Nachdem Louis Malle einige Jahre an der Seite von Jacques-Yves Cousteau die Tiefen des Meeres filmisch aufbearbeitet hatte, wagte er sich mit „Ascenseur pour l'échafaud“ 1958 erstmals an einen Spielfilm. Und die Geschichte über einen perfekten Mord, der durch eine Reihe unglücklicher Ereignisse rapide an Perfektion verliert, sollte ein überaus gelungenes Regiedebüt werden.
Julien Tavernier (Maurice Ronet) hat den perfekten Mord begangen. Nichts weist auf seine Schuld hin, alles wirkt wie ein Selbstmord des Opfers – seines Vorgesetzten und Ehemanns seiner Geliebten. So denkt er zunächst… Bis ihm auffällt, dass ein Utensil mit ziemlicher Sicherheit den Verdacht auf ihn lenken wird. So macht er sich wieder auf ins Büro, doch während er im Fahrstuhl steht, schaltet ein Sicherheitsbeamter den Strom ab. Julien steckt im „Fahrstuhl zum Schafott“ fest. Zur gleichen Zeit „leiht“ sich der Halbstarke Louis (Georges Poujouly) gemeinsam mit seiner Freundin Veronique (Yori Bertin) Juliens Wagen für eine ausgedehnte Spritztour. Juliens Geliebte (und mittlerweile durch den Mord an ihrem Mann verwitwete) Florence Carala (Jeanne Moreau) sieht Juliens Wagen an sich vorbeifahren und denkt, er sei mit einer jungen Fremden unterwegs. Ungewiss, ob der Mord an ihrem Mann durchgeführt wurde und ob Julien noch weiterhin zu ihr steht, streift sie durch die Straßen von Paris, immer auf der Suche nach Julien. Am Ende von Louis’ und Veroniques Spritztour steht der Mord an zwei deutschen Touristen. Die beiden Jugendlichen flüchten, Hauptverdächtiger ist der im Fahrstuhl gefangene Julien Tavernier…
Louis Malle verstrickt geschickt die Geschichten von 4 Personen im Paris der 50er Jahre; in einem Paris, das so im Film noch nie zuvor gezeigt wurde. Vorbei die Zeiten der Zigaretten rauchenden Café-Besucher und der Baskenmützen tragenden Taxi-Fahrer, Vive la nouvelle vague! Er zeigt ein Paris, das moderner erscheint als es zur damaligen Zeit tatsächlich der Fall war. Und gerade das Paris zur Nacht, durch das Jeanne Moreau schon fast hypnotisch wandelt und dabei immer wieder im inneren Monolog ihre Sehnsucht zu ihrem geliebten Julien zum Ausdruck bringt, fasziniert auf ganzer Linie. Dies liegt zum einen an der fantastischen Kamera-Arbeit Henri Decaës, zum anderen am genialen, hypnotisierenden Jazz-Soundtrack von Miles Davis und letztlich auch an der hervorragenden schauspielerischen Leistung Jeanne Moreaus. Sie zieht ihr Publikum mit ihren depressiven Monologen vollends in ihren Bann und überzeugt es sogar ein kleines bisschen davon, Mitleid mit den beiden Kollaborateuren Florence und Julien zu haben, wenngleich die Tat, die beide gemeinsam geplant und durchgeführt haben, verachtenswert ist. Und auch den jugendlichen Straftätern, die zunächst durch den Diebstahl Taverniers Wagens und anschließend durch den Mord an dem deutschen Touristenpärchen gegen das Gesetz verstoßen, kann der Zuschauer noch ein gewisses Maß an Sympathie entgegenbringen, speziell in jenem frühen Moment des Geschehens, in dem sie ihrem scheinbar gewissen Schicksal entgegenblicken.
Lediglich Tavernier selbst ist in seinem „Gefängnis“, dem Fahrstuhl, zur Untätigkeit verdammt. Und gerade das erzeugt letzten Endes eine Spannung, die in jedem Moment greifbar ist. Während alle anderen Figuren dieses filmischen Schachspiels ihre Züge – meist in die falsche Richtung – machen können, steht der König nahezu ungeschützt in der Falle, kurz vor dem Schachmatt. Drei Handlungsstränge, verwoben zu einem spannungsgeladenen Thriller, der sich unweigerlich zu seinem für sämtliche Beteiligten tragischen Ende hochschaukelt, haben sich nun entwickelt. Und in allen drei Handlungssträngen befinden sich die Beteiligten auf der Suche (einem tragenden Element in Malles Schaffen): Julien sucht nach einem Ausweg aus dem Fahrstuhl, Florence sucht nach ihrem Julien und Louis und Veronique suchen nach der Freiheit. Schließlich ereilt beide Paare auf ihren so unterschiedlichen Suchen ein identisches Schicksal, das Schachspiel findet ein tragisches Ende…
Der junge Louis Malle hat mit „Fahrstuhl zum Schafott“ einen wichtigen Vertreter des französischen Kinos geschaffen, der durch sein ausgeklügeltes Drehbuch, erstklassige darstellerische Leistungen, einen hervorragenden Soundtrack und eine wundervolle Kameraarbeit zur Elite des Thriller-Genres zu zählen ist! Ein Film, den man immer wieder anschauen kann und der nie langweilig wird! Volle Punktzahl!