Review

Das der Sittenverfall und das völlige Abhandenkommen von Anstand und Moral zusehends immer schlimmere Auszüge annimmt, dürfte heutzutage kaum noch jemanden schocken. Egal ob es Leute sind die ihren Hund mitten auf die Straße scheißen lassen, ob es der Kleindiebstahl im Geschäft ist oder das sinnlose Zusammenschlagen von (unschuldigen) Passanten, wenn es um die Moral in Deutschland geht, dann schaut der Mensch heutzutage eher weg, als das er sich einmischt. Nur einer hat sich zum Kampf gegen den Sittenverfall in Deutschland (genauer gesagt Berlin) entschieden: Student Mux, die Figur aus der grandiosen Low Budget-Filmüberraschung "Muxmäuschenstill"!

Die Story zu "Muxmäuschenstill" ist dabei so simpel wie genial. Ein selbsternannter Weltverbesserer namens Mux rast durch Berlin, um die Sittensünder, die an jeder Ecke lauern, zu bestrafen. Da müssen Verkehrsünder ran, genauso wie die Besitzer von Straßenverschmutzenden Hunden. Sprayer werden genauso an den Pranger gestellt, wie Kleinkriminelle, Exbionisten und Beckenpinkler. Mux kriegt sie alle und Mux bestraft sie auch alle. Bis er eines Tages selbst zum Sittensünder wird. Mag das Drumherum auch noch so dünn wirken, so ist der Inhalt, dieses kleinen Kinomeisterwerks, so tiefgängig und dabei unterhaltsam, wie schon lange nicht mehr. Den Einfällen scheinen an mancher Stelle keine Grenzen gesetzt, wenn Mux die Täter regelrecht bloß stellt und mit so manch absurder Strafe behaftet. Dabei bleibt der ganze Streifen durchgehend relativ dicht und verheddert sich nur selten in Logiklücken. Kurzum das Drehbuch könnte kaum besser sein.

Dabei ist es vor allem die Figur des Mux, die so faszinierend ist. Denn obwohl sich Mux gegen den Verfall von Sitte und Moral verschrieben hat, ist er keinesfalls ein Gutsmensch. Eher im Gegenteil. Nach und nach verwandelt sich Mux selbst in eines dieser Arschlöcher, die er eigentlich überall jagt. Seine Strafmethoden werden zunehmend fragwürdiger und schrecken selbst vor Erniedrigung, und später sogar Mord, nicht zurück. Und als er eines seiner "Täteropfer", allerdings unbeabsichtigt, vor einen herannahenden Zug treibt und dieser Zug den Flüchtenden dabei mit voller Wucht erwischt, macht sich Mux nur Sorgen darum, dass der Zug doch viel schneller gewesen wäre, als eigentlich erlaubt ist. Im Grunde ist der Zuschauer die ganze Zeit hin- und hergerissen, wie er Mux finden soll. Auf der einen Seite die gute Absicht, auf der anderen Seite das skrupellose und gewissenlos sadistische Arschloch, in das sich Mux immer mehr entwickelt. Kann man so einen Typen sympathisch finden?

Anscheinend ja, denn zumindest im Film schließen sich immer mehr Menschen dem Weltverbesserer an, so das Mux sich nach und nach zu einem Star entwickelt, der durch alle Medien geht und seine anfängliche Absicht, den Sittenverfall aufzuhalten, bald zum Beruf macht und später gar eine eigene Firma mit diesem Ziel gründet. Der Hochflug des Mux ist nicht mehr aufzuhalten, genauso wie sein Fall, der am Schluss sogar mit seinem Tod endet. Und der Zuschauer weiß immer noch nicht, was er genau fühlen soll. Selten gab es Filme, die einen so zerrissen zurücklassen und dennoch vollauf überzeugen.

Die Machart des Streifens ist dabei natürlich simpel ausgefallen, was zum einen am Budget von gerade einmal 40000 Euro liegt, zum anderen aber natürlich auch daran, dass der Streifen authentisch wirken soll. Die verwackelte Kamera, der schnelle Schnitt und die simpel gehaltene, natürlich wirkende Umgebung, erbringen "Muxmäuschenstill" einen Atmosphäre-Schub der besonderen Klasse. Das Gefühl, dass es sich bei dem ganzen Treiben um eine reale Doku handeln würde, ist mitunter so authentisch ausgefallen, dass es, laut Presseberichten, sogar Kinogänger gegeben haben soll, die sich Mux und seinem Team anschließen wollten. Und wenn einem, trotz Mini-Budget, so eine realistisch wirkende Atmosphäre gelingt, dann kann das für einen Film dieser Art doch nur gut sein.

Zu den Darstellern sei gesagt, dass sie natürlich allesamt keine bekannten Gesichter sind. Bei solch einem schmalen Budget kann man schließlich auch keine Stars erwarten. Doch die Schauspieler hier hätten durchaus das Talent, mal später in einem großen Streifen mitspielen zu können. Allesamt legen sie ihre jeweiligen Rollen mit Bravour ab, so das einem das Zuschauen wirklich viel Spaß macht. Allen voran Jan Henrik Stahlberg, der seine Rolle des zwiespältigen Mux wirklich grandios zur Schau stellt. Bravo!

Fazit: Kleines aber (mehr als nur) feines Filmchen aus der Independent-Ecke, das mit seiner genauso simplen wie wunderbaren Geschichte, den grandiosen Einfällen, sowie einer tollen Haupt-Figur, von Anfang bis Ende zu überzeugen vermag. Gute Unterhaltung, vermischt mit viel Tiefgang sowie einigen Denkanstössen, wie wir unsere Welt wenigstens ein bisschen verbessern können, ergeben ein Filmerlebnis, das man so (nicht nur) in Deutschland selten hat. Für Freunde des genauso anspruchsvollen wie unterhaltsamen Independent-Filmes jedenfalls ein absolutes Muss!

Wertung: 8,5/10 Punkte

Details
Ähnliche Filme