Bevor Damiano Damiani 1960 im Alter von 38 Jahren das erste Mal Regie führte, hatte er schon eine jahrelange Tätigkeit als Drehbuchautor hinter sich. 1946 war er von Mailand, wo er Kunst studiert hatte, nach Rom gekommen und traf dort in Cinecittá auf die Vertreter des "Neorealismus". Besonders Cesare Zavattini, der als Drehbuchautor für fast alle italienischen Regisseure dieser Stil Epoche gearbeitet hatte, übte einen erheblichen Einfluss auf ihn aus. Konsequenterweise erarbeitete er gemeinsam mit Zavattini das Drehbuch zu seinem ersten Film "Il Rossetto" und schuf damit ein Werk, welches exemplarisch für seine Wurzeln steht und schon auf seine sozialkritischen Werke der 70er Jahre hinweist.
Ebenso wie bei Francesco Rosi, der schon 1948 mit Visconti zusammenarbeitete, bevor er auch erst Mitte der 50er Jahre Filme zu drehen begann, zeigte sich auch im Werk von Damiano Damiani, dass der Neorealismus ( was den Begriff "Neo" darin gleichzeitig ad absurdum führte ) nie aus dem italienischen Film verschwand, sondern nur in einer zeitgenössischeren Form umgesetzt wurde. Während Zavattini parallel in dem von ihm initiierten "Boccaccio 70" schon freier im Stil wurde, blieb "Il Rossetto" noch der ursprünglichen Gestaltung verhaftet. Allerdings entwickelte Damiani darin schon seine detaillierte, fast minutiöse Darstellung der Polizeiarbeit, welche einerseits die Realität widerspiegeln sollte, andererseits auch die Grausamkeit dahinter nicht verbirgt.
Typisch für den Realismus im italienischen Film der Nachkriegszeit war die Ansiedlung der Handlung in den Neubaugebieten Roms. Ähnlich wie im zeitgleich entstandenen "La Notte" von Antonioni, verzichtet auch Damiani auf jegliche pittoreske Hintergründe. Rom besteht nur aus hohen Wohnhäusern, breiten Strassen und vielen Geschäften und Cafés in der Erdgeschossebene. Hier findet ein Leben statt, das kaum Privatsphäre bietet.
Die zwölfjährige Silvana (Laura Vivaldi) kann ihre schwärmerischen Gefühle für den attraktiven und immer gut angezogenen Gino (Pierre Brice), der im Nachbarwohnblock wohnt, deshalb auch nur schlecht vor den gleichaltrigen Mädchen ihrer Wohngegend verbergen, weshalb diese sie vor Gino bloßstellen. Während sie beschämt davonrennt, schmunzelt er leicht, beachtet sie aber nicht weiter. Er ahnt nicht, dass Silvana ihn regelmäßig von ihrem Fenster aus beobachtet, von dem sie direkt in seine Wohnung sehen kann.
Nur kurz skizziert Damiani das Leben einer Heranwachsenden am Beginn ihrer Pubertät, die von der allein erziehenden Mutter, die selbst Liebesprobleme plagen, vernachlässigt wird, um gleich darauf ein Ereignis in den Mittelpunkt zu stellen, das die Handlung vorwärts treiben wird – einen Mord. Auch wenn er in „Il Rossetto“ die Ausführung der Tat nicht zeigt, nimmt er damit ein Stilelement vorweg, dass seine Filme der 70er Jahre wie „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ oder „Ich habe Angst“ auszeichnet. Trotz der Konzentration auf Dialoge und Interaktion der Protagonisten, beginnt er meist mit einer schrecklichen Tat, die als Katalysator für die kommenden Ereignisse dient. Anders als andere sozialkritische Werke, die erst die Hinführung zur Konsequenz beschreiben, ist bei Damiani dieser Zustand zu Beginn schon vorherrschend.
Allerdings bleibt der sozialkritische Hintergrund in „Il Rossetto“ eher schwach, denn die Tat erfolgte aus egoistischen Gründen eines Einzeltäters. Doch sie gibt Damiani die Gelegenheit, die Polizeiarbeit und die der Presse detailliert zu schildern. Nur kurz nach Entdeckung der Leiche wird ein Laufbursche verhaftet, der die Ermordete kannte. Rigoros nimmt die Polizei den seine Unschuld Beteuernden mit, während die Fotoreporter ihn gnadenlos ablichten. Gino dagegen, der als direkter Nachbar auf derselben Etage wohnte, behauptet, er hätte nie mit der Frau gesprochen. Während er auf der Strasse die aufgeregten Massen beobachtet, begegnet ihm wieder Silvana, die munter ausplaudert, dass sie ihn mit der toten Frau zusammen gesehen hätte. Plötzlich beginnt er sich für Silvana zu interessieren und überrascht das verliebte Mädchen damit, sich mit ihr treffen zu wollen…
Damiani lässt von Beginn an keinen Zweifel an dem Täter. Ihn interessieren einerseits dessen Beweggründe, die sich mit dem Erscheinen von Lorella (Gorgia Moll) - einer Tochter aus reichem Hause – erklären, mit der er sich verlobt hatte, andererseits nimmt zunehmend der Kommissario Fioresi (Pietro Germi) den Mittelpunkt der Handlung ein. In der zweiten Hälfte des Films findet das Geschehen fast ausschließlich in der Polizeidienststelle statt, in der Gino und Silvana verhört werden. „Il Rossetto“ verfügt noch nicht über die sich steigernde Spannung seiner späteren Filme, sondern beobachtet fast minutiös die Polizisten, die mit allen Mitteln den Täter überführen wollen. Auch verzichtet Damiani darauf, Gino als krankhaften oder gefährlichen Gewalttäter hinzustellen, womit er den realistischen Charakter des Geschehens unterstützt und auf dramatische Wendungen verzichtet.
Die Schlüsselszene gilt dem Titel gebenden Lippenstift („Il Rossetto“), den Silvana vor dem ersten Treffen mit Gino auftrug und den der Kommissar in ihrer Handtasche findet. In dem Moment, indem er aggressiv auf das Mädchen zugeht und sie damit bemalt, während sie gleichzeitig den Beschimpfungen der Nachbarn ausgesetzt ist, die die Polizei vorgeladen hatte, kulminieren die Rücksichtslosigkeit der Behörde und die Vorurteile der Massen - ein Moment, der Damianis zukünftige pessimistische Sichtweise auf die gesellschaftlichen Verhältnisse erahnen lässt. In „Il Rossetto“ beschreibt er zwar die negativen Folgen, zieht aber nie die letzte Konsequenz aus dem Geschehen. Auch der Blick auf die Polizei bleibt letztlich positiv, allein schon dank der souveränen Gestalt des Kommissars, dem man sein kurzzeitiges Fehlverhalten verzeiht.
Damianis erster Film blieb lange Zeit ein früher Vorgeschmack auf seine späteren Polit-Filme, denn in den folgenden Jahren widmete er sich größtenteils Literaturverfilmungen von Alberto Moravia („La Noia“ (Die Nackte), „La Rimpatiatra“ (Wiedersehen für eine Nacht), „Una Ragazza piuttosto complicata“) und dessen Frau Elsa Morante („L’Isola di Arturo“ (Insel der verbotenen Liebe)). Auch wenn „Il Rossetto“ nicht annähernd die sezierende Qualität und Spannung seiner späteren sozialkritischen Filme erreicht, bleibt der Eindruck eines realistischen Lebens in der Großstadt, einer sensiblen Darstellung einer Heranwachsenden und einer Polizeiarbeit, die rücksichtslos ihre Ziele durchsetzt, zurück. Verbunden mit überzeugenden Darstellerleistungen und schönen Schwarz-Weiß-Bildern weist Damiano Damiani hier schon auf seine zukünftigen grossartigen Werke hin (7/10).