Frontalkino von hinten
Fatih Akins "Gegen die Wand" ist ein Film wie kein anderer. Liebesgeschichte, intim wie episch zugleich. Freiheitskämpfer, hart und weich zugleich. Getragen von zwei faszinierenden Hauptdarstellern wird die ungewöhnliche Liebe zwischen zwei selbstmordgefährdeten Deutschtürken erzählt - ohne Filter, ohne Blatt vorm Mund, ohne Reue. Dafür mit umso mehr Einsicht, Kraft und Wut im Bauch, im Herzen, in der Seele. "Gegen die Wand" nicht als einen der stärksten deutschen Filme der letzten 30 Jahre und wichtigsten zum Thema "Deutschland-Türkei" aufzuführen, wäre eine Frechheit. Jeder, der vielen gewonnen Preise ist verdient, die noch zahlreicheren berührten Herzen sind allerdings fast wichtiger und beeindruckender. Gegen "Head-On", wie er international heißt, hat man keine Chance. Selbst wenn man versucht sich zu wehren oder sich ihm zu entziehen - es wird nicht klappen! So schreibt man moderner Klassiker.
Das deutsch-türkische Verhältnis war immer ein Besonderes und "Gegen die Wand" ist ein filmischer Meilenstein für beide Seiten. Erst recht für türkischstämmige Deutsche zwischen zwei Welten, Ländern, Kulturen. Akin hat danach noch einige sehenswerte Werke abgeliefert - an "Gegen die Wand" zerschellen sie alle ausnahmslos. Was aber nicht an ihnen liegt, sondern einfach an der herausstechenden Potenz dieses wuchtigen Dramas. Hamburg war selten fühlbarer, der Konflikt einer ganzen Generation von Türken ebenso. Wie direkt, radikal und schonungslos Akin viele Bereiche der türkisch(-deutschen) Kultur offenlegt, die guten wie die weniger guten, das ist großes Kino und monumentaler Mut. Im Stile von Fassbinder und Co. hält er einfühlsam, gekonnt, weise und keine Sekunde kitschig den Finger in etliche Wunden. Und die zwei Leads spielen aufopferungsvoll und glaubhaft, wie man es selbst im höchsten europäischen Kino nur ganz selten sieht. Vom Pornostar zur Ausnahmeschauspielerin - Sibel Kekilli ist ein Phänomen, das man sehen muss um es zu glauben!
Fazit: Fatih Akins großes Meisterwerk - ehrlich, hart, dreckig. Ein Dampfhammer voller Emotionen, Straße, Kultur, Sex, Wut und Lebenswille. Inklusive Selbstmordgedanken. Wuchtig und wichtig auf allen Ebenen!