Etwas ungewöhnlich ist das schon, wenn man während eines Bio-Pics fast die ganze Zeit geneigt ist, sich vor Gniggern an der vorderen Lehne festzuhalten, vor allem wenn das Ziel der Biographie ausgerechnet kein Komiker ist, aber "Kinsey“ schafft das trotzdem.
Hat nichts mit Unreife zu tun, aber die Zustände im sexuellen Amerika der 30er und 40er sind in ihrer Prüderie und Naivität so treffend dargestellt worden, daß man aus dem Grinsen einfach nicht mehr rauskommt.
Dabei geht es relativ offen und ehrlich zur Sache und das ist gut so, denn nichts wäre scheinheiliger als ein Film, der über die schwierige Öffnung des Volkes zur Sexualität erzählen möchte und dann selbst in falscher Prüderie schwelgt, um ein jugendfreundilches Rating zu bekommen. Und so scheut sich Bill Condon dann auch nicht, Fotos von erigierten eindringenden Penissen zu zeigen, die gerade einem schockierten Hörsaal voller Studenten gezeigt werden oder Chris O’Donnell mehrfach paradiesisch nackt und von vorn zu zeigen, bevor er Liam Neeson abknutscht.
Amerika zitterte dementsprechend vor Wut oder Empörung, genau die Reaktion, die das Drehbuch mit Kinsey hochreligiösem Vater von Beginn an angeht oder auf die Schippe nimmt, um dann später aber Verständnis für die Verklemmungen zu offenbaren.
Schlimm genug, daß es diesen Mann und seine Bücher gab, jetzt wird es die aktuelle Generation auch noch erfahren....
Ganz so aufrührerisch ist es dann doch nicht geworden. Im Gegenteil, der Film prangert höchst selten die amerikanische Doppelmoral direkt an, Condon spart sogar über weite Teile des Film die Gegenbewegungen aus und fügt sie erst direkt bei, als Kinsey im letzten Teil seines Lebens die Unterstützung entzogen wurde.
Zuvor beschäftigt er sich eher ausgiebig und irgendwie schräg und liebevoll mit dem Porträt eines eigentlich fanatischen Empirikers (ungefähr das Langweiligste, was man sich vorstellen kann) aus religiösem Hause, seiner Ehegeschichte und seinem überraschenden Wechsel für sexuelle Themen, die er eigentlich nur aufgreift, weil sich sonst noch niemand damit beschäftigt hat und er einmal keine Antwort auf eine Frage hatte.
Von da rollt er das Feld von hinten auf und niemand hatte eine Ahnung, was aus diesem bescheidenen Buch werden könnte, bis es zum Bestseller wurde. (Ein wunderbarer Schnitt zeigt die letzte Zweiflerin seines Unterstützungskomitees, die hofft, allzuviel Aufsehen würde er ja wohl nicht damit bewirken, worauf sofort das Bild einer explodierenden Atombombe folgt!)
Inwiefern das Buch Kinsey verhärtet oder beschönigt, kann ich schlecht sagen, immerhin ist es deutlich, daß Kinsey ein schwieriger Mann war, zwar warmherzig und sexuell offen und kinderlieb, aber fanatisch in seiner Arbeit, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Verständnis für Prüderie. Geradeaus und offen, stets seiner Gefühle bewußt, so wird er geschildert – die anrührendste Szene zeigt ihn und seine spätere Frau in freier Natur, als er ihr gerade einen Heiratsantrag macht, den er mit (empirisch belegbaren) Fakten untermauert. Als sie ihn um Aufschub bittet, weil sie noch einen anderen Verehrer hat, reagiert er verletzt und verständnislos, aber auch so rein wie ein Kind, als er davonstampft : „Du bis sowas von kaltherzig und gemein!“
In solchen Momenten nähert sich Condons Film der reinen Menschlichkeit und leider muß das später etwas zu kurz kommen, wenn die historischen Fakten wichtiger werden.
Der Werdegang des Buches und die komischen Aspekte geraten aber nie zum Selbstzweck und selbst das Ausleben von homosexuellen Neigungen, die dann wiederum zum Partnertausch nach anfänglichen Zweifeln führen (frühe Swinger, würde man sagen), werden sensibel aber direkt behandelt.
Etwas abgemildert hat man schließlich die bitteren letzten Lebensjahre Kinsey, der relativ verbittert und fallengelassen starb. Seine Barbiturateabhängigkeit wird zwar erwähnt, aber nicht wirklich behandelt, die äußeren Umstände seiner Ächtung finden mehr Beachtung als der innere Verfall (die Szene, in der er sich in purer Verzweiflung die Vorhaut punktiert hat, ist in ihrer psychischen Brüchigkeit erschütternd). Schließlich schickt man mit Lynn Redgrave auch noch eine Bewunderin seiner Arbeit vor, die ihm in einem intimen Gespräch dankt und ihm wieder Mut und Hoffnung macht, bis er seine Arbeit freiwillig und mit neuem Elan fortsetzen will.
In diesen Augenblicken spürt man die Sympathie für den Mann und das Werk, das er getan hat, auch wenn sich die sexuelle Aufklärung noch nicht weit genug verbreitet hat, um den Film jetzt vor Protesten oder Haßtiraden zu schützen. Man will ihn nicht in Verbitterung um das Scheitern enden lassen, auch wenn der echte Kinsey das vielleicht nicht mehr so wahrgenommen hat.
Trotzdem bleibt der Film mit seinem ruhigen Rhythmus und seinem sanft dahingleitenden dramaturgischen Faden stets interessant und informativ. Und ein Kichern wird sich ebenfalls kaum jemand verkneifen können, der sich nicht längst die Genitalien abgebunden hat. (8/10)