„Gods and Monsters“-Regisseur Bill Condon bescherte uns mit „Kinsey“ ein ebenso ehrliches wie brillant gespieltes Porträt des Sexaufklärers Alfred C. Kinsey, welcher Ende der 1940er Jahre in den USA eine Studie zum sexuellen Verhalten von Menschen durchführte.
Neben dem Kennenlernen seiner Frau Clara, seinem eigenen Sexleben und seiner Faszination für Gall-Fliegen steht auch selbige Forschung und die Schwierigkeit ihrer Durchführung aufgrund zahlreicher Moralapostel im (bis heute noch) äußerst prüden Amerika in diesem Biopic des Biologie-Professors im Vordergrund. Der Film handelt jedoch nicht nur von dem Beginn öffentlicher sexueller Aufklärung in den USA, sondern ist zugleich Kritik an dem Spießertum scheinheiliger Konservativer, welches dort als Vorbild und „normal“ angesehen wird. Schade nur, dass „Kinsey“ genau dort scheitert, wo er eigentlich kritisieren will. Oft merkt man, dass sich der Film (wahrscheinlich, um in den USA ein Umsatz schädigendes R-rating zu vermeiden) in den „Liebesszenen“ sehr zurückhält und oft nur andeutet anstatt zu zeigen. Das kann man als Widerspruch betrachten oder als Gegebenheit der 40er Jahre hinnehmen.
Das Ensemble indes ist schlicht brillant: Liam Neeson („Batman Begins“) verleiht der Figur des Al Kinsey Tiefe und man nimmt ihm selbst seine Bisexualität ab. Laura Linney ("Mystic River") als seine Gattin überzeugt ebenso wie John Lithgow ("Cliffhanger") als seine prüder und erzkonservativer Vater und Chris O`Donnell („Der Junggeselle“) als sein Assistent und Liebhaber. Den wohl skurrilsten – und auch einen eher kurzen – Auftritt hat William Sadler („Trespass“) als Sodomie treibendes Selbstbefriedigungs-Wunder.
Inszenatorisch wie darstellerisch auf höchstem Niveau; den Film allerdings als Anklage an die Prüderie der USA zu sehen scheitert letztendlich durch die dem Film immanente Zurückhaltung. Zu brav werden die wichtigsten Lebensstationen des Alfred Kinsey abgehakt, wenn auch äußerst intelligent, selbstkritisch und reflektiert. Eine großartige Biografie einer großen Gestalt der sexuellen Aufklärung in den USA. Ein genialer Film ist jedoch nicht gelungen.