Es wird immer etwas grundsätzlich Falsches an sich haben, wenn ein Mediziner die Obduktion am eigenen Ehepartner vornimmt. Der Grat zwischen tiefster Zusammengehörigkeit und dem Übertreten ethischer Grenzen ist sehr schmal und sobald das Skalpell die Haut durchbohrt, könnte man davon sprechen, dass eine solche Grenze mit diesem Akt durchstoßen wurde.
Ähnlich verhält es sich mit “Paparazzi”, ein sehr merkwürdiger Actionthriller wie der verzogene Rahmen eines Fahrzeugs, das gerade einen schweren Unfall hatte. Produziert von Mel Gibson und mit Gastauftritten nicht nur von ihm selbst, sondern auch manch anderem Star (z.B. Matthew Conaughey) versehen, muss man zwangsläufig mutmaßen, dass es sich hier um den Aufstand der (Hollywood-)Marionetten handelt, die gegen die direkte Bedrohung on the rampage gehen, nämlich gegen die fliegenhaft lästige Presse. Sie obduzieren ihre Beziehung zum unliebsamen Partner, ignorieren aber wissentlich, dass auch die Presse frei nach Darwin ums Überleben kämpft. Der wahre Feind ist größer und vor allem ist er ungreifbar, da gesichtslos: es ist die Natur, die in der Sache liegt. Aber daraus lässt sich kein Film basteln. Unsere tugendhaften Filmhelden würden ja hilflos durch die Pampa irren und Luftlöcher in den Himmel schlagen, immer auf der Suche nach dem Lucky Punch gegen “die Natur, die in der Sache liegt”.
Und das ist sie, die Natur: Der Mensch ist sensationslüstern und Star und Paparazzi befriedigen gemeinsam diese Lüsternheit. Sie sind ein symbiotisches Paar, das sich gegenseitig ebenso sehr hasst wie es sich braucht. Wie der Mungo mit der Kobra ringen die beiden Interessengruppen in einer Grauzone zwischen dem Privatbereich und der Öffentlichkeit. Das eine soll schließlich ins andere übertragen werden. Der Star gehört der Öffentlichkeit, dafür wird er in erster Linie mit Millionengagen gestillt wie das Baby von der Muttermilch.
Was soll man also davon halten, wenn sich Filmstars öffentlich und komplett offensiv gegen ihren größten natürlichen Feind verbünden und ihm ordentlich eins auf die Kanne geben? Der Ansatz ist so sehr rosa Filmstarbrille wie nur möglich und wenn man schon so tief unter das Mindestniveau geht und sich in einem thematischen Rahmen aufhält, der jeglicher Weitsicht entbehrt, ist es ja nicht einmal das Schlechteste, was hier unter den gegebenen Umständen gebastelt wurde. “Paparazzi” ist ein komplett überzogener Rachethriller, der so unrealistisch ist, wie er nur sein kann. Paul Abascal, der früher mal Actionstars wie Bruce Willis, Sylvester Stallone und - Überraschung - Mel Gibson die Haare gemacht hat, inszeniert einen Film, der in der gleichen Klasse wie ein “The Punisher” boxt und sich scheinbar nicht die Spur dafür schämt. Mit dick Selbstironie wie Sahne draufgeklatscht, hätte das ein schönes, zynisches Statement mit Augenzwinkern gen Filmpresse werden können. Auch Teile des Publikums hätten Genugtuung erfahren können, denn nicht jeder Filmfreund verfolgt die Klatschpresse. Beim Gedanken an das Craig-Bashing während der Dreharbeiten zum 21. Bond kommt manch einem noch heute die Galle hoch und mal ehrlich, wer hat noch nicht davon geträumt, der gesamten BILD-Belegschaft mal ordentlich den Hintern zu versohlen?
Hätte, würde, sollte... scheiß der Hund drauf, ist aber eben nicht. Obwohl unser Hauptdarsteller in so illustren Film-im-Filmchen namens “Adrenaline Force 2" mitspielt und Regisseur Abascal sogar hier in einer Gastrolle den Regisseur mimt, obwohl die Aktionen der Paparazzi lachhaft überzogen sind und im Himmel nicht ernstgemeint sein können und obwohl der Wandel des Actiondarstellers Bo Laramie (Cole Hauser) zum selbstjustizelnden Psychopathen höchst unglaubwürdig ist, bleibt die Ironie, sofern denn überhaupt welche angepeilt war, total auf der Strecke. Mit einem etwas anderen Hintergrund könnte das ein stinknormaler Einzelkämpferfilm à la “Stirb Langsam” sein. Klassische Inszenierung und teilweise ziemlich harte Schicksalsschläge der Protagonisten sorgen dafür, dass sich ein ironisches Zwinkern gar nicht erst einstellt, sondern man irgendwann beginnt, den Film als Thriller statt als Satire zu verstehen.
Genau hier liegt der Hund begraben, denn als Thriller ist die Handlung ja viel zu überzogen. Das betrifft nicht einmal die Geschehnisse selbst, denn mit dem Autounfall wird gewissermaßen ein bestimmtes Ereignis aus dem Jahr 1997 wieder aufgenommen, das die Gemüter bis heute beschäftigt. Es geht vielmehr darum, was speziell Tom Sizemore für eine Figur spielen muss. Sie geht zwar in Dialogen hin und wieder auf die “fressen oder gefressen werden”-Problematik ein, gar ist ein brauchbarer Vergleich mit dem Verspeisen von Fleisch dabei, der die Situation ganz kurz mal kritisch beäugt. Getrieben wird der skrupellose Fotograf aber durch reinen Hass, Neid und Schadenfreude seinem Objekt gegenüber, noch nicht einmal als Reaktion auf die Abwehrhaltung des Stars, als die Familie belagert wird, sondern aus reinem Spaß an der Freude und ohne Grund. In einem ernstgemeinten Thriller funktioniert sowas nicht, da man die Figuren nicht ernstnehmen kann. Das Gefühl der Bedrohung / Belästigung bleibt unterentwickelt, die Identifikation mit dem “Helden” bleibt aus, die Beweggründe dafür, dass er später mehr oder weniger Amok läuft, sind nur schwach nachzuvollziehen. Der einzige Ausweg wäre die Satire, aber die will ja wiederum auch nicht funktionieren.
Nebensächlich, dass “Paparazzi” kurzweilig ist, leidlich spannend bleibt und sämtliche Schauspieler wie für ihre Rollen gemacht scheinen. Irgendwo hat man an der falschen Schraube gedreht und wie man’s auch dreht und wendet, der Motor will einfach nicht anspringen. Und so durchlebt man die 80 Minuten damit, sich die quälende Frage zu beantworten, ob das alles nun ernst gemeint ist oder nur ein Witz sein soll - und verpasst darüber hinaus den Film. Nächstes Mal: Ganz oder gar nicht.