Review

„Hoch gelobt und reich prämiert.“ – Der deutsche Film ist in den vergangenen Jahren wieder salonfähig geworden, der deutsche Film erbringt wieder Leistung, die auch jenseits der Bundesgrenzen mit Respekt beachtet wird, der deutsche Film lebt! Maßgeblichen Anteil daran haben junge Filmemacher wie zum Beispiel Fatih Akin, der mit „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewann und damit eine 18jährige Durstrecke des deutschen Films bei der Bären-Verleihung beendete. Doch was ist das für ein Film, den uns der deutschtürkische Regisseur und Drehbuchautor hier präsentiert? Gesellschaftsstudie? Kritische Betrachtung der Eingliederungsproblematik? Oder schlicht und ergreifend eine Liebesgeschichte?

Die junge Deutschtürkin Sibel (Sibel Kekilli) sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben: eingeengt in den Zwängen ihrer traditionsbewussten Familie sehnt sie sich nach Freiraum, den sie letztendlich nur im Selbstmord sieht. Doch ihr Selbstmordversuch scheitert und so lernt sie im Krankenhaus den Alkoholiker Cahit (Birol Ünel) kennen, der ebenfalls gerade erst einen Selbstmordversuch überlebte. Und in Cahit sieht Sibel ihre zweite Chance: eine Scheinehe mit ihm würde sie auf Distanz zu ihrer Familie halten und so das Leben ermöglichen, das sie sich wünscht: ein Leben geprägt von Party, Alkohol und schnellem, unverbindlichem Sex. Zu Beginn läuft alles wunderbar: Cahit mimt der Familie gegenüber den fürsorgenden Ehemann und Sibel spielt als Gegenleistung für ihn die Hausfrau. Cahit fühlt sich jedoch immer mehr zur hübschen Sibel hingezogen und das Unheil nimmt seinen Lauf, als Cahit aus Eifersucht Sibels Liebhaber erschlägt…

Um noch einmal auf die zuvor gestellte Frage zurück zu kommen: Womit haben wir es hier zu tun?

Gesellschaftsstudie? Ja!
Akin präsentiert uns äusserst intensiv einen Querschnitt der deutsch-türkischen Gesellschaftsschicht, jener Gruppierung, die so weit verbreitet wie missverstanden ist. Doch nebenbei präsentiert er uns hier eine schon fast alltägliche Geschichte über Lebensmüdigkeit & Lebensfreude, Freude & Trauer, Liebe & Hass. Eine Geschichte, die in jedem Milieu angesiedelt werden könnte und daher auf die gesamte Gesellschaft projiziert werden kann.

Kritische Betrachtung der Eingliederungsproblematik? Auf gar keinen Fall!
Fatih Akin verliert sich nicht in Stereotypen, die der Behandlung seiner Charaktere als „Paradebeispiel“ für türkische Einwanderer zuträglich wären und so weiteren Nährboden für die Eingliederungsdebatten der (jüngeren) Vergangenheit darstellen würden. Er schafft vielmehr das Bild einer toleranten, offenen Gesellschaft, in deren Mittelpunkt der Mensch und nicht die Herkunft steht.

Oder schlicht und ergreifend eine Liebesgeschichte? Aber hallo!
Von anfänglicher Distanziertheit über die Zweckgemeinschaft hinweg entwickelt sich eine zunächst einseitig gelebte, später jedoch beiderseits empfundene Liebe, die einen tragischen Wendepunkt erlebt. Klassisches Drama, erzählendes Kino in Reinform. Das zuvor Genannte, die Milieustudie, wird dezent in den Hintergrund gedrängt – ganz im Sinne der Liebes- und Lebensgeschichte der beiden Protagonisten Cahit und Sibel. Wir erleben hautnah den Drang Sibels nach Freiheit, jener Freiheit, die sie bei deutschen Frauen so bewundert, jedoch in ihrer konservativ eingestellten Familie nie erreichen kann; zudem erleben wir den Wandel des zunächst lebensmüden Cahit zum durch Sibel aufblühenden und lebensbejahenden jungen Mann, der sich schließlich durch seine Emotionen in sein tragisches Schicksal leiten lässt. Sibel gewinnt ihre lang ersehnte Freiheit durch Catih, und Catih verliert wegen Sibel seine Freiheit… So spielt das Leben…

Fatih Akin erzählt diese Geschichten packend und wundervoll bebildert. Er schafft es damit, sein Publikum von der ersten Episode des Films – in der Cahit sein Auto „Gegen die Wand“ fährt und so versucht, Suizid zu begehen – bis zum vielleicht etwas unglücklich gewählten Ende in seiner Geschichte gefangen zu halten – in der Welt zwischen Hamburg und Istanbul; er lässt den Zuschauer am Schicksal seiner Charaktere teilhaben und es gelingt ihm zur gleichen Zeit, die notwendige Distanz zwischen Film und Zuschauer zu wahren, um so dem Publikum nicht vollends den Atem zu rauben.

Die Leidenschaft der Schauspieler (allen voran Sibel Kekilli & Birol Ünel) untermauert die Tragweite des Gesehenen noch einmal kräftigst, sodass „Gegen die Wand“ als Gesamtwerk stimmig erscheint.

Ein durchschnittlicher Filmemacher fotografiert seine Geschichte in 24 Einzelbildern pro Sekunde. Ein guter Filmemacher hingegen erzählt seine Geschichte in unmessbar vielen Emotionen pro Sekunde. Mit „Gegen die Wand“ hat Fatih Akin bewiesen, dass er zu den guten Filmemachern zu zählen ist. „Gegen die Wand“ ist einzigartig gutes Erzählkino aus deutschen Landen; ein Film, der den Aufschwung des deutschen Films in den letzten Jahren symbolisiert. Lediglich das schwächelnde Ende hält mich hier davon ab, die volle Punktzahl zu geben. 9,5 von 10 Punkten!

Details
Ähnliche Filme