Es war ein Glücksfall, dass Regisseur John Boorman („Excalibur“, „The Tailor of Panama“) seinerzeit Sam Peckinpah („Getaway“, „The Wild Bunch“) die Rechte an James Dickeys (der hier zum Schluss den Sheriff spielt) Roman „Deliverance“ vor der Nase wegkaufte und aufgrund des Minibudgets von gerade mal zwei Millionen Dollar auf große Namen verzichten musste. Aus der Not eine Tugend machend, setzte er stattdessen auf eine (damals) junge und hungrige Meute Unbekannter wie Jon Voight („The Odessa File“, „Runaway Train), Burt Reynolds („The Longest Yard“, „The Cannonball Run“), Ned Beatty („White Lightning“, „Superman“) und Ronny Cox („Robocop“, „Total Recall“), die es ihm mit starken schauspielerischen Leistungen dankten und den Durchbruch schafften.
Selbst Walter Hills „Southern Comfort“ konnte fast zehn Jahre später nicht an Boormans Geniestreich heranreichen. Seine Stärke bezieht der Film aus seinen Charakteren, der exzellenten Inszenierung und zudem einem eigentlichen Problem – das Budget war verdammt niedrig. So galt es gewaltig zu improvisieren. Alle Darsteller mussten ihre Stunts selbst durchführen und taten das auch. Die Hillbillies waren fast durchgängig echt (!) und konnten für einen Apfel und ein Ei gewonnen werden, während wegen der finanziellen Situation auf einen namhaften Komponisten verzichtet wurde. In „Deliverance“ ertönen nur die leisen Töne des Banjos...
Mehr als ein kleiner Wochenendsausflug, ein Trip in die Wildnis, um die eigene Männlichkeit unter Beweis zu stellen und sich selbst etwas zu beweisen, sollte es ursprünglich für das Quartett gar nicht werden. Die vier abenteuerlustigen Stadtmenschen wollten einen letzten Bissen Natur genießen, denn die, so glauben sie, ist bezwungen, da der Fluss in einen riesigen Stausee verwandelt wird. Also hinein in das Vergnügen, solange es noch geht. Aber so leicht lässt die Natur sich nicht zähmen.
Ein Großteil der Faszination „Deliverances“ wird natürlich durch die schrägen Hinterwäldler, auch heute immer noch eine bizarre Gesellschaft am Rande der amerikanischen Zivilisation, die nur ihre Wälder, Flüsse und Sümpfe kennen, erzeugt. Meist zurückgeblieben und durch Inzucht genetisch geschwächt, stellen diese archaischen Menschen eine missgebildete Gattung dar, die unser Quartett gnadenlos unterschätzt und als harmlos abstempelt. Nun nicht alle sollen trotz ihrer Scheue wohl gesinnt und hilfsbereit sein.
Auch wenn der ewig provozierende Macho Lewis Medlock (Reynolds) keine Chance ungenutzt lässt diesen zurückgebliebenen Zeitgenossen zu zeigen, was er von ihnen hält, gestaltet sich das erste Zusammentreffen noch als friedlich. Drew Ballinger (Cox) spielt in einem unvergesslichen Gitarrenduett mit einem eben durch Inzucht geschädigten Jungen, doch dessen Handschlag lehnt der Junge geistesabwesend und vielleicht aufgrund Angst gegenüber allem Fremden ab. Die ersten Minuten zeigen bereits viel von dem Konfliktpotential, das sich bald zwischen den vieren aufbauen soll. Vor allem der intolerante Lewis ist stets drauf und dran dem ausgeglichenen, sein Verhalten nicht gut heißenden, manierlichen Drew (Cox), sowie dem übergewichtigen Bobby Trippe (Beatty) verbal eins auszuwischen. Als liberale Konstante hat Ed Gentry (Voight) alle Mühe die Wogen zu glätten und das positive Klima aufrecht zu erhalten.
„Manchmal muss man sich erst verirren, um etwas zu finden“ sagt Lewis, als er zum ersten Mal den wilden Fluss erblickt. Wie recht er mit seiner Aussage hat, soll er erst später erfahren, denn zunächst gestaltet sich „Deliverance“ wie ein astreiner Survial-Wochenend-Trip bei dem in Zelten geschlafen, Fisch per Pfeil und Bogen gejagt und das Essen auf dem guten alten Lagerfeuer gekocht wird. Boormans sich, im Verbund mit Kameramann Vilmos Zsigmond („Heaven's Gate“, „Sliver“), dabei entwickelnde Fähigkeit das Szenario nicht nur zeitlos, sondern auch noch sehr realistisch und natürlich zu gestalten, ist die ganz große Stärke des Films. Die unberührte Natur, das Plätschern des Flusses, das Zirpen der Grillen ist förmlich greifbar. Eine Idylle will dabei jedoch nicht aufkommen, sonder eher eine innere Unruhe, die sich alsbald auf den Zuschauer übertragen soll. Trügt der Schein?
Ja, tut er. Doch bevor es zur Katastrophe kommt, erfahren wir am Lagerfeuer warum sie, oder zumindest ein Teil von ihnen, überhaupt hier draußen ist. Das wartende System hat ihnen jegliches Wertschätzungsgefühl bezüglich der Natur genommen. Was zeichnet das Leben heute aus? Wo sind die Zeiten, wo man noch um sein Leben kämpfen musste? Genau diesen Nervenkitzel, den Ausfall aus einem geplanten, längst abgesicherten Leben, wollen sie hier erleben. Das Töten stellt dabei eine wichtige Erfahrung dar. Dass es Überwindung kostet etwas Lebendiges zu erlegen, erfährt Ed zuerst am eigenen Leib. Morgens von der Jagdlust gepackt auf die Pirsch gehend, ist er nicht in der Lage ein Bambi zu schießen und kehrt missmutig, seinen Freunden diese innere Niederlage nicht gestehend, zurück.
Das Unheil verkündende Omen (der Junge auf der Brücke), nächtliche Geräusche, die inneren Niederlagen, der Kampf gegen den sich in Form von Stromschnellen wehrenden Fluss und die ewige Zankerei untereinander führen schließlich zu einem Albtraum, als Bobby und Ed an Land gehen und von zwei Hillbillies überrascht werden. Bobby wird brutal vergewaltigt, was Boorman ohne graphisch explizit zu inszenieren in sehr einfach gemachten, aber dramatisch gespielten Bildern wiedergibt und Ed soll zu einem Blowjob gezwungen werden. Doch Lewis eilt zur Hilfe, erschießt den Vergewaltiger, der quälend lang braucht, um umzufallen und stellt sie schließlich alle vor die Wahl: Wollen sie Bobbys Schande und Lewis Schuld hier begraben und zurücklassen oder, wie ehrliche Bürger und Stadtmenschen die Polizei zu Hilfe rufen und auf einen geordneten Prozess warten. Weitestgehend sind sie nach ihrer Entscheidung zum ersten Mal auf dieser Reise ihrem eigentlichen Ziel näher gekommen, denn nun richten sich nach einem der ältesten Gesetze: Das Recht des Stärkeren und das waren in diesem Fall sie. Das Spießertum hat nun Auszeit. Der Weg dorthin, die Diskussion vor der Abstimmung, ist eine weitere unvergessliche Situation. Da steht der sich seines Wissens und seiner Taten scheinbar sichere („Er studiert die Natur, aber fühlt sie nicht“, wie Drew es so richtig formuliert) Lewis, der geschockte Bobby, der in jeder Beziehung überkorrekte, sich auch hier an die Regeln der Zivilisation klammernde, Drew und als Zünglein an der Waage der seine ganz eigene Entwicklung durchmachende Ed, um über das weitere Vorgehen zu beraten.
Noch hadernd mit dem selbst auferlegten Zölibat und den vergangenen Ereignissen, werden sie schließlich attackiert und schwer verletzt. Es ist plötzlich an Ed zu genau dem zu wachsen, was in ihm vorher noch versagte.
Zu einer immer gnadenlosere Züge annehmenden Katastrophe steigert sich „Deliverance“ schließlich, als sie ein Kanu verlieren und von Hillbillies festgenagelt werden. Wird ermordet oder wird Selbstmord begangen, weil das ehrliche Gewissen im Hinterkopf nicht mitspielt? Wie soll man das alles der Familie und der Polizei erklären und wird man überhaupt dem Fluss entkommen können?
Die Fragen beantwortet John Boorman genauso souverän, wie er bis dahin Regie führte. Da es ihm gelang in Dialogen und Verhalten echte Charaktere während der Flussfahrt zu entwickeln und ihnen während und nach diesem Abenteuer neue Gesichter zu geben, fällt das Eintreffen bei den Familien, das Schweigen über das stattgefundene Grauen und die erlogene, vor Lücken strotzende Alibigeschichte, die sie dem Sheriff auftischen um ungeschoren davon zu kommen, nicht wie ein überflüssiger und mühselig konstruierter Anhang aus.
Fazit:
„Deliverance“ ist ganz großes, zeitloses Kino, dass mit unglaublich intensiven Darstellerleistungen (speziell Reynolds, hier noch nicht nur einfach seinen Machoprototyp herunterspult, gefiel mir) Anspruch, Hintergedanken, beeindruckenden Naturkulissen, einer atemberaubenden Atmosphäre, versierten Regie und erstklassigen Actionszenen auf dem Fluss aufwartet. Die Intelligenz lässt Boorman in seiner Intention durchblicken, aufzuzeigen, dass in kurzzeitigen Trips wir unsere Beziehung zur Natur, die wir sukzessiv auch damals schon zerstörten, nicht zurück gewinnen können. Denn erstens sind wir ihr ohne technischem Fortschritt nicht mehr gewachsen und zweitens lässt sie sich diese einmalige Chance nicht nehmen...