechnisch immerhin passend), allerdings deucht uns schon, daß der mysteriöse Rauschebart, der Saknussems Entdeckerbericht Professor Lindenbrock zusteckt, noch irgendeine Bedeutung im weiteren Film haben muß (allein, wir erfahren sie nie wirklich).

Wen die nur etwas über 80 Minuten Laufzeit befremden, der wird jetzt alarmiert sein, daß sich die nächsten 30 Minuten bis zum Abstieg ins Erdinnere gemütlich dahinziehen und zwar ziemlich nah dran am Film von Henry Levin. Das betrifft die Teilnahme von Lindenbrocks Tochter, die Identifizierung des Saknussem-Rätsel (wenn auch ein anderes diesmal), die Reise, den Expeditionseinkauf und das Anwerben des isländischen Trägers-Handlangers Hans. Sogar die Figurenzeichnung ist ähnlich eingefärbt, denn Lindenbrock ist ganz der weltvergessene Wissenschaftler, Tochter Glauben die Vernunft und das rationale Element und Axel der begabte, aber etwas eifrige Tolpatsch.
Dumm nur, daß diese etwas hollywoodeske Charaktereinfärbung schon im Erstlingswerk nur Konzession an den Publikumsgeschmack war und so laufen die Figuren bei Simon bald ins Leere. Der Prof wird bald zum grüblerischen, aber selbst wissenschaftlich unproduktiven Trottel, Axel mutiert zum großspurigen Deppen und die gute Glauben hat zwar was im Köpfchen, gerät dann aber folgerichtig immer in Not. Noch schlimmer das Schicksal des wortkargen Hans, der in diesem Film wirklich nahezu ALLES machen muß, alles tragen, alles bauen, alles zimmern, alles ziehen, alles einpacken und immer schön vorangehen, damit es ihn auch als Ersten trifft - und er trägt es mit Würde.

Als fünfter im Quartett wirkt noch ein alter Bekannter für Genrefreunde für europäische Gruselkost mit den Jack Taylor schaut als geheimnisvoller Mr.Olsen vorbei, der stets und ständig einen metallenen Kasten mit sich schleppt, Erklärungen vermeidet, aber immer schön mysteriös in die Gegend starrt. Wer nicht komatös mitgeschaut hat, weiß natürlich, daß Egon Olsen der Zausel aus der Buchhandlung ist, aber das schieben wir mal auf.
Stattdessen kommen dann down under die Schauwerte ins Spiel und wo andere Filme punkten, ist Simons Tropfsteinhöhle leider ein kleiner "low raider", denn viel zu sehen gibt es nicht, außer einer verlängerten Höhlentour mit Wassersuche. Diese Kargheit gilt auch für die restlichen Schauplätze, den unterirdischen Ozean gibt ein nettes Becken her, während man uns die Himmelskuppel mal freundlichst in einer Gesamtaufnahme erspart (bzw. den Kosten erspart). Unterwegs gibts dann Sturm, dann kloppen sich (etwas blutig) zwei Saurierpuppen, später schauen dann noch Riesenschildkröten und im obligatorischen Pilzwald (giftig in diesem Fall) unerklärlicherweise ein Typ in einem King-Kong-Kostüm vorbei, was ja 1976 gerade schrill in Mode war (und dem Film übrigens zu einem enorm griffigen Filmplakat verhalf).

Innerhalb von einer guten halben Stunde wird das alles also nach Schauwerten abgeklappert, wissenschaftliche Erkenntnisse sind unwichtig, der Erdmittelpunkt wird nicht mal erwähnt und ansonsten sind alle nur wegen Olsen mißtrauisch, was aber auch nirgendwohin führt. Da sich sonst alle Teilnehmer eher nett bis albern aufführen, fragt man sich, warum sie eigentlich vor Ort sind.
Zum Schluß gibts noch eine Höhlenfahrt und Olsen präsentiert einmal kurz (und sinn- wie erklärungsfrei) ein futuristisch-unterirdisches Labor mit vielen Versionen/Klonen seiner Art, um sich dann selbst durch die Decke zu pusten, bis man Levin-like wieder in Italien zum Vorschein kommt. Och joh, und beim wiederholten Bibliotheksbesuch schaut der nächste Olsen dann durchs Fenster (hint, hint...)...

Man ahnt es schon, wirklichen Sinn und Zusammenhang sucht man auch in diesem spanischen Genrebeitrag wie so oft vergebens, aber ein bißchen Motivation muß schon, wie etwa bei den Caprona-Filmen, mitgeliefert werden, sonst wird das alles zur simplen Schauwertparade und so gut sind die Tricks nun auch wieder nicht, auf solidem Niveau, aber nicht wirklich gut (aber auch nicht wirklich schlecht).
Am meisten stören wohl die dramaturgischen Gewichtungen - die Einleitung und Reisevorbereitung ist im Vergleich zur Expedition viel zu lang - und die blutleeren Figuren, die manchmal etwas weltfremd durch die Unterwelt stolpern und eigentlich aufgrund ihres Ungeschicks (und Uneinsichtigkeit gegenüber Olsen und Hans) längst tot sein müßten. Die Riesentiere füllen die dürftigen Sets, die sie eigentlich nur unterfüttern oder garnieren sollen und so hat die Reise zwar viel Phantastisches zu bieten, aber von naturwissenschaftlichen Hintergrund Vernes ist so gut wie gar nichts geblieben.
Dazu kommt noch der Handlungsstrang um den Zeitreisenden/Außerirdischen/Klon Olsen, der sich weder mal erklärt, noch definiert, sondern einfach nur Rätsel ohne Lösung in den Raum zu werfen. Wozu seine Kiste da ist (außer für Unterwasserexplosionen zu sorgen), wird nie geklärt und was am Ende Lindenbrock mit dem Ding anfangen soll, noch weniger - das große Geheimnis des Plots bleibt bis zum Schluß nebulös und macht nicht gerade zufrieden.

Ansonsten hat der Film einen gewissen altertümlichen Charme, gute Kostüme und ordentliche Requisiten, kann sich aber sonst leider nicht für eine kreative Richtung entscheiden und verbindet seine Storyelemente auch nicht sonderlich gut. Das Einzige, was ihn über die vermutlich bedeutend teureren TV-Remakes erhebt, dürfte die Tatsache sein, daß das hier noch handgemacht des Weges kommt, anstatt alles offensichtlich und sparsam am Computer zusammenkleben zu lassen. So Seventies: 4/10

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