Herr Mux kämpft allerortens gegen den Sittenverfall. Seine Mission: Anstand und Moral wieder in die zerfallende Gesellschaft integrieren. Gnadenlos jagt er Gesetzesbrecher. Doch nicht nur deren Bestrafung liegt ihm am Herzen, sondern insbesondere deren Läuterung - auf daß diese nicht wieder rückfällig werden und ihm die darüber geführte Statistik versauen.
Bald schafft er es jedoch nicht mehr alleine. Der Langzeitarbeitslose Gerd hilft ihm fortan bei Kameraführung und in anderen Handlangertätigkeiten. Mux expandiert, denn solange Gesetzeslosigkeit sich verbreitet gibt es schließlich genügend Geschäftsgrundlagen für den selbsternannten Weltverbesserer. Dabei geht der Gründer der "Gesellschaft zur Gemeinsinnspflege" eigene Wege und überschreitet immer öfter selbst das Gesetz. Eine Art Bürgerwehr aus Selbstjustiz entsteht in Personalunion des Mux.
Die junge Kira findet Mux anfänglich interessant, stellt aber dann bald seine etwas irren Geisteszüge fest und distanziert sich wieder. Dies verletzt Herrn Mux sehr. Nun beginnt der Film zu kippen. Persönliche Motive beginnen immer stärker eine Rolle zu spielen. Regisseur Mittermeier kündigt diesen Wendepunkt philosophisch an und läßt Mux nach der Überführung einer Kaufhausdiebin vorahnend feststellen, daß ihn dies erotisch berührte und bedauerlicherweise privates und berufliches Interesse teils schwer zu trennen sei.
Eifersucht kommt ins Spiel, Waffengewalt - und letztlich die Wiederholung einer vorangegangenen "Kundenszene" in ähnlicher Form, nur diesmal mit Mux in der Hauptrolle des verzweifelten Amokläufers. Wie gut, daß in diesem Moment keine Organisation wie die von Mux ihr Auge auf ihn richtet. Die Schizophrenie seiner gestörten Moralvorstellungen wird dadurch ad absurdum geführt. Erstaunlicherweise zieht Mux wider Erwarten hieraus tatsächlich seine Lehre und übergibt das Kommando an seine Nachfolger, setzt sich selber ins Ausland ab.
Jan Henrik Stahlberg als Mux glänzt in seiner Rolle: seine Ernsthaftigkeit, der stets gestärkte Hemdkragen, die aalglatte Lehrerhaftigkeit, die überzeugend dargestellte gestörte Persönlichkeit (insbesondere zur Sexualität) - all das verkörpert das junge Talent in phantastischer Glaubwürdigkeit. Sein Assistent Gerd (Fritz Roth) macht eine passende Figur als schmuddeliger Assistent, ein feines Austarieren des Charakters zwischen Sympathie und Antipathie.
Wanda Perdelwitz kann als Kira ebenfalls die authentische Lolita geben. In Anlehnung an Gretchen aus Goethes Faust darf sie mal verführerisch und mal keusch, mal kindisch und mal reif wirken: ein diffiziler Charakter, glaubhaft und nicht übertrieben dargestellt - bravo!
"Muxmäuschenstill" ist eine unglaublich Frechheit, eine Zumutung für den guten Geschmack - und gerade deswegen ein immens wichtiger, unterhaltsamer und sehr ernster Film. In gewisser Weise ist er ein Aufklärungsvideo für all die selbsternannten Lehrer und Besserwisser des typisch deutschen Kleingeistes mit der allzu treffenden Aussage: ihr seid alle nicht besser als all die bösen verkommenen Menschen - nur auf einer anderen Ebene.
Eine zentrale Frage, die der Film aufwirft, bleibt indes unbeantwortet: was ist noch Realität, was bereits Fiktion - und wie kann ich dieser in Bezug auf die pseudopositive "Gemeinsinnspflege" begegnen? Oder einfacher gesagt: Welche Lehre ziehen wir daraus? Der Film schreit nach einer Antwort darauf - und diese wird dem Rezipienten komplett selbst überlassen... Und frei nach Berliner Schnauze: ich glaube das ist auch ganz gut so.
(9/10)