Review

Nie hätte ich mir diesen Film angeschaut, wenn nicht die faszinierende deutsch-türkische Nachwuchsschauspielerin Sibel Kekilli mitgespielt hätte, die dank einer üblen Medienkampagne noch heute mit den paar Erwachsenenfilmen identifiziert wird, mit denen sie sich früher mal was dazuverdient hat - als ob das was schlimmes wäre. Dass ich eigentlich sonst wenig Lust hatte, ihn mir anzusehen, liegt daran, dass ich aufgrund der Deutschtürken-Thematik eine moralinsaure Sozialpädagogenklamotte erwartet hatte. Ein großer Irrtum! Was Fatih Akin dem Zuschauer hier um die Ohren haut, ist eine von wuchtigen Emotionen getragene, authentisch wirkende und brutale Liebesgeschichte ohne Tabus und weinerliche Milieuproblematisierung. Nicht zuletzt ließ mich die sehr fragwürdige FSK12-Freigabe den Film völlig falsch einschätzen.

Der hauptsächlich in Hamburg spielende Film präsentiert die dortige türkischstämmige Szene weder beschönigend noch anklagend, sondern als ein Milieu, das einfach da ist und seine eigenen Regeln hat. Deutsche und Türken begegnen sich nicht unter dem Aspekt ihrer ethnischen Wurzeln, sondern als Mitmenschen, jedoch ohne dass die Bruchlinien dieser Koexistenz vertuscht oder das Trugbild einer heilen multikulturellen Welt präsentiert würde. Das ist wohl die einzig richtige Herangehensweise. Was fast klischeehaft wirkt, ist die (auch z. B. in "Wut" anzutreffende) typische türkische Familie mit dem patriarchalischen Vater und seinem ähnlich traditionell denkenden Sohn, die der Tochter bzw. Schwester einen Lebensweg gemäß der Familienehre vorschreiben. Die sich daraus ergebende Entwicklung samt Ausstoß der Tochter wirkt nahezu schematisch vorprogrammiert. Aber Akin als jemandem, der selbst aus dieser Kultur stammt, ist diesbezüglich wohl Glauben zu schenken.

Birol Ünel, der anfangs mit seinem Vollbart eine gewisse Ähnlichkeit mit Helge Schneider hat, spielt den randalierenden Säufer Cahit mit Hingabe und vermittelt glaubwürdig die Entwicklung vom selbstzerstörerischen Misanthropismus zum zweiten Frühling, der allerdings alles andere als glücklich endet. Sibel Kekilli ist in ihrer nicht minder extremen Rolle mimisch auf der Höhe, Ausstrahlung und Erotik bringt sie ohnehin mit, nur in deutschsprachigen Dialogen (es gibt auch sehr viele in türkischer Sprache) klingt noch eine gewisse Unbeholfenheit durch. Ihr Rollenname, der ebenfalls Sibel lautet, lässt einen autobiographischen Nebenaspekt vermuten. Das restliche Personal, etwa Catrin Striebeck als Geliebte Cahits, ist grundsolide und trägt viel zum authentischen Gesamteindruck bei.

Eine Nebenbemerkung zum Thema Dialoge: Nicht erschlossen hat sich mir der Sinn einer Szene, in der Cahit mit Sibels Schwester Selma Englisch (und das mit starkem Akzent) spricht. Das riecht nach Popkultur und hat mir nicht gefallen, da es einfach nicht passt. Ebenso schwächelt der Film an einer Stelle, wo Cahit mit einem Arzt spricht, der ihn mental auf den richtigen Weg bringen will. Das Gerede des Arztes wirkt lächerlich und soll auch lächerlich wirken, aber trotzdem ist dieser Dialog nicht gelungen. Das sind aber nur Kleinigkeiten.

Der Film handelt von Personen, die das Leben bis auf den Grund ausschöpfen wollen. Dazu gehört körperliche Liebe, aber noch mehr körperlicher Schmerz. In vollem Bewusstsein setzen sich Cahit und Sibel der Brutalität anderer Leute aus, begehen aus Frustration Selbstmordversuche und leben aus vollen Zügen. Die teils vulgäre Sprache gehört ebenso dazu wie die wüsten Gewaltdarstellungen. Besonders eine Szene, in der Sibel ein paar "Osmans" (so das Drehbuch) in Istanbul immer wieder reizt, sie anzugreifen, brennt sich ins Gedächtnis ein. Den Film ab 12 freizugeben, ist von der FSK vielleicht nett gemeint, aber dieser Härte kaum angemessen.

Ein großer Reiz des Films sind auch die Aufnahmen einer türkischen Musikgruppe mit einer Sängerin, in der man bei näherem Hinschauen die Schauspielerin Idil Üner erkennt, die hier ein türkisches Liebeslied wirklich wundervoll darbietet. Wer so seine Probleme mit manchen Eigenarten orientalischer Musik hat, sollte sich hier einfach mal verzaubern lassen. Der Text erinnert an deutsche Liebeslyrik des Mittelalters, was gar nicht verwunderlich ist, denn in dieser Zeit übte die orientalische Dichtung über Spanien und Frankreich auch auf deutsche Lande einen nicht unbeträchtlichen Einfluss aus.

Diesen großartig rohen und kraftvollen Film sollte man sich nicht entgehen lassen.

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