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Wenn man an die amerikanischen Serials der 1930 und -40er denkt, kommen einem unweigerlich gleich zwei Gestalten in den Sinn: The Phantom Creeps mit Bela Lugosi und seinem kuriosen Roboter, den sich Rob Zombie Jahrzehnte später als eine Art Maskottchen aneignete, und The Crimson Ghost mit seinem scharlachroten Geist, dessen Fratze ebenfalls einen zweiten Frühling erlebte, als späteres Logo der Band Misfits.

Ein Serial an sich ist letztlich nichts anderes als eine handelsübliche Serie aus mindestens zwölf Einzelteilen a' dreißig Minuten. Die einzelnen Folgen wurden als Vorprogramm für größere Spielfilme im Lichtspielhaus eingesetzt, waren meist wüste Abenteuergeschichten mit ausreizenden Cliffhangern und sollten durch die so erzeugte Spannung dafür sorgen, dass die Zuschauer allein wegen der nächste Folge in die nächste Kinovorstellung strömten. Dieser grobe Nervenkitzel (man mag sich an das sklavische Verfolgen seiner Lieblingsserie auf Netflix und Co. erinnern) konnte damit auch schwächere Einzelfilme im Hauptprogramm pushen. Eine Win-Win-Strategie für die Geldeintreiber.

Künstlerische Sensationen konnten hier nun nicht erwartet werden. Die meisten Serials waren das audiovisuelle Äquivalent eines Groschencomics. Ob nun Tarzan, Flash Gordon oder gar Batman - der vergnügliche Thrill stand im Vordergrund.
In diese Nische fällt auch The Crimson Ghost. Eine Geschichte irgendwo zwischen Abenteuer und Krimi, ein einprägsamer Gegenspieler, viele Wows und noch mehr Krach. In den 1960ern wurde die mit fast drei Stunden arg lange Geschichte resteverwertend zum abendfüllenden Spielfilm gekürzt und stieg zum Hauptfilm eines Kinoabends auf, sowohl in den USA als auch in Deutschland.

Die Story ist schnell erzählt: ein als Scharlachroter Geist bekannter Verbrecher, versteckt hinter einer obskur-verstörenden Totenmaske, hat es auf die Strahlenkanone Cyclotrode abgesehen, die Atombomber aus großer Entfernung orten und unschädlich machen soll. Was als Dienst für die Menschheit gedacht ist ("Gott sei Dank, ich konnte seit Hiroshima nicht mehr ruhig schlafen!") will der Oberbösewicht natürlich nur für private Zwecke in seinen Besitz bringen, um zum Beispiel einen Geldtransporter auf sicherem Abstand zum Halt zu bringen. Was man halt so macht, statt Massenvernichtungswaffen zu stoppen.
Da hat der Geist seine Rechnung aber ohne den wackeren Wissenschaftler Duncan und seiner mutigen Helferin Diana gemacht, die stets Lunte riechen und dem Verbrecher mehr und mehr ins Handwerk pfuschen.

Den herkömmlichen Rythmus eines Films muss man dabei nicht erwarten. Durch die Straffung mehrerer Einzelepisoden kommt The Crimson Ghost dem Gefühlserlebnis einer Achterbahnfahrt sehr nahe. Da jede halbstündige Folge für sich bereits ein kleiner Film ist, mit einem dramatischen Klimax zum Ende hin, erwarten uns in der kompakten Variante unzählige Höhepunkte und neue MacGuffins, die dann wieder einen Höhepunkt einleiten. Mal wird die ersehnte Strahlenkanone demoliert und eine Ersatzkanone kommt ins Spiel, die verantwortungsbewusst in einem Bank-Schließfach gelagert wird, dann ist dem Geist-Mastermind die Reichweite der zweiten Kanone zu popelig, worauf ihr Erfinder - als Geisel gehalten - ohne technische Bedenken zustimmt, dass er die Reichweite natürlich auch auf "Unbegrenzt" ausbauen kann, zwischendurch wird hartes Wasser gesucht, gefunden und als Fälschung deklariert ("Boss, das ist ja nur normales Wasser!"), und wenn dann Geld gebraucht wird, wird eben die Landstraße abgefahren, bis man einen Geldtransporter sieht.

Dass der Film damit ohne Pause unter Strom steht, mag nach neunzig Minuten langsam ermüden - aber Unterhaltsamkeit kann man dem bunten Treiben keinesfalls absprechen. Immer wenn der rote Geist kurz vor einem Erfolg steht, platzt in püntklicher Regelmäßig Held Duncan ins Geschehen und startet unvermittelt eine exzessive Prügelei, irgendwo zwischen Saloon-Schlägerei und Fütterung im Affenhaus. Da wird flott über Tische gesprungen, jeder Gegenstand im Raum wird als Waffe benutzt und/oder umgeworfen, ungünstige Situationen werden mit akrobatischen Sternstunden ausgeglichen. Die Kamera beteiligt sich an dem Chaos und läuft schneller, der Eindruck einer hitzigen Slapstickkomödie aus Stummfilmzeiten entsteht, man vermisst fast den verrückten Kintopp-Pianisten, der abseits der Leinwand seine wildesten Nummern in die Tasten schlägt.

Nebenher geht die Handlung selten rührige Kompromisse ein, was das Schicksal von Nebenfiguren anbelangt. Da wird unwiderruflich gestorben wie an der Mottenlampe. Seine Opfer stattet der rote Geist persönlich mit einem Halsband aus, das den freien Willen bändigt, den Träger zum gehörigen Zombie macht und im Notfall explodieren kann, wenn der Auftrag scheitert. Durch all diese Aspekte entsteht eine achtbare Trinkspielqualität, jedes Mal, wenn Held Duncan niederkniet und ohne große ärztliche Maßnahme konstatiert: "Er ist tot."

Selbst unsere Titelfigur, die hier und da vielleicht ein bisschen mehr übersinnliche Suspense-Momente verdient hätte, beteiligt sich rege an Auseinandersetzungen und wird in einem ungewollt komischen Meistersketch von Handlanger #3 versehentlich mit der Bierflasche schachmatt gesetzt. Der scharlachrote Geist selber ist bis auf seine großartige Maske sicher kein Anwärter für die Horrorfigur des Jahrhunderts, stellt sich aber nie dämlich an, behält eine glaubhafte, innere Ruhe und weiß auch schlaue Manöver der Gegnerseite zu schätzen. So sind die Helden zwar stets erfolgreich, aber auch der Oberverbrecher hat seine Erfolge und lässt sich selten das letzte Wort abluchsen. Dazu kommt, dass der Geist als Zivilist im Gremium sitzt, das über jede Entscheidung zum Strahlenkanonen-Drama tagt. Was ein zusätzliches Rätselraten verspricht, wer von den alten Männern unser roter Geist ist, wird in der ansonsten tadellosen deutschen Synchro jeglicher Grundlage beraubt: Mit und ohne Maske hat unser Täter die unverwechselbare Synchronstimme von Alfred Balthoff, deren Wiedererkennungswert auch nicht mit einem "In meiner Maske ist ein Stimmenverzerrer"-Filter geschmälert werden kann.

Darstellerisch darf man ansonsten sicher keine Spitzen erwarten, wenn auch nichts arg ins Auge fällt. Charles Quigley als unbeirrbarer Held Duncan ist zwar erfrischend nüchtern, den geschulten Professor nimmt man ihm aber auch nach der sechsten fachmännischen Beäugung der lustigen Strahlenkanone nicht ab. Linda Stirling, die die weibliche Heldin Diana verkörpert, hat erfreulich viele Momente, in denen sie wichtige Taten abarbeitet, ohne dabei selbst gerettet werden zu müssen, bleibt aber ansonsten merkwürdig blass und hat keine Gelegenheit, ihre Figur irgendwie zu personalisieren.
Was die blanke Filmqualität betrifft, hat man mit einem etwas höheren Budget als üblich und einem routinierten Regisseur-Duo ein sauber fotografiertes Werk vor sich, ohne große Spielereien, aber mit Hand und Fuß. 

The Crimson Ghost ist vielleicht nicht das erste Vorzeigewerk, wenn es um den amerikanischen Gruselkrimi geht, setzt sich aber in sämtlichen Punkten über den Durchschnitt ab. Die Filmversion hat keine einzige Länge, peitscht sich selbst stets nach vorne und bietet einen Unterhaltungswert, der - wenn man das Treiben schon nicht ernst nehmen kann - zumindest im Ulk-Bereich Bestnoten erzielt - was ihn praktisch spielend in die Filmauswahl für einen lustigen Freundeabend katapultiert. Aber auch, wenn man mal nicht weiß, wohin mit sich, vielleicht sogar schwermütig durch die Wohnung stapft, kann The Crimson Ghost Wunder bewirken. Und was braucht ein Film schon mehr, wenn er das auch noch nach fast achtzig Jahren schafft.

Herzliche 6 von 10.

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