In einer externen Kritik stellte jemand die Frage, inwieweit ein Film über die Sexualforschung in den USA der 40er und 50er Jahre überhaupt noch interessant wäre für die heutige Zeit. Ich stelle die Frage: Warum sollte er NICHT interessieren? Es geht um Liebe, Sex, Beziehungen zu Partnern, Eltern, Kindern, aber auch um persönliche Vorstellungen, Ideale, gesellschaftliche Normen, Fanatismus - alles Themen, die auch heute höchste Relevanz besitzen. Manche werden ausführlicher behandelt, andere, wie z. B. Kinseys Medikamentenproblem oder sein Verhältnis zu seinem Vater und dessen Wiederholung in dem zu seinem Sohn, nur angedeutet, was Freiraum für eigene Überlegungen und Fragen lässt.
Der Film lebt von der liebevollen, aber dennoch vielschichtigen und zum Teil leise ironischen Darstellung seiner Charaktere, der ausdrucksstarken Mimik seiner Hauptdarsteller und vor allem dem ausgewogenen Verhältnis von hinreißender Komik und (großer) Tragik. (Wer vorher noch kein Fan von Laura Linney war, der wird es durch diesen Film werden!) Egal, ob man sich Kinsey einfach nur des Amüsierens wegen anschauen möchte oder ihn zum Anlass nehmen mag für die Diskussion so weitreichender Fragen wie: Was und wie viel dürfen wir für das Erreichen unserer Ziele opfern? Wie sollten wir Beziehungen leben? Oder ganz konkret: Was wissen wir HEUTE über Sex und was sollten wir wissen? Ich kann diesen Film in jedem Fall empfehlen.